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Triage

Wer wird gerettet, wer nicht? Wie Alter in Corona-Zeiten doch zum Kriterium werden kann

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Für die Triage-Empfehlungen der Fachgesellschaften gibt es Lob – aber es bleibt auch einiges offen bei der Frage, welchen Schwerkranken im Zweifel geholfen wird und welchen nicht.

  • Corona-Pandemie*: Experten legen Empfehlungen für eine Triage vor
  • Umgang mit Schwerstkranken in überlasteten Intensivstationen wird thematisiert
  • Wiener Theologe Ulrich Körtner: „Man braucht Maßnahmen, wie man sie nur aus der Katastrophen- und Kriegsmedizin kennt“

Es dürfte der Alptraum jeder Ärztin, jedes Arztes sein: in einer Extremsituation entscheiden zu müssen, welche Patientinnen, welche Patienten behandelt werden sollen und welche nicht – und deshalb mit einiger Wahrscheinlichkeit sterben müssen. Ein Konflikt von enormer ethischer und moralischer Dimension, den man sich kaum vorstellen mag. 

Die „Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin“ (Divi) hat deshalb einen Kriterienkatalog veröffentlicht, an dem sich Ärztinnen und Ärzte orientieren können, wenn während der Covid-19-Pandemie die Ressourcen in Notaufnahmen und Intensivstationen nicht mehr ausreichen und sie unter Schwerkranken eine Auswahl treffen müssen; Triage lautet der Fachbegriff dafür, den seit Corona auch medizinische Laien kennen. Hinter der Divi stehen sieben medizinische Fachgesellschaften, darunter die Akademie für Ethik in der Medizin.

Verantwortung in der Corona-Krise: Heilungschancen sollen entscheiden

Nun hat zudem der Deutsche Ethikrat „Ad-hoc-Empfehlungen“ zur „Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise“ vorgelegt. Darin wird gleich zu Beginn der Vorrang der Politik betont. „Wissenschaftliche Beratung“ sei wichtig, könne und dürfe sie aber nicht ersetzen. „Die Corona-Krise ist die Stunde der demokratisch legitimierten Politik“, lautet der Schlusssatz der Publikation. Auch der Umgang mit Schwerstkranken in überlasteten Intensivstationen wird im Papier des Deutschen Ethikrates thematisiert. „Triage-Situationen“ gelte es zu vermeiden, heißt es. Und es müsse sichergestellt werden, dass Entscheidungen unabhängig von sozialem Status, Herkunft, Alter oder Behinderung getroffen würden. 

Genauso sehen es die „klinisch-ethischen Empfehlungen“ der sieben Fachgesellschaften vor. So betonen die Wissenschaftler darin, dass eine „Priorisierung“ aufgrund „sozialer Kriterien“ oder des Alters „nicht zulässig“ sei. Das hat Bedeutung insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass in italienischen Krankenhäusern schwer kranke Covid-19-Patienten über 80 zum Teil nicht mehr behandelt wurden, was durch die dortigen Richtlinien gedeckt ist.

Den deutschen Empfehlungen zufolge sollen allein medizinische Gesichtspunkte den Ausschlag geben

Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Tübingen berichten Ähnliches aus dem Elsass. Die Wissenschaftler hatten am Montag die Universitätsklinik Straßburg besucht. Sie berichten von Zuständen ähnlich wie in Italien, die die Ärzte zur Auswahl zwingen. Das Kriterium dabei sei das Alter: Wer die 80 überschritten habe, werde nicht mehr unbedingt beatmet. Dieses Vorgehen soll laut den Tübinger Wissenschaftlern von der französischen Ethikkommission getragen werden. Das Universitätsklinikum Straßburg bestritt allerdings, dass das Alter das einzige Kriterium sei.

Den deutschen Empfehlungen zufolge sollen allein medizinische Gesichtspunkte den Ausschlag geben, welche Patienten weiter intensivmedizinisch behandelt werden – wobei die Erfolgsaussichten einer Therapie das entscheidende Kriterium sind. Experten bewerten die Inhalte des Papiers der Fachgesellschaften positiv, sagen aber auch, dass es „überfällig“ gewesen sei, wie es etwa Robert Ranisch vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften und dem Institut für Ethik und Geschichte und Medizin der Universität Tübingen, und Ulrich Körtner, Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin an der Universität Wien, formulieren. Nachbarländer wie Österreich und die Schweiz waren mit ihren Kriterien früher dran.

Corona-Pandemie: Besondere Handreichungen für Hausärzte

Die deutschen Empfehlungen seien „ausreichend umfangreich“, eine große Hilfe im klinischen Alltag und sorgten dafür, „dass Entscheidungen nachvollziehbar, transparent und ethisch vertretbar getroffen werden können“, lobt Nils Hoppe, Professor für Ethik und Recht in den Lebenswissenschaften an der Leibniz-Universität Hannover, die Vorschläge.

Kritisch sieht er allerdings die Empfehlung, dass die Triage „frühestmöglich stattfinden“ solle. „Das bedeutet unter Umständen eine Entscheidung durch Hausärztinnen und -ärzte. Dies würde den wichtigen Anspruch einer interdisziplinären Konsensentscheidung, wie sie in einem Klinikkontext möglich ist, unterlaufen“, sagt der Wissenschaftler. Er regt deshalb an, „besondere Handlungsempfehlungen für Hausärztinnen und -ärzte“ in Betracht zu ziehen. Auch gibt Hoppe zu bedenken, dass indirekt doch das Alter zum Kriterium werden kann – weil bei Covid-19 „außerordentlich oft eine Korrelation von Alter und anderen zugrundeliegenden Erkrankungen die Erfolgsaussichten der Behandlung beeinträchtigen“.

Der Wiener Theologe Ulrich Körtner betont, dass das Thema Triage nicht nur „hinter den Kulissen“ – also in Fachkreisen und in der Politik – diskutiert werden dürfe. „Die Bevölkerung sollte wissen: Die Lage ist tatsächlich so ernst, dass man schon jetzt einen Plan B braucht, nämlich Maßnahmen, wie man sie nur aus der Katastrophen- und Kriegsmedizin kennt.“

Auch Robert Ranisch findet es wichtig, über den vorliegenden Kriterienkatalog der deutschen Fachgesellschaften „offen“ zu diskutieren. „Dies mag schwerfallen, ist aber notwendig.“ Dabei müsse man sich vor „Moralisierung in Acht nehmen“, sagt der Geschäftsführer des Klinischen Ethik-Komitees am Universitätsklinikum Tübingen. Für „Dilemmasituationen“ gebe es „keine idealen und schon gar keine einfachen Antworten“.

In einem weiteren Schritt müssten die Empfehlungen dann aber auch „mit der notwendigen Verbindlichkeit“ versehen werden, mahnt Ranisch. Denn bislang sei der Katalog der Fachgesellschaften nur ein Vorschlag ohne „bindende Wirkug für Einrichtungen des Gesundheitswesens“.

Und noch einen Aspekt spricht der Tübinger Ethiker an: Mit Blick auf das Personal in Kliniken müsse Sorge getragen werden „für mögliche entlastende Maßnahmen wie Nachbesprechungen oder psychologische Betreuung“. Denn die Belastung dieser Menschen sei „kaum zu überschätzen“.

Von Pamela Dörhöfer und Stefan Brändle

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