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Schwere Verluste für Russland zwingen Putin zu „unvorbereiteter“ Mobilisierung

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Von: Tobias Utz, Andreas Apetz

In Russland wird eine neue Mobilisierungswelle geplant. Der Startzeitpunkt soll feststehen. Doch das Militär scheint kaum vorbereitet zu sein. Der News-Ticker.

Update vom Mittwoch, 30. November, 8.30 Uhr: Die zweite große Mobilisierungswelle in Russland für den Ukraine-Krieg bahnt sich an. Das erwartet das Thinktank „Institute for the Study of War“ mit Verweise auf russische Medienberichte. Allerdings sei das „russische Militärsystem höchst unvorbereitet“ dafür. Aus der ersten Mobilisierung ist bereits bekannt, dass die Behörden maßlos mit dem bürokratischen Aufwand überfordert waren.

Wladimir Putin
Wladimir Putin bei Beratungen mit dem russischen Militär im Kreml. © Alexander Shcherbak / AFP

Präsident Putin möchte mit der neuen Rekrutierung offenbar die schweren Verluste im Kampf gegen die ukrainische Armee kompensieren. Die Mobilisierungswelle soll laut einem Bericht bereits Anfang Dezember starten (s. Update v. 18.00 Uhr).

+++ 18.00 Uhr: Die Pläne der russischen Mobilisierung werden konkreter. Nach Informationen, die dem ukrainischen Generalstab vorliegen, soll Russland ab dem 10. Dezember dieses Jahres mit einer weiteren „Welle der verdeckten Mobilisierung“ beginnen. Die entsprechenden Vorbereitungsmaßnahmen seien bereits in Gange, berichtet der Generalstab der ukrainischen Armee. Die Rekrutierung soll in Russland und in den von russisch besetzten Gebieten der Ukraine stattfinden.

News zum Ukraine-Krieg: Putin plant neue Mobilisierung – und rechnet mit schweren Verlusten

Update vom Sonntag, 27. November, 14.45 Uhr: Die russische Militärführung kalkuliert mit schweren Verlusten im Ukraine-Krieg bis zum Frühjahr. Seit dem 21. November hat Russland laut dem Verteidigungsministerium in Moskau per Dekret rund 300.000 Reservisten eingezogen. Wie ein Informant aus Kreml-Kreisen nun dem russischen Investigativportal Important Stories verraten hat, gehen die Behörden mit Verlusten von jedem dritten Mann aus. Die 100.000 toten beziehungsweise verletzten Soldaten seinen von Russland als „unwiederbringlicher Verlust“ eingeplant. Sie sollen Putins Plänen zur Einnahme von Kiew dienen.

Grundsätzlich ginge es dem russischen Militär aktuell darum, Zeit zu schinden, um sich neu zu formieren. „Ganz allgemein lautet der Plan etwa so: Zeit gewinnen und mit Hilfe der Mobilisierten die Front stabilisieren. Und dann im Frühjahr wieder von vorne beginnen“, zitiert Important Stories eine Kontaktperson des FSB, dem russischen Inlandsgeheimdienst. Eine weitere Quelle aus dem Umfeld des russischen Generalstabs bestätigte die Aussage. Es ginge jetzt darum, „die Frontlinie abzudichten und zu sichern.“

Die hohen prognostizierten Verluste beruhen unter anderem darauf, dass zahlreiche Reservisten ohne richtige Ausbildung und Kampferprobung an die Front geschickt werden. Um die Verluste auszugleichen, sollen bis zum Frühjahr 120.000 Wehrpflichtige an die bruchstückhaften russischen Verteidigungslinien in den Einsatz geschickt werden, heißt es nach Informationen von Important Stories. Das RND berichtete zuletzt sogar von einer geplanten Aufstockung von bis zu zwei Millionen Soldaten.

News zum Ukraine-Krieg: „Eine Million Männer“ – Putin plant neue Mobilisierung nach schweren Verlusten

Moskau – Die russische Armee erleidet täglich schwere Verluste im Ukraine-Krieg. 86.000 Soldaten sollen gefallen sein, wie es in einer Statistik des ukrainischen Generalstabs heißt. Russlands Invasion dauert nun mittlerweile mehr als neun Monate an, angedacht waren 15 Tage, wie Präsident Putin anfangs siegessicher verkündete. Die Pläne des Kreml scheiterten mehrfach, als Beispiel ist die „Befreiung“ des Donbass zu nennen.

Ungeachtet davon verfolgt Wladimir Putin seine Kriegsagenda: Dafür soll es nun offenbar eine neue Mobilisierungswelle vorbereitet werden. Das berichtet jedenfalls das russische Oppositionsmedium Verstka – mit Verweis auf einen anonymen Insider aus dem Kreml. Das bestätigte Stefan Meister. Er ist Russland-Experte beim Thinktank „Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik“. „Ziel ist es, über eine Million Männer einzuziehen und das Land auf eine Kriegswirtschaft umzustellen“, sagte er dem Nachrichtenportal Focus Online. Für ihn stehe fest, dass Russland deutlich mehr Soldaten einziehen werde, als zu Invasionsbeginn. Damals ließ Putin mehrere Hunderttausend Streitkräfte an der Grenze zur Ukraine aufmarschieren.

Putin plant offenbar neue Mobilisierung im Ukraine-Krieg

Eine zweite große Mobilisierung dürfte Putin vor neue innenpolitische Schwierigkeiten stellen. Erst kürzlich wurde bekannt, dass offenbar das Vertrauen der russischen Eliten in den Präsidenten schwindet. Die Gesellschaft „muss sich auf einen längeren Krieg vorbereiten und wird mehr Opfer zu beklagen haben“, sagte Meister laut Bericht. Zuletzt wurde zudem eine Petition aus Russland publik, die ein Ende der Mobilisierungsmaßnahmen fordert. Mehr als 40.000 Menschen haben sie bereits unterschrieben. „Wir fürchten nicht nur um unser eigenes Leben und das unserer Angehörigen, sondern auch um die russische Gesellschaft, um unser Land: Der Tod von schlecht ausgebildeten Rekruten an der Front, der materielle Druck auf die Familien der Mobilisierten (die Notwendigkeit, Uniformen zu kaufen), die Massenflucht junger Menschen ins Ausland - all das schadet Russland“, heißt es in der Petition.

Das russische Oppositionsmedium Verstka geht derweil davon aus, dass die neue Mobilisierung bereits zum Jahreswechsel starten könnte. Derzeit könne man in Russland beobachten, dass Rekrutierungszentren aufgebaut werden, heißt es in Berichten. Präsident Putins Teilmobilmachung Ende September sorgte für behördliches Chaos und Verunsicherung in der russischen Bevölkerung. Dies dürfte wohl Warnung genug für den Kreml sein, die neue Mobilisierung strategischer anzugehen.

Die eingangs erwähnte Kriegsagenda von Putin beinhaltet unter anderem die Unterstützung von Partnerstaaten. Kürzlich konnte er in Kuba einen neuen Verbündeten finden. Nachbarland Belarus sorgte hingegen mit einer klaren Abgrenzung zu Russlands militärischer Strategie für Klarheit im Ukraine-Konflikt. (tu/aa mit AFP/dpa)

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