War leider ziemlich sinnfrei: Die Teststationen an den bayerischen Autobahnen.
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Waren leider ziemlich sinnfrei: Die Teststationen an den bayerischen Autobahnen.

Auch BRK schlägt Alarm

Unglaubliche Panne bei bayerischen Corona-Tests: 44.000 ohne Ergebnis - 900 sind infiziert, aber wissen es nicht

  • Klaus-Maria Mehr
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Bereits seit Tagen ist klar, dass bei den Auswertungen der freiwilligen Corona-Tests an den bayerischen Autobahnen ziemlich viel schiefläuft. Jetzt ist das skandalöse Ausmaß klar.

  • Klang wie eine gute Idee: Freiwillige Corona-Tests* für Reiserückkehrer am Flughafen München* und an den Autobahnen.
  • Nur funktionieren tut das Ganze offenbar nicht.
  • Gesundheitsministerin Melanie Huml gesteht fatale Pannen bei den Tests ein. 900 Menschen sind bei den Coronavirus*-Tests positiv getestet worden - und wissen es nicht.

Update, 12. August, 21.03 Uhr: Nach dem beispiellosen Versagen der bayerischen Regierung bei den Corona-Tests an den Autobahnen, erntet Ministerpräsident Markus Söder Spott und Kritik - auch vom Koalitionspartner. Eine Chronologie seines Scheiterns.

Ein großes Manko bei der Ecolog-Corona-Teststation am Flughafen München ist offenbar die Telefon-Hotline. Eine Mutter ließ sich dort Ende August testen und erlebte Schockierendes.

Unglaubliche Panne bei bayerischen Corona-Tests: 900 positiv - und wissen nichts dasvon

Update vom 12. August: München - Die Verzögerungen bei der Übermittlung von Corona-Testergebnissen in Bayern haben deutlich dramatischere Ausmaße als bisher bekannt: 44.000 Reiserückkehrer warten nach Tests in Bayern noch auf das Ergebnis, darunter auch 900 nachweislich positiv getestete. Die Infizierten sollten bis Donnerstagmittag ihr Ergebnis bekommen, sagte Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) am Mittwoch in München. Der Zeitverzug ärgere sie „massiv“, sie bedauere das sehr. Es gebe eine „Übermittlungsproblematik“, „da gibt es nichts schönzureden“.

An den Autobahn-Raststationen und an Bahnhöfen seien bisher rund 60.000 Menschen aus ganz Deutschland getestet worden. Angaben, wie lange die Menschen bereits warten, konnte Huml nicht machen. Die Probleme habe es nicht an Flughäfen gegeben, wo zudem rund 25.000 Menschen getestet worden seien. Auch Markus Söder zieht Konsequenzen.

Ursprünglicher Artikel vom 9. August 2020: München - Rund 50.000 Reisende haben die Gratis-Tests für Urlaubs-Rückkehrer in Bayern bereits in Anspruch genommen. Gleichzeitig gibt es viel Kritik an den kostenlosen Corona-Tests in Bayern*, unter anderem von den Hausärzten. Doch das wird nun nochmal getoppt. Recherchen mehrerer Medien zeigen, dass das bayerische Test-Angebot für Urlaubs-Heimkehrer im besten Fall zu nervigen Wartezeiten führt. Im schlimmsten Fall wiegen sich die Reiserückkehrer in falscher Sicherheit.

Corona-Tests für Reisende in Bayern: 50.000 wurden getestet - doch was die Ergebnisse taugen ...

Die Entnahme der Proben läuft zwar für die Reiserückkehrer relativ problemlos und kaum mit Wartezeiten. Doch danach beginnt das lange Warten auf das Corona-Testergebnis. Mehrere Medien berichten übereinstimmend, dass Wartezeiten von mehr als sieben Tagen bei den freiwilligen Tests, die seit über einer Woche an den bayerischen Autobahn-Grenzübergängen sowie am Flughafen München und an bayerischen Bahnhöfen angeboten werden, keine Seltenheit sind.

Patrick S., Geschäftsführer in München, wartet seit über einer Woche auf sein Ergebnis nach einem freiwilligen Test am Flughafen München, wie er dem Münchner Merkur* berichtet. Mehrmals hat er bei der Firma Ecolog angerufen, die den Zuschlag für die Tests am Flughafen vom Freistaat bekommen hatte. Doch auch dort scheint es personell eng zu sein. Oftmals ging niemand ran. Und wenn doch - wurde er vertröstet. Patrick S. wird sich nun vor Ende seines Urlaubs einen privaten Test leisten.

Reisende bestätigen zudem, dass sie nach einem freiwilligen Test bei der Einreise nach Bayern nie ein Corona-Testergebnis erhalten haben. Das zuständige Bayerische Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) erklärte via Sprecher der FAZ, dass „Personen, die sich haben freiwillig testen lassen, leider länger auf ihre Befunde warten mussten“.

Corona-Tests für Reisende in Bayern: Lange Wartezeiten auf Ergebnis - und falsche Testergebnisse

Noch schlimmer hört sich der Fall eines 16-jährigen Schülers an, über den die SZ berichtete. Der Jugendliche hatte laut seiner Mutter nach einem Test am Flughafen München das negative Testergebnis einer anderen Person zugeschickt bekommen. Auf Betreiben der Eltern habe der Hausarzt den Burschen ebenfalls getestet - Ergebnis: positiv.

Dabei sei angemerkt: Diese freiwilligen Coronatests werden vom Staat, also vom Steuerzahler bezahlt.

Diese Berichte zeigen ein prekäres Bild. Denn schlimmstenfalls wiegen sich die getesteten Rückkehrer in falscher Sicherheit, wenn sie nichts mehr hören. Abgesehen davon sind sieben Tage alte Tests nahezu nutzlos, sofern sich die Getesteten nicht bis zum Ergebnis in selbstauferlegte Quarantäne begeben haben.

Die Corona-Zahlen in Deutschland steigen. Deshalb hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder außerplanmäßig sein Kabinett zusammengerufen. Thema sollen auch die Schulen sein.

Freiwillige Corona-Tests in Bayern wurden wohl völlig überstürzt eingeführt - Personalmangel bei Anbietern

Wie die SZ-Recherche weiter zeigt, wurden die kostenlosen bayerischen Corona-Tests offenbar völlig überstürzt und ohne Bereitstellung der nötigen Ressourcen eingeführt. Die Testzentren konnten nur am Laufen gehalten werden, weil ehrenamtliche Helfer des Bayerischen Roten Kreuzes eingesprungen waren. BRK-Präsident Theo Zellner wird gegenüber der SZ ungewöhnlich deutlich:

Das BRK hat die Aufgabe, bei Einsätzen wie Hochwasser zu helfen, das Betreiben von Testzentren gehört nicht dazu.

BRK-Präsident Theo Zellner

Mehr noch: Eigentlich sollte ein privater Anbieter im Auftrag des LGL übernehmen. Der hat aber offenbar keine Leute. So werden wohl weiter die ehrenamtlichen Helfer vom BRK gebraucht werden.

Corona-Tests an Autobahnen in Bayern: BRK-Helfer auf Anschlag „wie im Skianzug in der Prallen Sonne“

Die sind aber jetzt schon am Anschlag. Die Helfer an den Autobahnen müssten alle halbe Stunde ausgetauscht werden, weil sie in Vollschutzanzügen arbeiteten. Sie seien dann erschöpft und nassgeschwitzt, „wie in einem Skianzug und der prallen Sonne“, sagte der Rotkreuz-Sprecher. Täglich seien 180 bis 250 Freiwillige im Einsatz, insgesamt seien es rund 2000. Der Einsatz könne auf ehrenamtlicher Ebene so aber nicht weitergehen. Kommende Woche müsse die Arbeit an professionelle Dienstleister übergeben werden.

Mehr noch: „Wir bekommen bis zu 150 Anrufe und E-Mails pro Tag, in denen sich die Getesteten beschweren, dass sie noch immer kein Ergebnis haben“, sagt BRK-Sprecher Sohrab Taheri-Sohi dem Münchner Merkur*. Doch das BRK hat mit der Testauswertung gar nichts zu tun. Trotzdem sei der „Reputationsschaden" fürs BRK enorm.

In Rostock müssen heute 67 Lehrer und Schüler in Quarantäne, weil vier Kinder positiv auf das Coronavirus getestet worden sind. Sie wurden bereits bei ihrer Einreise nach Deutschland vom Urlaub getestet. Da lautete das Ergebnis: negativ.

Söder beruft Corona-Kabinettssitzung ein - Es soll auch um die Tests gehen

Für Montag (10. August) beruft der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sein Kabinett zur außerplanmäßigen Sitzung ein. Die Corona-Tests stehen neben den Maßnahmen fürs neue Schuljahr auf der Tagesordnung. *Münchner Merkur und Merkur.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Urlaub trotz Corona: Politiker stellen gravierende Forderungen für Reisen in Risikogebiete.

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