Die Gäste bei „Maischberger“ (ARD) am 29.06.2022.
+
Die Gäste bei „Maischberger“ (ARD) am 29.06.2022.

Hitzige Debatte zum Energienotstand

Grünen-Chefin blafft CDU-Mann bei Maischberger an - „Sagen Sie: ‚Wir haben hier einen Fehler gemacht!‘“

Können Kohlekraftwerke die Versorgungslücke schließen oder geht es nicht ohne Rückkehr zur Atomkraft? Bei Maischberger wird über die deutsche Energie-Zukunft debattiert.

Berlin – „Da würde ich wirklich mal erwarten, dass man auch mal sagt: Wir haben hier einen Fehler gemacht! Wir haben den Karren in den Dreck geworfen!“ Die Grünen-Parteivorsitzende Ricarda Lang nimmt sich im ARD-Polit-Talk „Maischberger“ den Fraktionsgeschäftsführer der Union, Thorsten Frei (CDU), zur Brust.

Eigentlich sollten die beiden über die Möglichkeiten für eine Überbrückung bis zur vollständigen Energiewende debattieren, doch als sich Frei für eine Laufzeitverlängerung der noch bestehenden drei deutschen AKW ausspricht, wird Lang plötzlich bissig: „Sie setzen sich jetzt hin und sagen, die Regierung muss jetzt einen Plan haben“, blafft sie den CDU-Mann an. „Nach 16 Jahren, wo Ihre Partei dafür gesorgt hat, dass wir jetzt in dieser Situation sind! Dass wir uns abhängig gemacht haben von Russland!“

Sandra Maischberger muss einschreiten, um die Grünen-Chefin zu stoppen: „Die Debatte, wer jetzt wann in den letzten 16 Jahren was falsch gemacht hat, hilft uns jetzt in diesem Winter nicht weiter!“ Doch auch Frei möchte noch seinen Senf loswerden: „Diese Kritik ist nicht legitim, sie ist auch wohlfeil“, wehrt sich Frei. „Warum haben wir die Abhängigkeit? Sprechen Sie mal mit Koalitionspartnern. Gerade in der SPD…“ Maischberger zieht jetzt die rote Karte in Richtung Frei: „Jetzt wollen Sie aber nicht sagen, wir waren es nicht, es war die SPD?!“ Frei gibt kleinlaut bei und kriegt noch knapp die Kurve: „Wir sollten Lehren für die Zukunft ziehen!“

„Maischberger“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Ricarda Lang (B’90/Die Grünen) - Parteivorsitzende
  • Thorsten Frei (CDU) - Union-Fraktionsgeschäftsführer
  • Hanna Polonska - Deutschlehrerin aus Butscha, aus Kiew zugeschaltet

Als Experten: 

  • Rainer Hank - Kolumnist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
  • Sabine Adler - Korrespondentin für Osteuropa beim Deutschlandfunk
  • Dr. Eckart von Hirschhausen - Arzt, Buchautor, Fernsehmoderator, Comedian

Hitzige Debatte zum Thema drohende Kälte im Winter und die große Frage: Was dagegen tun? Und zwar so, dass es für alle bezahlbar wird? Eine Option, die derzeit viel und kontrovers diskutiert wird: AKW-Laufzeiten verlängern? Lang ist strikt dagegen und stellt kompromisslos fest: „Die Atomkraft ist keine Energieform der Zukunft.“

Frei ist anderer Meinung: Es ginge nicht um „das Rückgängigmachen dessen, was wir in der Vergangenheit beschlossen haben“, versichert er, sondern lediglich um eine „Streckung des Betriebes“ in dieser „ganz besonderen Situation“, wo wir auf „einen ganz schwierigen Winter zulaufen“, versucht der CDU-Politiker zu vermitteln. Dass es dabei bei einem Winter wohl nicht bleiben wird, offenbart Deutschlandfunk-Korrespondentin Sabine Adler, die fünf Heizperioden prognostiziert, die zu überstehen seien, um in der schönen, neuen Welt der Erneuerbaren anzukommen.

Lang wird streng: „In der Kosten-Nutzen-Rechnung lohnt es sich nicht!“, untermauert sie ihre Atomstromabsage und zählt Versicherungsprobleme, das Fehlen von Brennelementen und die „ungemein teuren neuen Genehmigungsverfahren“ auf. „Lösbare Probleme!“, behauptet Frei. Die Brennstäbe hielten noch bis zum Frühjahr. „Sie wissen, dass das Uran aus Russland kommt!“, wendet die Grüne ein. Frei widerspricht: „Das kommt aus vielen verschiedenen Ländern“ und zählt mögliche Anwärter auf: Südafrika, Kasachstan … Lang hält erneut mit einem anderen Punkt dagegen: Ohne Genehmigungsverfahren gebe es keinen Versicherungsschutz …

Stehen vor der „größten Transformation der Menschheitsgeschichte“

Doch Frei hält das Risiko für überschaubar: „Die Atomkraftwerke in Deutschland werden fortlaufend auf dem aktuellen Stand gehalten, das wird auch weiterhin so laufen!“, meint er. Lang zieht ihren letzten Trumpf: „Scheindebatte!“, befindet sie. Derzeit gebe es in Deutschland nämlich kein Strom-, sondern ein Wärmeproblem! Lang macht jetzt auf offenbar geknickt: „Wenn wir darauf verzichten könnten, wenn wir die Versorgungssicherheit herstellen könnten, wenn wir die Wärmeversorgung absichern könnten für diesen Herbst und Winter mit der Atomkraft, dann wäre ich die erste, die dazu bereit wäre!“ Doch dann kommt das Aber: „Das ist schlichtweg nicht der Fall.“

Jetzt ist es Moderatorin Sandra Maischberger, die Lang ein Gegenargument serviert. Die Talkmasterin wirft ein Zitat des finnischen Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Atte Harjanne, an die Studiowand und liest vor: „… Unser oberstes Ziel ist es CO2 neutral zu werden, und dafür wollen wir auf Basis der Wissenschaft alle Möglichkeiten ausschöpfen. Wenn die Atomkraft uns am schnellsten dorthin führt, heiligt der Zweck dieses Mittel.“ Maischberger hakt frech nach: „Warum sind die Finnen anders grün als Sie?“, will sie von der Grünen-Chefin wissen, doch die lächelt an der Antwort vorbei: „Jedes Land geht seinen eigenen Weg“, lenkt sie vom Thema ab. Und dann noch: „Wir müssen beim Ausbau der erneuerbaren Energien sehr viel schneller werden.“

Ukrainerin verlor Mann und Baby in Butscha: „Verstehe nicht, wieso man sowas braucht“

Weitaus offener ist Lang gegenüber Tipps zum Energiesparen. Während sich Kanzler Olaf Scholz damit zurückhält, gibt Wirtschaftsminister Robert Habeck gerne Spartipps unter anderem zum Energiesparen beim Duschen. Das Thema dürfe nicht als „politische Verantwortungsabgabe“ auf die Bürger abgewälzt werden, so Lang. Doch wendet sie auch ein, dass die „größte Transformation der Menschheitsgeschichte“, die mit dem weltweiten Klimaschutz der Industrienationen derzeit auf den Weg gebracht werde, auch nicht an der Bevölkerung vorbeigehe. Lang: „Wir werden die Bürger brauchen“ - spricht gar von einer „Renaissance des mündigen Bürgers“.

Zum Ende der Sendung berichtet die 32-jährige Deutschlehrerin Hanna Polonska, die aus Kiew zugeschaltet wird, vom Krieg in ihrem Heimatland. Polonska verlor beim Angriff von Butscha ihren Mann und ihr ungeborenes Kind, überlebte selbst schwerverletzt. Noch immer kann sie nicht richtig gehen, eine weitere Operation steht an: „Die Ärzte im Krankenhaus hatten riesige Angst, weil sie überhaupt nicht wussten, womit anfangen!“ Ihr Wunsch: im deutschen Bundestag sprechen! „Ich würde gerne sagen, dass wir uns verbinden müssen, um gegen diesen Aggressor zu kämpfen.“ Dass ein derartiger Krieg passieren könnte, hätte sie sich nicht vorstellen können, noch heute treibe sie eine Frage um: „Ich verstehe nicht, wieso man sowas braucht!“

Adler befindet: Putins Armee habe zwar moderne Waffen, aber keine moderne Führung. Dazu sei der Zustand Putins „beängstigend“: Adler: „Es wird die Frage gestellt, ob sein Realitätsbezug überhaupt noch da ist.“

Fazit des „Maischberger. Die Woche“-Talks

Heftige Debatte, aber wenig Inhalt. Die AKW-Diskussion ließ die Zuschauer eher ratlos zurück. Nicht nur was das Heizen im Winter angeht, sondern auch in der Frage: Wie soll die Energiewende geschafft werden, wenn die dazu benötigte Energie dauerhaft knapp wird? (Verena Schulemann)