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Die „Macht der Sportwetten“: Gefährlich und kaum reguliert

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Von: Andreas Schmid

Sportwettenwerbung, wie hier von bwin in Dortmund.
Im Stadion allgegenwärtig: Sportwetten-Werbung, wie hier von bwin in Dortmund. © Imago/Moritz Müller

Sie sind omnipräsent: Werbungen für „Ihre Wette in sicheren Händen“ oder den „sicheren Tipp für euch“. Der Aufruf zu Sportwetten wird bisher nur lasch reguliert.

München – Tobias Blümel setzte mit 16 Jahren 2,50 Mark auf den Ausgang von drei Bundesligaspielen – und gewann 21 Mark. Es folgten 15 von Sportwetten bestimmte Jahre samt sozialem Absturz. „Die Wettsucht hat mich ins Gefängnis gebracht“, sagt der 37-Jährige, der wegen Beihilfe zum schweren Betrug und krimineller Beschaffung von Bargeld inhaftiert war.

Heute leistet er Präventionsarbeit an Schulen und Sportvereinen, um auf die Gefahren des Sportwettens aufmerksam zu machen. „Dadurch merke ich immer wieder aufs Neue, wie viel Macht die Sportwetten im Fußballbereich eingenommen haben.“ Eine Macht, die immer mehr Rendite abwirft – und kaum reguliert wird, wie Experten aus Politik und Wissenschaft Merkur.de von IPPEN.MEDIA erzählen.

Sportwetten: Bündnis will Werbung deutlich einschränken

Vor der am Freitag beginnenden Bundesligasaison rührten Anbieter wie bwin oder tipico die Werbetrommel für den Saisonauftakt. Auf ihren Homepages und vor allem in den Medien. Fans werden geradezu dazu aufgerufen, auf den Ausgang der Spiele zu tippen. Der Verein „Unsere Kurve e.V.“ sieht „eine Grenze des Erträglichen überschritten“. Fansprecher Markus Sotirianos meint: „Fußball-Interessierte können sich der Werbung kaum noch entziehen.“

Ilona Füchtenschnieder vom Fachverband Glücksspielsucht spricht von „Werbeirrsinn“ und „Etikettenschwindel“, Professor Nicolas Klein von Transparency International von „verantwortungsloser Sportwetten-Werbung“. Es werde zu wenig auf die Gefahren des Wettens eingegangen. Die Experten unterstützen das auf Initiative von Fanorganisationen gegründete „Bündnis gegen Sportwetten-Werbung“. Es fordert die weitestgehende Einschränkung von Sportwetten-Werbung in Deutschland.

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Höher, schneller, weiter: Sportwetten in Deutschland feiern Rekordumsatz

Das Sportwettengeschäft boomt. Im Jahr 2021 machte allein der deutsche Markt 9,4 Milliarden Euro Umsatz: ein neuer Rekordwert. In Zeiten der Geisterspiele fanden sich Fans auf der Couch vor dem Fernseher wieder. Der Griff zum Handy nicht weit, der nächste Tipp nur wenige Klicks entfernt. „Insbesondere durch die Sponsoring-Ausfälle in Folge der Corona-Pandemie tauchte die Werbung für Sportwetten in den Stadien noch einmal verstärkt auf“, sagt Grünen-Politiker Philip Krämer.

Der finanzielle Erfolg der Wettanbieter fußt auf den Verlusten der Kunden. Vor allem von denen der Vielspieler, die hohe Beträge setzen. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind in Deutschland rund eine halbe Million Menschen glücksspielsüchtig. Wie viele davon auf den Sportwettenmarkt entfallen, ist nicht bekannt. Zumal Sportwetten als „Glücksspiele mit Kompetenzanteil“ gelten, also in der Theorie beeinflussbar sind. Aktuelle Studien gehen derweil von über eine Million Betroffenen aus, mit einer Vielzahl an Menschen mit riskantem Spielverhalten. Das „Bündnis gegen Sportwetten-Werbung“ schreibt: „Unter den Personen, die an Sportwetten teilnehmen, haben nur knapp 50 Prozent ein vollkommen unproblematisches Spielverhalten.“

Sportwettensucht ist meist kein Individualproblem. Oft würden ganze Familien ruiniert werden, sagt Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD), ein Verfechter stärkerer Werberegulierungen. „Schätzungen gehen davon aus, dass pro glücksspielsüchtiger Person bis zu 15 Angehörige betroffen sind und von den Folgen der Spielsucht in Mitleidenschaft gezogen werden.“ Das weiß auch Fabian, der 14 Jahre lang wettsüchtig war und unserer Redaktion seine Geschichte erzählte.

Sportwetten: Welche Bevölkerungsgruppe ist besonders anfällig?

Dazu erklärt das „Bündnis gegen Sportwetten-Werbung“: Junge, männliche Mitglieder von Sportvereinen wetten deutlich häufiger und sind auch anfälliger, ein risikoreiches Verhalten zu entwickeln. Das hängt vor allem damit zusammen, dass sie glauben, aufgrund ihrer Fußballkenntnisse einen Einfluss auf ihren Wetterfolg zu haben. (Dabei überschätzen sie jedoch ihre Kompetenz, wie Studien gezeigt haben). Oftmals weist diese Personengruppe zudem einen Migrationshintergrund auf.

Sportwetten: 16 der 18 Erstligisten haben einen „offiziellen Sportwettenpartner“

Für die Vereine der Fußball-Bundesliga sind Wettanbieter ein wichtiger – weil lukrativer – Werbepartner. Die meisten Klubs haben einen „offiziellen Sportwettenpartner“, wie gleich fünf Bundesligaklubs ihr Engagement mit Betway beschreiben. Auch die deutsche Nationalmannschaft hat einen Werbedeal mit einem Wettanbieter abgeschlossen. DFB-Pokal und 3. Liga werden von bwin gesponsert, Tipico ist offizieller Partner der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und damit der 1. und 2. Bundesliga. Der „Tipico-Countdown“ stimmt die Sky-Zuschauer auf die Spiele um 15.30 Uhr ein, ehe es um 18.30 Uhr zum „Tipico-Topspiel“ kommt.

TipicoFC Bayern
BetwayEintracht Frankfurt, Hertha BSC, VfB Stuttgart, Werder Bremen, Schalke 04
bwinBorussia Dortmund, 1. FC Köln, Union Berlin
InterwettenBorussia Mönchengladbach, VfL Wolfsburg, TSG Hoffenheim
TipwinBayer Leverkusen
Sportwetten.deVfL Bochum
888sportRB Leipzig
fb88.comFSV Mainz 05
ohne direkten SportwettenpartnerFC Augsburg, SC Freiburg (haben beide Lotto als Partner)

Zudem sah man vergangenes Jahr Sportikonen wie Oliver Kahn oder Lothar Matthäus für „Ihre Wette in sicheren Händen“ oder „den sicheren Tipp für euch“ werben. Das schaffte Authentizität – und ist mittlerweile verboten. Seit Inkrafttreten des aktuellen Glücksspielstaatsvertrags am 1. Juli 2021 dürfen aktive Sportler und Funktionäre nicht mehr für Wettanbieter werben. Für Vereine gelten diese Einschränkungen nicht. Die Werbeplattform Stadion wird im Glücksspielstaatsvertrag sogar ausdrücklich gestattet.

In Sportstätten ist Werbung für Glücksspiele nur in Form der Dachmarkenwerbung auf Trikots und Banden sowie ähnlichen Werbemitteln erlaubt.

GlüStV § 5 Werbung

Sportwetten: Suchtbeauftragter Blienert fordert Werbeverbot

Aus Sicht des Sucht- und Drogenbeauftragen der Bundesregierung, Burkard Blienert (SPD), „ist Werbung für suchtgefährdende Angebote nie etwas Sinnvolles“. Denn Sportwetten-Werbung erreicht zwangsläufig auch suchtanfällige Menschen, wie Suchtexpertin Gabriele Koller von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der LMU München erzählt. Die Werbung erzeuge „natürlich einen gewissen Suchtdruck“. Im Zusammenhang mit Wettsüchtigen spricht Koller vom Auslösen eines „Cravings“. Der englische Begriff meint das starke Verlangen bei Suchtkranken, das durch gewisse äußere Faktoren (sogenannte Trigger) beeinflusst wird. Werbung tritt als solcher Triggerfaktor auf. „Die Werbung schafft einen zusätzlichen Anreiz zum Spielen.“

Blienert wünscht sich „natürlich so wenig Werbung für Sportwetten wie möglich, am besten überhaupt keine.“ Es sei „eine ganz schlechte Entwicklung“, dass Werbung und Sponsoring im Profifußball in den letzten Jahren eine so dominante Rolle eingenommen haben. „Man fragt sich ja schon fast, was eigentlich im Vordergrund steht, der Sport oder das große Wettbusiness.“

Er fordert daher eine „vernünftige Werberegulierung für Sportwetten“ schon vor der WM in Katar. Konkret: ein Verbot der Fernseh-, Rundfunk- und Internetwerbung vor 21 Uhr, wie dies für Onlinecasinos der Fall ist. „Damit würde zumindest der Jugendschutz ein Stück weit gestärkt.“ Tobias Blümel war 16, als er das erste Mal getippt hat, offiziell erlaubt sind Sportwetten erst ab dem Erwachsenenalter. Wie viel er verloren hat, kann er nicht genau sagen. „Aber ich habe im Millionenbereich gespielt, also allein vom Umsatz her.“

Tobias Blümel, ehemals sportwettenabhängig
Tobias Blümel hat über Jahre lang nahezu sein ganzes Geld in Sportwetten gesteckt. Nach einem Gefängnisaufenthalt leistet er heute Präventionsarbeit bei Schulen und Vereinen. © privat

SPD und CDU uneins beim Glückssspielstaatsvertrag: „schlechter“ oder „guter“ Kompromiss?

Zuständig für den Glücksspielstaatsvertrag sind die Länder. Die Innenministerkonferenz beschäftigte sich im Dezember mit Sportwetten-Werbung. Bremens Senator Mäurer wollte ein Verbot erwirken – scheiterte aber an der Position seiner Amtskollegen. Die aktuelle Rechtslage bezeichnet der SPD-Politiker als schlechten Kompromiss. „Die Regelungen gehen nicht weit genug, den Wettanbietern müssen deutlichere Grenzen gesetzt werden.“ Mäurer fordert daher ein „radikales Umdenken“. Die Zeit dränge. „Wenn wir erst mal ein paar Millionen Spielsüchtige in Deutschland haben, ist es zu spät.“

Der sportpolitische Sprecher der CDU/CSU, Stephan Mayer, schlägt andere Töne an – und spricht von einem „langwierig verhandelten, fairen und guten Kompromiss“. Ein Sportwetten-Werbeverbot sei „nicht erforderlich“. Ähnlich argumentiert sein FDP-Amtskollege, Philipp Hartewig. Er bewertet den Glückspielstaatsvertrag als „sinnvollen Schritt in die richtige Richtung“. Der Jugendschutz müsse aber ebenso betrachtet werden, wie die Suchtprävention und die Eindämmung der Schwarzmarkt-Kriminalität.

Sportwetten-Werbung: FDP denkt an Steuern - Grüne nehmen Vereine in die Pflicht

Die FDP sieht die Debatte auch aus einer ökonomischen Perspektive. Ein Teil der Einnahmen aus Sportwetten müsse „weiterhin zur Förderung öffentlicher und steuerbegünstigter Zwecke verwendet werden.“ Würde man Glücksspiel-Werbung weiter regulieren, gingen dem Staat Steuereinnahmen der Wettanbieter verloren. „Sportwettenanbieter führen nach eigenen Angaben gemäß Rennwett- und Lotteriegesetz Sportwettsteuern in Deutschland ab“, erklärt Hartewig. 5,3 Prozent der Einnahmen. 2021 seien das 470 Millionen Euro gewesen.

Der Grünen-Politiker Krämer wiederum will die Werbung regulieren. Er kritisiert die Fernsehclips am Rande von Fußballspielen als „oftmals sehr martialisch“ und „in höchstem Maße manipulativ“. Krämer ist Mitglied im Sportausschuss und sagte unserer Redaktion: „Die Zunahme der Werbung für Sportwetten ist höchst problematisch und sollte von der Politik regulierend angegangen werden.“ Er nimmt neben den Ländern auch die Vereine in die Pflicht und nennt die Selbstverpflichtung auf den Verzicht von Sportwetten-Werbung als denkbare Option. „Das wäre eine gute Lösung, weil die Vereine und Verbände ihrer gesellschaftlichen Verantwortung dadurch gerecht würden.“

Sportwetten: Stark reguliert in Italien und Spanien - lasch in England

Interessant ist der Blick in andere Länder, wo es beide Extreme gibt. In Italien und Spanien gelten Werbeverbote für Sportwetten im Fernsehen. In den Niederlanden, Belgien und Dänemark diskutiert die Politik derzeit über entsprechende Verbote. In England wiederum gehört die Konfrontation mit Wettanbietern zum Fußballschauen dazu. Premier-League-Klubs wie West Ham United oder der FC Southampton laufen mit einem Wettanbieter als Trikotsponsor auf.

Faninitiativen wie die Coalition Against Gambling Ads (zu Deutsch: Gemeinschaft gegen Glücksspielwerbung) wollen das ändern. Unterstützung erhalten sie von Vereinen aus den unteren Ligen, etwa vom Drittligisten Forest Green Rovers, der als erster Klub in England Sportwetten-Werbung im Stadion verbot.

Die einflussreichen Klubs schweigen hingegen – ebenso wie der von Sky Bet gesponsorte Verband, der zwar zum „sicheren Glücksspiel“ aufruft und Kampagnen startet – sich aber gleichzeitig offenbar nicht die Einnahmen seines wichtigen Partners entgehen lassen will. Einnahmen, von denen hierzulande auch der deutsche Verband profitiert. Eine Anfrage von Merkur.de von IPPEN.MEDIA an die DFL blieb unbeantwortet.

Bündnis zeigt „Rote Karte für Sportwetten“

In Richtung DFL, vor allem aber an die Adresse der Politik, zeigt das neugegründete Bündnis die „Rote Karte für Sportwetten-Werbung“. Sie hätte mit den propagierten Werten des populärsten Sports der Welt nicht zu tun. „Das Geschäftsmodell beruht darauf, Menschen zum Wetten zu verleiten und daraus Geld zu machen.“ Das weiß auch Ex-Zocker Blümel: Zur „Macht der Sportwetten“ sagt er: „Das muss einfach eingedämmt werden.“

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