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Selenskyj-Berater schockiert Journalistin mit Schilderung - und fordert neuen Mittelweg von Scholz

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Alexander Rodnyansky und Natascha Sindeewa zum Thema Ukraine-Krieg bei „Maischberger“.
Alexander Rodnyansky und Natascha Sindeewa zum Thema Ukraine-Krieg bei „Maischberger“. © WDR/Oliver Ziebe

Soll es sich Deutschland leisten, Putins Gas und Öl abzudrehen? Maischberger witzelt im Interview mit Finanzminister Christian Lindner über seinen Tankrabatt. 

Berlin - Was der Ukraine-Krieg* mit den europäischen Werten macht, wie schnell die Verrohung vonstatten geht, schildert Alexander Rodnyansky im ARD-Talk „Maischberger“*. Der Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj* berichtet von einem an ihn herangetragenen Verbrechen von den Kriegsfront: In einem Vorort Kiews hätten russische Soldaten vor den Augen des Kindes zuerst den Vater erschossen, dann die Mutter vergewaltigt und sie anschließend ohne Kleider bei Kälte mit dem Kind in die Flucht geschlagen.

Maischberger hakt den erschütternden Bericht ohne weitere Debatte ab. Kein Wort zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag, der Russland bereits aufgefordert hatte, den Krieg unverzüglich zu beenden.

„Maischberger. Die Woche“ - diese Gäste diskutierten mit:

Als Experten: 

Auch bei den weiteren Schilderungen Rodnyanskys bleibt Maischberger sachlich - gerade im Vergleich zu der zugeschalteten russischen Journalistin Natascha Sindeewa, deren Sender Dozhd vor Kurzem eingestellt werden musste, die bei den Darstellungen des Ukrainers offenbar mit den Tränen kämpft. Rodnyansky spricht von einer „gravierenden Zerstörung“ der Infrastruktur vor allem im Norden und Osten seines Landes, von der „eingekesselten Stadt Mariupol*“ und zeigt - wie auch sein Präsident - weiterhin ungebrochenen Kampfgeist: „Wir glauben alle in der Ukraine, dass wir den Krieg gewinnen!“ Allerdings nur mit der Unterstützung aus den westlichen Ländern.

Ukrainer bringt Verständnis für die europäischen Bedenken einer Flugverbotszone auf

Rodnyansky bringt - diese Haltung ist neu - bei Maischberger Verständnis für die europäischen Befürchtungen bezüglich der Einrichtung einer Flugverbotszone über der Ukraine auf*, macht aber gleichsam Forderungen nach Luftabwehrraketen deutlich: „Es muss eine mittlere Lösung zwischen Flugverbotszone und Gar-Nichts-Machen geben.“

In den aktuellen Verhandlungsangeboten Russlands sieht Rodnyansky wenig Substanz. Seit 20 Jahren versuche man nun schon Gespräche mit dem großen Nachbarland. Seine Einschätzung nach nutze Russland die Ankündigung zu Gesprächen lediglich, um Zeit für neuen „Nachschub“ und „Operationen“ zu gewinnen und um im Westen den Eindruck zu vermitteln, es gebe noch Hoffnung - auch um damit eine Mehrheit für fortgesetzte Gaslieferungen zu behalten. Maischberger nickt.  

Wo sich die Moderatorin zurückhält, fährt die ARD-Journalistin Anja Kohl aus der Experten-Runde auf und appelliert in einem fast schon flammenden Redebeitrag für eine klarere Haltung der Ampel-Regierung. Die „Welt ordnet sich gerade neu“, so Kohl. Es sei nicht nur für die Ukraine, sondern für die „gesamte Welt entscheidend“, wer diesen Krieg gewinnen wird. Daher sei ein sofortiger „Wandel der Wirtschaftspolitik“ und ein Umdenken der Bevölkerung nötig: „Es muss im Interesse aller Europäer sein, diesen Krieg schnellstmöglich zu beenden.“

Rodnyansky findet die Warnungen berechtigt: Während die Menschen „aus Osteuropa“ die „Mentalität“ noch kennen würden - der Ukrainer meint damit Skrupellosigkeit der russischen Führung - sei die Bedrohung im Westen „noch nicht angekommen“.

Journalistin für Umdenken: Nicht Deutschland von Gas, Putin sei von Zahlungen abhängig

Kohl sieht es als „Fehler Deutschlands und der EU“ an, „sich nicht dem Öl-Embargo der USA“ angeschlossen zu haben. Denn, so Kohl, „jeder Tag den dieser Krieg länger dauert“, koste. Menschenleben seien ohnehin unbezahlbar, doch auch die wirtschaftlichen Kosten, der Kollaps der russischen Wirtschaft und die „Welternährungskrise“, die - Kohl verweist auf die aktuellen UN-Prognosen - „Afrika in jedem Fall bekommt“, seien nicht länger in Kauf zu nehmen.

Kohl appelliert für ein Umdenken und ein Ende der Abhängigkeit vom russischen Gas. Nicht Deutschland, so die Journalistin, „Putin“ sei „immens“ von unseren Zahlungen abhängig, sei auf den Import vieler Güter angewiesen und werde sein Gas bald „händeringend“ verkaufen müssen. Rodnyansky sieht es genauso: Der „Verkauf von Gas und Erdöl“ treibe die „russische Kriegsmaschine“ voran. Der Ukrainer ist sicher: „Wenn es diesen Verkauf nicht mehr gibt, kommt die Maschine zum Stoppen.“

Kohl sieht kein Problem darin eine Alternative zum Öl zu finden - davon gebe ist in mehreren Ländern und in den Reserven der westlichen Nationen reichlich. Ein Ersatz für Gas sei schwer aber lösbar, ist sich Kohl sicher. Zudem erst ein Problem im kommenden Winterhalbjahr, da das Land über Reserven für drei Monate verfüge. Kohl ist sicher: Die Industrie müsste drosseln, man müsse „sparen“. Doch dass die „Wirtschaft zusammenbricht? Nein!“. „Wenn nicht bei einem Krieg in Europa“, gibt die Journalistin noch zu bedenken, wozu sollten „diese Reserven denn sonst zum Einsatz kommen?“.

Maischberger provoziert Finanzminister Christian Lindner mit Satire zum Tankrabatt

Zum Ende der Sendung wird es kleinteiliger. Finanzminister Christian Lindner (FDP) darf sich noch zu seinem Vorschlag für einen Tankrabatt äußern. Der Zuschauer merkt schnell: Die Chemie zwischen Lindner und der Moderatorin ist nicht die beste. Maischberger zieht den Vorschlag von Lindner durch den Kakao, blendet ein Witzbild aus der Satireshow „extra 3“ groß ein.

Zu sehen ist ein offensichtlich gut situierter, junger Typ mit seinem Wagen vor einer Tankstelle steht, dazu die Sprechblase: „Darum habe ich die FDP gewählt: Dass sie in den Markt eingreift, wenn es mir nützt!“. Lindner ignoriert die ironische Kommentierung mit angespanntem Blick. Auch weiteren Provokationen und Unterbrechungen Maischbergers begegnet Lindner mit bemühter Souveränität, kann sich aber auch ein „Lassen sie mich doch mal aussprechen“, nicht verkneifen.

„Kommt ihr Vorschlag oder nicht?“, will Maischberger von Lindner wissen. Der verweist auf Frankreich, das einen Benzinrabatt eingeführt hat und gibt bissig zurück: „Ich sehe jedenfalls in der SPD viele, die dafür sind!“

Fazit des „Maischberger. Die Woche“-Talks

Da wollte Sandra Maischberger sich nicht den Vorwurf machen lassen, ein Thema der Woche auszulassen und packte alles in eine Sendung: Klimawende, Weltordnung - natürlich der Krieg in der Ukraine - und Spritpreise, sogar noch Corona-Verordnungen. So stand das gezielte Töten von Zivilisten durch russische Bomben sowie die Vergewaltigung und Erschießung von Menschen neben satirischen Kommentaren zum Tankrabatt für „Porschefahrer“ und dem „Putin-Soli“. Letztere wirkten mehr als fehl am Platze. Es sind Zeiten, die Mut verlangen. Bei Maischberger hätte schon „Mut zur Lücke“ gereicht. Verena Schulemann

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