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Jagd auf abgestürzten US-Jet im südchinesischen Meer: Verlieren die USA ihren modernen F-35C an China?

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Von: China.Table

Ein F-35C Lightning II Jet der US-Luftwaffe im Flug über ein verschneites Gebirge
Wer findet den gesunkenen Kampfjet zuerst? Der F-35C Lightning II der US-Luftwaffe (undatiertes Archivbild) © Lockheed Martin/Imago/Zuma Wire

Ein US-Kampfjet stürzte ins Südchinesische Meer. Die Bergung aus tiefer See ist extrem schwierig. Dennoch rechnen Experten mit einem Wettlauf zwischen den USA und China.

Berlin – Solche Aufnahmen wollte die US-Navy unter allen Umständen vermeiden: Eine im Internet aufgetauchte Videosequenz zeigt den Absturz eines amerikanischen Kampfjets beim Anflug auf einen Flugzeugträger. Das Flugzeug prallt auf die Landebahn, geht in Flammen auf und stürzt anschließend ins Meer. Es sind nur 51 Sekunden – doch sie könnten weitreichende sicherheitspolitische Folgen haben. Denn im vorliegenden Fall handelt es sich um eine F-35C, den Vorzeigekampfjet der USA; Stückpreis: rund 100 Millionen US-Dollar. Zudem befinden sich an jenem Tag die F-35C und ihr Flugzeugträger USS Carl Vinson auf Patrouille* in einem der umstrittensten Seegebiete der Welt: dem Südchinesischen Meer.

Die Echtheit der Aufnahmen wurde inzwischen bestätigt. „Uns ist bekannt, dass Videomaterial von Flugdeckkameras an Bord der USS Carl Vinson (CVN 70) vom Absturz der F-35C Lightning II am 24. Januar im Südchinesischen Meer* unbefugt veröffentlicht wurde. Es gibt eine laufende Untersuchung sowohl des Absturzes als auch der unbefugten Veröffentlichung des Videomaterials an Bord“, kommentiert die US-Navy den Vorgang.

Doch weit wichtiger: Das US-amerikanische Militär muss dringend das Problem der Bergung lösen. „Die F-35C liegt wahrscheinlich in einer Tiefe zwischen 11.000 und 18.000 Fuß, das ist eine technische Herausforderung“, sagt der australische Verteidigungsexperte Peter Layton im Gespräch mit China.Table. Umgerechnet ist das eine Tiefe von bis zu 5.400 Meter. Doch der Wissenschaftler vom Griffith Asia Institute im australischen Queensland ist optimistisch. Denn vor nicht allzu langer Zeit hat die US Navy so etwas schon einmal geschafft: Anfang 2018 gelang vor der Küste Japans die Hebung eines Transportflugzeugs vom Typ C-2 Greyhound aus 5.600 Meter Tiefe. Und so ist Layton denn auch überzeugt, dass die Bergung der F-35C im Südchinesischen Meer gelingen werde. „Das Unterfangen erscheint machbar, und die US Navy wird alles tun, was dafür nötig ist.“

US-Kampfjet F-35C: Für China eine Goldmine an Informationen

Layton ist ehemaliger australischer Air-Force-Offizier und weist im Gespräch noch auf ein anderes Problem hin, welches die US-Truppen zusätzlich unter Erfolgsdruck setzt: China*. „Ich bin sicher, dass China nur zu gerne die F-35C bergen würde.“ Zum einen wäre es ein enormer Prestigegewinn, wenn Peking etwas gelinge, das die USA nicht geschafft haben. „Zum anderen ist das Flugzeug eine Informations-Goldmine“, erklärt der frühere Luftwaffenpilot. Die F-35C ist vollgepackt mit modernster Militärtechnologie.

Die F-35C ist eine von drei Varianten der F-35:

Alle drei Modelle verfügten über Tarnkappenfähigkeiten. Aber die F-35C sei die neueste und am besten entwickelte Version, erklärt Layton. „Bei der US-Version, die nicht für den Export, sondern nur für die US Navy und die Marine Corps bestimmt ist, handelt es sich zweifelsohne um die technologisch fortschrittlichste F-35. Im US-Verteidigungsministerium sorgt allein der Gedanke, eine F-35 könne in chinesische Hände gelangen, für erhebliche Unruhe. „Wir sind uns des Wertes einer F-35 in jeder Hinsicht bewusst“, sagte Pentagon-Sprecher John Kirby auf einer Pressekonferenz. „Und während wir weiterhin versuchen, das Flugzeug zu bergen, werden wir dies natürlich vor allem im Hinblick auf die Sicherheit tun, aber eindeutig auch aufgrund unserer eigenen nationalen Sicherheitsinteressen. Und ich denke, hierbei werde ich es belassen.“

In Peking streitet man derweil jegliches Interesse an dem abgestürzten Kampfjet ab. Man habe entsprechende Berichte wahrgenommen, sagte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums. „Es ist nicht das erste Mal, dass die USA* einen Unfall im Südchinesischen Meer haben. Aber wir haben kein Interesse an diesem Flugzeug“, so Zhao Lijian. „Wir fordern das betroffene Land auf, Dinge zu tun, die dem Frieden und der Stabilität in der Region förderlich sind, anstatt in der Region die Muskeln spielen zu lassen.“

China interessiert an Stealth-Technologie der USA

Douglas Royce lässt sich von solchen Aussagen nicht beirren. Royce ist ein erfahrener Militärexperte und arbeitet derzeit bei Forecast International, einer amerikanischen Beratungsfirma mit Fokus auf Verteidigungs-, Luft- und Raumfahrttechnologie. Er ist überzeugt, dass die Chinesen vor allem am Fahrwerk, an den Sensoren sowie den verbauten Materialien für die Stealth-Technologie interessiert sind. „Sicherlich kennen sie bereits einige der verbauten Technologien. Doch in diesem Fall würde den Chinesen ein kompletter Fighter in die Hände fallen und ihnen so ganz neue Erkenntnisse über den Aufbau und die Fähigkeiten liefern.“ 

Sollte den Chinesen tatsächlich die Bergung des Wracks gelingen, würden sie zum „reverse engineering“ übergehen, vermuten Layton und Royce unisono. Mit „reverse engineering“ bezeichnen Experten das Auseinandernehmen erbeuteter Waffensysteme, um technologische Geheimnisse zu lüften. China würde damit gleich zwei Ziele erreichen: Zum einen könnten die eigenen Ingenieure viel lernen; zum anderen würde Peking so den technologischen Vorsprung der Vereinigten Staaten verkürzen.
Es wäre nicht das erste Mal: Schon mehrmals beklagte die amerikanische National Security Agency den Diebstahl von Design und Technologie amerikanischer Flugzeuge. Besonders im Fokus der Spione: der B-2-Bomber, die F-22 Raptor – und eben die F-35-Jets. Vor allem die chinesischen Kampfflugzeuge Chengdu J-20 und Shenyang J-31 sollen stark von amerikanischer Technologie profitiert haben.

China und der US-Kampfjet: International gängiger Technologieklau

Eher zufällig kam China 2001 in den Besitz amerikanische Flugzeugtechnik. Am 1. April 2001 kollidierten ein US-Spionageflugzeug vom Typs Lockheed P-3 mit einem chinesischen Kampfflugzeug und musste anschließend auf Hainan notlanden. Wie im Protokoll vorgesehen, begann die US-Crew mit der Vernichtung wichtiger Daten und Technik. Doch der chinesische Zugriff erfolgte schnell – und war überaus ertragreich: Er sicherte sich unter anderem kryptografische Schlüssel oder Namen von Mitarbeitern der National Security Agency. Auch Informationen über die Radarsysteme der US-Alliierten weltweit fielen in chinesische Hände. Außerdem erfuhr Peking, dass die Vereinigten Staaten per Signalübertragung Chinas U-Boote verfolgen können. China nahm die US-Maschine komplett auseinander. Erst drei Monate nach der Kollision wurde das letzte Stückchen Flugzeug an die Amerikaner zurückgegeben.

Aber auch die USA seien beim „reverse engineering“ kein unbeschriebenes Blatt, erklärt der Rüstungsexperte Julian Spencer-Churchill im Gespräch mit China.Table. „Die Amerikaner haben beispielsweise 1975 sehr vom Belenko-Überlauf mit dessen MiG-25 nach Japan profitiert“, erklärt der Politologe von der Concordia Universität im kanadischen Quebec. Der sowjetische Pilot Wiktor Belenko desertierte am 6. September 1976 mit einer MiG-25P und landete im japanischen Hakodate. Seine MiG-25P galt bis dato als gut gehütetes Militärgeheimnis der sowjetischen Luftstreitkräfte.

Peter Layton führt im aktuellen Fall der F-35C im südchinesischen Meer noch einen dritten Aspekt an: „Die Oberfläche des Jets ist ein Mix aus Metallen und Kompositmaterialien, die Radarsignale absorbieren können. Sollte China das in die Hände bekommen, könnten sie gezielt Gegenmaßnahmen entwickeln und so die Wirkung neutralisieren.“ Das chinesische Radar könnte also künftige getarnte US-Flugzeuge sehen.

F-35C: Sichert sich China den Jet?

Spencer-Churchill glaubt dennoch nicht, dass China ernsthaft die Bergung der abgestürzten F-35C anstrebt. „Das würde die USA extrem provozieren, und in diesem Fall verfügen die Amerikaner ganz eindeutig über die Eskalationsdominanz.“ Zudem ist zu bezweifeln, ob sich Peking die extrem hohe technische Herausforderung einer Bergung aus derartiger Tiefe aufbürdet.
Experten wie Layton und Royce sind allerdings überzeugt, dass zwischen den USA und China längst ein Wettrennen um die Bergung des vom US-Konzern Lockheed Martin hergestellten Tarnkappenjets begonnen hat. Zu verlockend ist der Zugang zu neuester Militärtechnologie, zumal der US-Kampfjet im Südchinesischen Meer liegt – in einem Gebiet, auf das China seit Jahren mit Nachdruck Anspruch erhebt, in dem China fortwährend Militärstützpunkte aufbaut* und zu dem es einen internationalen Schiedsspruch schlichtweg ignoriert.

Von Michael Radunski

Michael Radunski berichtete viele Jahre aus Indien und China über Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport. Besonders prägte ihn sein Aufenthalt in Chinas Hauptstadt Peking. Vor seinem langen Aufenthalt in Asien arbeitete Michael Radunski für die FAZ, wo er unter anderem am Onlineauftritt der Zeitung mitwirkte. Seit kurzem ist Radunski wieder in Deutschland und arbeitet als Redakteur das China.Table Professional Briefing.

Dieser Artikel erschien am 14. Februar 2022 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht er nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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