Kevin Kühnert bei einer SPD-Vorstandssitzung
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Kevin Kühnert bei einer SPD-Vorstandssitzung.

„Unangenehm auffälliges Schweigen“

Islamismus „blindester Fleck“? Kühnert stellt deutschen Linken bitteres Zeugnis aus - und bekommt CSU-Beifall

  • Florian Naumann
    vonFlorian Naumann
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Die brutale Enthauptung eines Lehrer bei Paris hat Entsetzen ausgelöst. Kevin Kühnert hört allerdings „unangenehmes Schweigen“ von links - und zieht einen bitteren Schluss.

Berlin - Frankreich leidet seit längerem unter islamistischem Terror - der jüngste Akt war die grausame Enthauptung eines Lehrers in einem Pariser Vorort. Diesmal könnte die Debatte über den Terrorismus unter religiösem Deckmantel über den Rhein nach Deutschland schwappen: SPD*-Vize Kevin Kühnert hat sich mit der Forderung nach klaren Stellungnahmen zu Wort gemeldet - gerichtet ist sein Appell an „die politische Linke“.

Kühnert stellt „politischer Linke“ in Islamismus-Debatte bitteres Zeugnis aus: „Falsche“ und „richtige“ Täter?

„Neben wenigen Stimmen der ehrlichen Empathie melden sich in Deutschland bislang vor allem einige Rechtsaußen zu Wort, die dem links-liberalen Lager vorwerfen, es würde insgeheim mit Islamisten kuscheln“, schreibt Kühnert in einem Gastbeitrag für Spiegel Online.

Wenn die politische Linke den Kampf gegen den Islamismus nicht länger Rassisten und „Hobbyislamforschern“ überlassen wolle, „dann muss sie sich endlich gründlich mit dieser Ideologie als ihrem wohl blindesten Fleck beschäftigen“, erklärte der scheidende Juso-Chef in seinem Text. Sie müsse das Wort erheben, weil es ihre proklamierten Werte seien, „die bei ausnahmslos jedem Terroranschlag mit Füßen getreten, mit Messern erdolcht und mit Sprengsätzen in die Luft gejagt werden“.

Kevin Kühnert in Sorge über islamistischen Terror: SPD-Vize rügt unangenehm auffälliges Schweigen“ von links

Das „unangenehm auffällige Schweigen“ der politischen Linken könne nicht daran begründet liegen, dass sich die Meldung über die Tat in Frankreich nicht verbreitet habe, erklärt Kühnert. Er sieht einen anderen Grund: „Ich bin überzeugt, dass viele von uns dem vom rassistischen Ressentiment lebenden politischen Gegner keine ungewollten Stichworte liefern wollen.“ Es könne der Eindruck entstehen, dass bei dem Vorwurf, in linken Weltbildern gebe es „richtige“ und „falsche“ Opfer oder Täter ein „Funke Wahrheit im Spiel ist“, räumt der 31-Jährige ein.

Wer Terror ablehne, müsse sich gezielt gegen die Anhänger der zugehörigen Ideologien wenden - im Falle des Attentats von Conflans-Sainte-Honorine handle es sich um Islamismus. „Der Kampf gegen diese Leute und ihr Denken muss unser ureigenes Anliegen sein“, betont Kühnert. Niemals dürfe Glaube als „eine die Freiheit einschränkende Sache zwischen einzelnen Individuen“ akzeptiert werden.

Terror in Paris: Kühnert erhält Beifall aus der CSU - Auch Özdemir unterstützt Appell

Zustimmung erhielt der SPD-Vize von ungewohnter Seite: „Endlich muss auch bei der politischen Linken gelten: Konsequent gegen jede Art von Extremismus. Kevin Kühnert hat hier einmal recht!“, twitterte CSU*-Generalsekretär Markus Blume.

Auch Ex-Grünen-Chef Cem Özdemir begrüßte den Vorstoß. „Zu lange fühlen sich linke, liberale, feministische, queere & atheistische Menschen mit ‚muslimischem Hintergrund‘ alleingelassen“, erklärte er in dem Kurznachrichtendienst. „Reformen kommen nur mit klarer Ansprache an muslimische Dachverbände, nicht durch Hoffen“, schrieb Özdemir weiter. Er musste sich allerdings auch Kritik anhören: Die deutsch-kurdische Frauenrechtlerin Seyran Ates warf den Grünen auf das Posting hin vor, „sehr viele Menschen“ in Reihen der Partei seien „ein großer Teil des Problems“.

Ein 47-jähriger Lehrer war am vergangenen Freitag in einem Pariser Vorort getötet und enthauptet worden. Der mutmaßliche Täter mit russisch-tschetschenischen Wurzeln wurde erschossen. Als Motiv der Tat gilt, dass der Lehrer im Unterricht Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte direkt nach der Tat von einem islamistischen Terrorakt gesprochen. Nur wenige Tage zuvor waren zudem Journalisten in der Nähe des früheren Charlie-Hebdo-Büros angegriffen worden. (fn/dpa) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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