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Experten-Zoff um Putin bei „Maischberger“: EU als Provokateur – oder bald einziger Retter vor dem „Genozid“?

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Die Gäste bei „Maischberger“ (ARD) am 28062022.
Die Gäste bei „Maischberger“ (ARD) am 28.06.2022. © ARD Mediathek (Screenshot)

Bei Maischberger streiten zwei Politikwissenschaftler über die politischen Hintergründe im Ukraine-Krieg. Wer provoziert hier wen? Die Moderatorin schreitet an anderer Stelle ein.

Berlin – „Amerika ist auf dem absteigenden Ast“, proklamiert der emeritierte Politik-Professor Christian Hacke im Politik-Talk „Maischberger“ im Ersten ziemlich unakademisch. Ums Abendland stehe es nicht gut, befindet er. „Wir sehen eine Kräfteverschiebung vom politischen Westen Richtung Asien. Europa verliert an Gewicht.“ Mit Blick auf die US-Präsidentschaftswahlen in zwei Jahren unkt der Experte: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir in zwei Jahren das nicht mehr haben, was wir gesehen haben: atlantische Zivilisation, die freien Demokratien geführt durch die Amerikaner.“

Maischberger debattiert den G7-Gipfel: Außer schönen Bildern nix gewesen? „High five und so.“

Bei Maischberger geht es diesmal um ein Resümee des G7-Gipfels - der „schöne Bilder“ in schlechten Zeiten produziert habe, wie Welt am Sonntag-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld kommentiert. Satiriker Friedrich Küppersbusch drückt es schnoddriger aus: G7 habe gezeigt, dass alle „Buddies sind. High Five und so“. Das ist aber eine der wenigen Übereinstimmungen an diesem Abend.

Bei Maischberger knarzt es heftig im Debatten-Gebälk - sowohl in der Expertenrunde als auch zwischen den Gästen in der Gesprächsrunde. In Sachen Ukraine-Krieg bekommen die beiden Journalisten sich in die Haare. Rosenfeld befindet: „Wie ein Frieden in der Ukraine aussieht, das muss die Ukraine bestimmen“. Eine Steilvorlage für Küppersbusch, der den US-amerikanischen Philosophen Noam Chomsky zitiert: „Die Amerikaner bekämpfen die Russen bis zum letzten Ukrainer“. Doch Rosenfeld hat keine Lust auf Süffisanz: „Ich mach‘s weniger philosophisch, sondern ein bisschen mehr realpolitisch“, bleibt sie bei ihrem Standpunkt. „Die Ukraine hat das zu entscheiden.“

„Maischberger“ - diese Gäste diskutierten mit:

Als Experten: 

Neben den netten Fotos habe es beim G7-Gipfel wenig Tiefgang gegeben, kritisiert auch Außenpolitik-Expertin Daniela Schwarzer: Was wir gesehen haben, ist, dass für die ganz großen Probleme nur wenige Antworten gefunden wurden“, resümiert sie und zählt die drohenden Hungersnöte für weite Teile Afrikas, den Klimawandel und den Ukraine-Krieg auf. Hacke gefällt, dass es vor allem Scholz gewesen sei, der den exklusiven Kreis der reichen Nationen hin zu fünf anderen Schwellenländern geöffnet habe, darunter der Senegal, Südafrika und Indien und sieht darin gar eine „Neujustierung der Weltpolitik“. Rosenfeld ordnet den Schritt eher als „knallharte Wirtschaftsinteressen“ ein: „Wer hat diesen Ländern am Ende mehr zu bieten?“. Auch Schwarzer ist vorsichtiger und sieht in dem Schritt lediglich eine Verschiebung des Westens „in Richtung Asien“.

Putin-Streit in der ARD: Professor sieht EU als Putin-Provokateur - Maischberger schreitet später ein

Hacke vertritt die These, dass US-Präsident Joe Biden mit dem Krieg in der Ukraine die amerikanische Interessensphäre ausweiten wolle, um damit Russland zu schwächen und sieht dahinter ein strategisches Kalkül des Westens, der bereits zuvor jahrzehntelange seine Hemisphäre ausgeweitet habe. Auch die EU-Beitrittskandidatur der Ukraine ist Hacke ein Dorn im Auge. Diese Unternehmungen würden Wladimir Putin lediglich „provozieren“, unkt er, und dazu führen, dass die Ukraine das „geteilte Deutschland der heutigen Zeit“ werde. In der „dann ein Teil zu Russland“ gehöre, während der westliche Teil „möglicherweise der EU beitrete“.

Höhepunkt ist Hackes Warnung vor einem Einsatz russischer Nuklearwaffen und damit dem Beginn eines Dritten Weltkrieges, den der Professor heraufziehen sieht, wenn der Westen die Ukraine ohne Unterlass mit Waffen beliefere. Dass er sich damit genau in der Argumentationslinie Putins befindet, scheint den Professor nicht zu stören, auch Moderatorin Sandra Maischberger setzt Hacke keine Kontrapunkte. Dafür schreitet sie an anderer Stelle ein. Nämlich als Hacke eine sexistische Attitüde an den Tag legt und seine These mit den Worten in Richtung Schwarzer einleitet: „Sie sind eine reizende und kluge Frau, aber ich muss Ihnen widersprechen. Das sage ich ohne Arroganz.“ Maischberger findet das alles andere als charmant und kommentiert bissig: „Dann lassen sie es doch.“

Ukraine-Krieg: EU bald allein auf weiter Flur? Expertin warnt vor Ausstieg der USA

Schwarzer versucht die Aussagen ihres Vorredners zu entkräften: Die rigorose Rücksichtslosigkeit Putins stelle die Staatengemeinschaft vor große Herausforderungen. Ihre Befürchtung gehe nicht in Richtung einer Eskalation des Krieges, sondern „dass der politische Rückhalt in Europa und den USA bröckeln wird“, so Schwarzer: Der Krieg drohe, sich zu einem langandauernden Stellungskrieg zu entwickeln. Dabei gehe es Putin um „die Vernichtung der ukrainischen Identität“; Schwarzer spricht von „Genozid“.

Ob Deutschland dann einer Führungsrolle in Europa gerecht werden könne, sei noch ein großes Fragezeichen, so Schwarzer. Nicht unwichtig sei dabei auch das Ergebnis der US-Wahlen in zwei Jahren: „Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass für die Republikaner Donald Trump oder eine sehr ähnliche Person antritt.“ Schaue man sich dazu die immensen Kosten an, die der Krieg in der Ukraine für die USA bereits jetzt verursache, sei es „zweifelhaft, ob in der nächsten Legislatur die Unterstützung“ weiter bestehe. Stattdessen könnte der nächste Präsident finden: „Das ist eure Angelegenheit.“ Die Signale, die Europa seit Monaten bekomme, seien eindeutig: „Stellt euch darauf ein, kümmert euch mehr um eure Nachbarschaft.“

Im zweiten Teil der Sendung geht es um ein anderes Problem: den Klimawandel. Zum Gespräch sitzt der beliebteste Wetterexperte der ARD bei der Sender-Kollegin im Sessel und soll einen Ausweg aus Katastrophen-Zukunft vorschlagen. Meteorologe Sven Plöger schlägt sich wacker: Man müsse „die Markwirtschaft ertüchtigen auf dem sozialen und dem ökologischen Auge“, schlägt er vor und ist sicher: „Es gibt ganz viele Unternehmen, die Ideen haben.“ Dem Idealismus setzt Friedrich Küppersbusch böse Realsatire in Bezug auf eine mögliche Verlängerung der deutschen Atomkraftwerke und die Rückkehr zur Steinkohle entgegen: „Robert Habeck hat ein großes Talent darin, seine persönliche Lernkurve als Bundesautobahn zu verkaufen“.

Fazit des „Maischberger. Die Woche“-Talks

Kontroverse Standpunkte und knackige Kommentare. Bei Maischberger lag Krawall in der Luft. Das tat der Qualität der Sendung keinen Abbruch, wirkte aber so geballt dann stellenweise doch zu polemisch. (Verena Schulemann)

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