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Ukraine-Krieg: So groß war das Entsetzen in Polen – „Ich bin in einer neuen Realität aufgewacht“

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Von: Aleksandra Fedorska

Demonstrierende schwenken vor der russischen Botschaft ukrainische Fahnen während einer Demonstration gegen Russlands Invasion in die Ukraine.
Demonstrierende schwenken vor der russischen Botschaft ukrainische Fahnen während einer Demonstration gegen Russlands Invasion in die Ukraine. © Radek Pietruszka/dpa

Auch in Polen reagieren die Menschen schockiert auf die russische Invasion der Ukraine. Unsere Korrespondentin Aleksandra Fedorska berichtet vor Ort.

Kiew/Warschau – Die Furcht, die Front, die Toten und die Desinformation. Das kennen die Ukrainer alles seit Jahren. Der Krieg ist seit 2014 in der Ukraine präsent. Doch die Invasion ändert die Situation entscheidend. Auch das Nachbarland Polen ist vom russischen Angriff schockiert. Vor Ort in Warschau und Poznań habe ich in den vergangenen Tagen viele Gespräche geführt. Von diesen Begegnungen möchte ich in diesem Text berichten – und darüber schreiben, was die Menschen in Polen in dieser Ausnahmesituation umtreibt. Denn eines steht fest: Osteuropa ist in totaler Anspannung.

„Meine Hände zittern, Tränen fließen, ich kann nicht atmen und mein Gehirn explodiert gerade .... konnte nicht schlafen. Warum ist das so verstörend? Ich habe meinen Feed geöffnet ... Ich habe Angst. Ich bin mit einer neuen Realität aufgewacht... Es passiert..”, schreibt die junge Ukrainerin Maria Andruchiw am frühen Morgen des 24. Februar in Poznań, Polen*.

Es ist die Stadt, in der die junge Frau studiert hatte und in der jetzt ihr erfolgreiches Berufsleben begonnen hat. Ihre Familie lebt in der Westukraine. Die Eltern, zwei Schwestern und die Ehepartner, sie alle wollen in der Ukraine bleiben. Flucht ist für sie keine Option. Bis Dienstagmorgen dachte Maria, dass ihre Familie im Westen des Landes sicher ist. Jetzt kommen die Einschläge aber immer näher.

Alle in Europa wollen helfen

Ukraine-Krieg: Emotionale Reaktionen aus Polen – „Welt, die wir bisher kannten, nur noch der Vergangenheit angehört“

In Warschau beginnt aktuell für Journalisten der Tag sehr früh. Auch für Wojciech Jakóbik, Chefredakteur des polnischen Online-Portals für Energiewirtschaft BiznesAlert. In der Ruhe des Morgens genießt er es normalerweise, den einen wichtigen Kommentar des Tages zu schreiben. Bereits am Vortag des 24. Februars schaute er immer wieder auf das Handy. Die Invasion hing seit Tagen in der Luft, eigentlich seit Wochen. Und seit Monaten betont Jakóbik in seinen Texten, Medienauftritten und unzähligen Gesprächen, Ruhe bewahren, Zusammenhalten und Sanktionen seien der richtige Weg.

Als Jakóbik am 24. Februar aufwacht, steht für ihn daher fest, dass er die ukrainische Flagge auf dem Balkon der BiznesAlert-Redaktion hissen wird. Sie weht nun über den Hochhäusern der polnischen Hauptstadt. Im Hintergrund steht das Gebäude des Palastes der Kultur und der Wissenschaften. Es wurde zwischen 1952 und 1955 auf Anordnung Josef Stalins gebaut – damit Polen nicht vergisst, wer von 1945 bis 1989 die Macht in diesem Land hatte.

Eine solche Situation haben wir in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr erlebt, weshalb die Welt, die wir bisher kannten, nur noch der Vergangenheit angehört.

Bartosz Garczyński, Radio Poznań

Der Redakteur Bartosz Garczyński von Radio Poznań wiederum ist kein Frühaufsteher. Und normalerweise ist der langhaarige Teetrinker die Ruhe in Person. Wer seine tiefe Stimme hört, spürt eigentlich schon, wie ausgeglichen der Journalist ist. Doch nicht an diesem Morgen des Kriegsausbruchs. „Trotz vieler Signale habe ich bis zum Schluss geglaubt, dass Russland die Ukraine nicht angreifen würde, aber wie wir wissen, ist es leider anders gekommen. Eine solche Situation haben wir in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr erlebt, weshalb die Welt, die wir bisher kannten, nur noch der Vergangenheit angehört”, sagt Garczyński mir – und gibt damit die aktuelle Stimmung der meisten Polen wieder.

Ukraine-Krise: Die Menschen in Nachbarland Polen sind schockiert und organisieren Proteste

Ich begegne auch Iaroslav. Sein Weg führt ihn an diesem 24. Februar an die Warschauer Metrostation Centrum. Er steht dort mit seinem Blatt Papier, auf dem „#stopPutinNOW“ geschrieben steht, und protestiert gegen den Ukraine-Krieg. Seit 2012 lebt er, wie Millionen Menschen aus der Ukraine und Belarus, in Polen. „Wir halten so lange durch, wie der Westen uns hilft, mit Waffen und Politik. Nord Stream muss endgültig aus sein“, antwortet er auf die Frage, was wir im Westen für die Ukraine tun können. Seine braunen Augen sind voller Kraft und Tatendrang. Es steckt so viel Lebendigkeit darin, auch wenn sie glänzend werden, vor Angst und Traurigkeit. Die Ukraine wird kämpfen bis zum Ende, sagt nicht nur Iaroslav, sondern viele andere Ukrainer am 24. Februar 2022.

Die junge Frau aus Poznań, Maria, organisiert noch am selben Abend den Protest vor dem russischen Konsulat. Die Menschenmenge ist groß. Nicht nur in Poznań, in allen polnischen Großstädten, wird protestiert. In Social Media werden Schlafplätze für Flüchtlinge aus der Ukraine angeboten. Hier eine Couch, da ein kleines Zimmer, warme Jacken für die Kinder, die Liste der Einträge ist endlos. Das ist sehr wichtig, findet auch Maria. Es werden Millionen Menschen aus der Ukraine nach Polen flüchten. Auch Deutschland könnte hier logistisch helfen. Für mehr Information europaweit und weltweit könnte Deutschland auch sorgen. Es ist so wichtig in diesem Krieg, der auch ein Informationskrieg ist.

Sich nicht von der Furcht lähmen lassen, einen gesunden Kritizismus bewahren und einig sein bei den Sanktionen, das ist unsere Aufgabe. Die Aufgabe der freien Welt. Die Ukraine braucht uns jetzt so sehr. (Aleksandra Fedorska) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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