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Ukraine-Krieg: Weniger Geflüchtete kommen nach Polen – für Unternehmen nicht nur ein „Wartesaal“

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Von: Aleksandra Fedorska

Seit einigen Tagen flüchten deutlich weniger Menschen vor dem Ukraine-Krieg nach Westen. In Polen nimmt die Bedeutung des ukrainischen Unternehmertums zu.

Warschau – Bis zum 29. März haben über vier Millionen Menschen aus der Ukraine im Zuge der russischen Invasion das Land verlassen. Es sind überwiegend Frauen und Kinder. Das Ausmaß der Fluchtbewegung ist aber um das Mehrfache größer, da die überwiegende Mehrheit der Ukrainer aus den direkt betroffenen Gebieten in den westlichen Teil der Ukraine geflohen ist.

Angaben des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) sagen aus, dass die allermeisten Ukrainer (2,3-2,4 Millionen) im eskalierten Ukraine-Konflikt* Zuflucht in Polen gefunden haben. Rumänien hat über 600.000 Ukrainer aufgenommen und der relativ kleine Staat Moldawien, der nicht zur EU gehört, beherbergt fast 400.000 Menschen, die vor dem russischen Aggressor auf der Flucht sind.

Die Vereinten Nationen weisen darauf hin, dass 30 Prozent aus Kiew* geflohen sind, mehr als 36 Prozent aus dem Osten der Ukraine und 20 Prozent aus dem Norden. Die große Mehrheit floh entweder zu Beginn des Krieges oder als die Streitkräfte in ihrer Region ankamen. Es wird geschätzt, dass mehr als 12 Millionen Menschen nicht in der Lage sind, die Gebiete zu verlassen, in denen aktiv gekämpft.

Ukraine-Krieg: Dynamik der Fluchtbewegung nach Polen nimmt deutlich ab

Seit einigen Tagen nimmt aber die Dynamik der Fluchtwelle im Ukraine-Krieg nach Polen merklich ab. Die polnische Grenzbehörde teilte über Twitter mit, dass am 28. März die Anzahl der Menschen aus der Ukraine, die die polnische Grenze Richtung Westen überquert haben, um 22 Prozent im Vergleich zum Vortag abgenommen habe. Die Behörde machte darauf aufmerksam, dass seit dem Beginn der russischen Invasion über eine halbe Million überwiegend ukrainischer Männer die Grenze in Richtung Ukraine überquert haben. Bei diesen Personen dürfte es sich um Männer gehandelt haben, die vor dem Krieg in Polen gelebt, studiert und gearbeitet haben und jetzt in ihr Land zurückkehren, um ihre Heimat zu verteidigen.

Menschen, die vor dem Krieg aus der benachbarten Ukraine geflohen sind, warten am Grenzübergang in Medyka im Südosten Polens in einer Schlange.
Menschen, die vor dem Krieg aus der benachbarten Ukraine geflohen sind, warten am Grenzübergang in Medyka im Südosten Polens in einer Schlange. © Sergei Grits/dpa

Polnische Medien gaben bekannt, dass sich inzwischen ganze Unternehmen und Betriebe in Polen befinden und dort ihre wirtschaftliche Tätigkeit fortsetzen. Ein ähnlicher Prozess fand nach der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste in Belarus 2020 statt. Im Zuge dessen wanderten damals vor allem Informatikfirmen nach Polen aus. Sie wurden dabei aktiv von polnischen Behörden unterstützt und betreut. Das Förderprogramm Poland.Business Harbour, das ursprünglich für belarussische Firmen vorgesehen war, wurde schon im Juli 2021 auf ukrainische Unternehmen ausgedehnt.

Ukraine-News: Mehr ukrainische Unternehmen lassen sich in Polen nieder

Das Polnische Wirtschaftsinstitut (PIE) ist der Meinung, dass die Übersiedlung der ukrainischen Unternehmen nach Polen im Verlauf des Ukraine-Kriegs* eine natürliche Strategie sei, um den Krieg in einem sicheren Land abwarten zu können. Es wird geschätzt, dass es über 20.000 Firmen sein könnten. Polen ist für viele Unternehmen eine optimale Lösung, da das Land ohnehin eine wichtige Rolle für die Organisation und die Logistik der ukrainischen Wirtschaft spielt.

Nirgendwo anders sind die Verbindungen und Wirtschaftskontakte so eng, wie zwischen Polen und der Ukraine. Das gilt ganz besonders für Beschäftige, die in der Regel mit Polen wegen eigener Studien- und Arbeitserfahrungen vertraut sind. Hinzu kommt, dass die polnischen Behörden für die ukrainischen Betriebe ein spezielles Unterstützungsprogramm aufgelegt haben. Die Polnische Agentur für Investitionen und Handel (PAIH) fördert und koordiniert die akute Hilfe für ukrainische Unternehmen in Polen seit dem 1. März.

Ukraine-Krieg: Unternehmen in Polen – enge wirtschaftliche Verbindungen der Staaten

„Für die ukrainische Wirtschaft ist Polen* nicht nur ein Wartesaal, um den Krieg abzuwarten. Es ist ein Ort, an dem sich das ukrainische Unternehmertum entwickeln kann, da es Möglichkeiten für kreative und innovative Unternehmungen gibt. Dazu gehört auch das Sammeln von Erfahrungen in der Führung eines Unternehmens in einen EU-Staat”, erklärten die Wirtschaftsanalysten des PIE in ihrer Analyse.

Laut dem PIE machen Firmen, bei denen einer der Anteilseigner ein ukrainisches Unternehmen ist oder eine natürliche Person mit ukrainischer Staatsangehörigkeit, bereits fast ein Viertel (23 Prozent) der in Polen mit ausländischer Beteiligung niedergelassenen Unternehmen aus. Ende Januar 2022, also vor dem Krieg, gab es 218.000 ukrainische Unternehmen. Das sind 2,5 Mal mehr als deutsche und fünfmal mehr als niederländischen Firmen. Der größte Anteil (38 Prozent) der ukrainischen Unternehmen wurde in der Woiwodschaft Masowien registriert, von denen sich die meisten in Warszawa niedergelassen haben. (Aleksandra Fedorska) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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