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Corona als „Tschernobyl-Moment“: Epidemiologe fordert Umdenken - FDP gibt ein Versprechen

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Von: Florian Naumann

Wie kann die deutsche Corona-Politik besser werden? Andrew Ullmann (FDP, li.) und Hajo Zeeb tauschen Argumente.
Wie kann die deutsche Corona-Politik besser werden? Andrew Ullmann (FDP, li.) und Hajo Zeeb tauschen Argumente. © imago/picture-alliance/M. Litzka

Corona-Jahr drei naht. Für IPPEN.MEDIA schildert Epidemiologe Hajo Zeeb ein Paket an Maßnahmen für Lockdown-Ende und bessere Vorbereitung. In einem Punkt scheint die FDP anderer Meinung.

Berlin/Bremen - Deutschland geht in ein herausforderndes drittes Corona-Jahr* - nun unter neuer politischer Führung. Die Pandemie kann zwar auch eine Bundesregierung nicht einfach beenden. Aber sie muss wohl das immer wieder gerügte Management der Krise verbessern, am besten sogar Deutschland für kommende Katastrophen besser vorbereiten. Das ist jedenfalls die Hoffnung vieler Menschen im Land. Aber wie kann das funktionieren?

Corona: Lockdowns und „nicht tragbare“ Lasten - Epidemiologe sieht viele Misstände, die Ampel antwortet

Hajo Zeeb, Experte für Evaluation und Prävention am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie, hat in dieser Hinsicht ein ganzes Paket an Vorschlägen: Er attestiert in seinem Gastbeitrag für IPPEN.MEDIA eine nicht „tragbare“ Dauerbelastung der Krankenhäuser - und fordert neue, schnell aktivierbare Einrichtungen, einen anderen Umgang mit Menschen und Helfern vor Ort und auch eine andere Kommunikation zwischen Politik und Wissenschaft. Zeeb hat bei aller Kritik - und dem eindringlichen Hinweis auf Covid als „Tschernobyl“-Moment - aber auch eine positive Vision parat: Einen Ausweg aus dem Wechsel von „eingeschränktem Alltag und Lockdown“.

Adressat ist natürlich die Ampel-Koalition in Berlin*. Auf Zeebs Vorschläge antwortet in unserer Serie zu den wichtigsten politischen Herausforderungen 2020 Andrew Ullmann, Gesundheitsexperte der FDP*-Fraktion. „Es ist außer Frage, dass wir nicht zu ‚business as usual‘ zurückkehren können“, räumt er ein - und gibt ein klares Versprechen, an dem sich SPD*, Grüne* und Liberale werden messen lassen müssen. Auch ein deutlicher Unterschied zu Zeebs Forderungen tritt aber zu Tage: Es geht um die Patentrechte bei den Corona-Impfungen.

Corona: Epidemiologe warnt vor immer neuen Pandemie-Problemen in Deutschland - Maßnahmen-Paket nötig?

Corona als „Tschernobyl-Moment“: Viele Versäumnisse - Experte Zeeb fordert Maßnahmen-Paket der Ampel

Im Mai 2021 erschien im Lancet ein Bericht des „Independent Panels for Pandemic Preparedness and Response“, in dem die COVID-19 Pandemie als der Tschernobyl-Moment des 21. Jahrhunderts bezeichnet wird. Es wird eine dringende Transformation der Gesundheitssysteme gefordert, um der Welt eine Folge von Katastrophen zu ersparen. Klar ist, dass die Dauerbelastung der kostenträchtigsten Einrichtungen unseres Gesundheitssystems, der Intensivstationen, und der Krankenhäuser insgesamt nicht tragbar ist.

Insofern müssen erstens Wege gefunden werden, die Krise aus den Krankenhäusern herauszuhalten, indem die wichtigsten Funktionen der primären gesundheitlichen Versorgung, Prävention und Gesundheitsförderung entschieden gestärkt werden. Eine hohe Kapazität zum Testen und Kontaktnachverfolgen ebenso wie für das schnelle und massenhafte Impfen muss vorhanden und jederzeit aktivierbar sein. Ärztliche Impfpraxen, Impfzentren und weitere Impfanbieter, dabei insbesondere multiprofessionelle mobile Impfteams mit Kenntnis der lokalen Bedingungen, werden im Jahr 2022 und darüber hinaus gebraucht.

Dieses vorgelagerte System ist auch extrem wichtig, um Vertrauen zu schaffen und mit lokalen Communities zusammenzuarbeiten, die die Pandemiebekämpfung und Stärkung von Gesundheit und Resilienz zu ihrer eigenen Sache machen. Dies ist noch nicht ausreichend geschehen, obwohl viel Bereitschaft und Einsatzwillen existiert.

Es wird nach zwei Jahren dringend Zeit, die Coronakrise stärker in ihren globalen und überdauernden Dimensionen zu verstehen und die Maßnahmen und Strukturen nicht nur für eine aktuelle Welle, sondern nachhaltig zu gestalten.

Hajo Zeeb, Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie

Zweitens geht es um einen leistungsfähigen Öffentlichen Gesundheitsdienst. Das RKI leistet an zentraler Stelle entscheidende Arbeit, die Gesundheitsämter brauchen vor Ort jedoch zeitnah noch mehr Unterstützung und starke Allianzen, um mit den essentiellen Funktionen der Fallerkennung- und - isolation sowie Kontaktnachverfolgung die Ausbreitung neuer Coronawellen effektiv einzudämmen. Ob der Fachkräftemangel für die Maximalversorgung von Patientinnen und Patienten zeitnah – schon in 2022 – erfolgreich vermindert werden kann, ist fraglich. Er bleibt aber eins der ganz dringlichen Probleme auf dieser höchsten Ebene eines pandemiefesten, funktionierenden Gesundheitssystems.

In der Wissenschafts-Politikkommunikation muss sich die Einrichtung des Expertenrates schnell bewähren – aus meiner Sicht kam er als offizielles Organ viel zu spät. Es wird nach zwei Jahren zudem dringend Zeit, die Coronakrise stärker in ihren globalen und überdauernden Dimensionen zu verstehen und die Maßnahmen und Strukturen nicht nur für eine aktuelle Welle, sondern nachhaltig zu gestalten. Umfassende Digitalisierung aller Informationswege, eine deutlich besser koordinierte Gesundheitskommunikation und eine viel entschiedenere globale Zusammenarbeit beim Impfen und der Stärkung von Gesundheitssystemen sind dringende Aufgaben. Ein entscheidender Schritt, der sogar von der USA – aber bisher nicht von Deutschland - unterstützt wird, wäre die vorübergehende Aussetzung von Patentrechten.

Neue Varianten, nicht ausreichender Alltags-Infektionsschutz und zu geringe Impfraten lassen die Abfolge von wenig eingeschränktem Alltagsleben und Lockdowns derzeit noch unausweichlich erscheinen. Ein hoher Immunitätsgrad in der Bevölkerung – besser durch Impfung als in Folge einer Erkrankung – ist der Schlüssel zum Übergang in die Endemie, in der wir ohne Lockdown, sondern – wenn nötig - mit lokalen gezielten Maßnahmen auskommen.

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„Ampel hat diese Aufgabe“: FDP-Experte Ullmann gibt ein Pandemie-Versprechen

Zurecht spricht der Bericht des „Independent Panel for Pandemic Preparedness and Response“ davon, dass Covid-19 der Tschernobyl-Moment des 21. Jahrhunderts sein muss. Die Pandemie hat uns weltweit die Verletzlichkeit unserer Gesundheitssysteme vor Augen geführt. Es ist außer Frage, dass wir nicht zu „business as usual“ zurückkehren können. Wir müssen aus den Erkenntnissen lernen und Probleme, die während der Pandemie offen zu Tage getreten sind, entschlossen angehen.

Wir als Ampel-Koalition stellen uns dieser Aufgabe. Zuallererst haben wir das Krisenmanagement neu aufgestellt. Für die akute Phase der Pandemie wurden ein wissenschaftlicher Pandemierat und ein gemeinsamer Krisenstab der Bundesregierung eingesetzt. Damit stellen wir die wissenschaftliche Beratung auf eine breitere Basis und verbessern die gesamtstaatliche Koordination, um notwendigen Schutzmaßnahmen umzusetzen und einen umfassenden Impfschutz voranzutreiben. Wir müssen alle Kräfte bündeln, um die Krankenhäuser zu entlasten. Unser zentraler Ansatz ist hier die Stärkung der primären gesundheitlichen Versorgung, der Prävention und Gesundheitsförderung.

Zudem haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, den öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) dauerhaft zu stärken und ihn in Zusammenarbeit mit den Ländern und Kommunen neu aufzustellen. Die Pandemie hat die wichtige Funktion der Gesundheitsämter allzu deutlich gemacht.

Auch wenn wir uns mit aller Kraft dem Kampf gegen die Pandemie widmen, vergessen wir dabei nicht Strukturen zukunftsfähig und krisenfest zu gestalten – in Deutschland und weltweit.

Andrew Ullmann, Infektiologe und Gesundheitsexperte der FDP-Bundestagsfraktion

Wir müssen die personellen und digitalen Lücken dort dringend schließen. Auch das RKI wird gestärkt. Zusätzlich wird ein neues Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit am Bundesministerium für Gesundheit geschaffen. Mit dem Institut sorgen wir für eine bessere Vernetzung des ÖGD und eine dringlich benötigte verbesserte Gesundheitskommunikation, indem dort die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung angesiedelt wird. Damit adressieren wir die Schwachstellen in der gesundheitlichen Aufklärung sowie Gesundheitskompetenz und verleihen der öffentlichen Gesundheit mehr Gewicht. Außerdem verfolgen wir den „One Health“-Ansatz für mehr Resilienz gegenüber potentiellen neuen Pandemien.

Die globale Dimension muss noch stärker in den Vordergrund gerückt werden. Denn die Coronapandemie ist erst vorbei, wenn sie weltweit unter Kontrolle gebracht wurde. Daher stärken wir die COVID-19-Impfkampagne COVAX. Sie ist unsere globale Exit-Strategie aus der Krise*. Gleichzeitig unterstützen wir freiwillige Produktionspartnerschaften und den Transfer von Know-how, um die Produktionskapazitäten für Medikamente und Impfstoffe weltweit auszubauen. Damit bringen wir uns nachhaltig in die internationalen Debatten um eine gerechte Impfstoffversorgung ein.

Auch wenn wir uns mit aller Kraft dem Kampf gegen die Pandemie widmen, vergessen wir dabei nicht Strukturen zukunftsfähig und krisenfest zu gestalten – in Deutschland und weltweit. Wir machen unser Gesundheitswesen stark, verbessern Arbeitsbedingungen der Gesundheitsberufe und Pflegekräfte und fördern Prävention, Innovationen und Digitalisierung. Wir werden unserer globalen Verantwortung gerecht, indem wir uns für eine gute Gesundheitsversorgung weltweit einsetzen und die WHO durch einen mutigen Reformprozess stärken.

Die aktuelle Krise muss als Chance für Veränderung und Fortschritt begriffen werden. Wir werden sie keinesfalls ungenutzt verstreichen lassen.

Dieser Artikel ist Teil zwei einer dreiteiligen IPPEN.MEDIA-Reihe zu einigen der großen Herausforderungen für die neue Ampel-Koalition im Jahr 2022. Teil eins brachte den Migrationsexperten Gerald Knaus und den SPD-Abgeordneten Lars Castellucci in Dialog - Knaus forderte unter anderem eine internationale Koalition für Flüchtlingsaufnahme und europäische Seenotrettungszentren. In Teil zwei warf der Klimafolgenforscher Michael Pahle der Ampel einen Rückzieher unter fadenscheinigem Vorwand vor, die Grüne-Politiker Ingrid Nestle rechtfertigte das Vorgehen. (fn) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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Prof. Dr. Hajo Zeeb leitet seit 2010 die Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. Zuvor arbeitete der Epidemiologe unter anderem bei der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf.

Prof. Dr. Andrew Ullmann sitzt seit 2017 für die FDP im Bundestag und ist Mitglied im Gesundheitsausschuss. Der Infektiologe ist zugleich Facharzt für Innere Medizin und Professor an der Universität Würzburg.

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