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Unabhängigkeit von China als Irrweg? Exil-Uigure warnt - und schlägt andere Strategie vor

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Von: Foreign Policy

Ein Angehöriger der uigurischen Minderheit passiert in Xinjiang chinesischen Sicherheitskräfte (Archivbild).
Ein Angehöriger der uigurischen Minderheit passiert in Xinjiang chinesischen Sicherheitskräfte (Archivbild). © Diego Azubel/dpa

Unabhängigkeitsbestrebungen sind vielerorts auf der Welt Anlass für Konflikte. Für die in China verfolgten Uiguren könnten sie genau der falsche Weg sein, warnt ein Exil-Autor.

Zwar sitze ich im sicheren Australien in der Wintersonne, aber selbst hier − weit weg vom Terror der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh)*, dem ich als Uigure in Xinjiang ausgesetzt war − tue ich mich weiterhin schwer, über den Völkermord zu sprechen.

Zum einen habe ich mein Zuhause aufgegeben und eine vielversprechende Karriere geopfert und bin nun doch nur bedingt frei. Alle Menschen, die ich zuhause kenne und denen ich zugetan bin − meine Eltern, Freunde, Geschäftspartner und beruflichen Mentoren −, sind potenzielle Geiseln der KPCh. Regelmäßig verhaftet und terrorisiert das Regime Freunde und Familienangehörige der Kritiker, die sich im Ausland zu Wort melden. Viele in der uigurischen Diaspora sind bereits vom Geheimdienst bedroht worden, dessen Einfluss sich bis nach Übersee erstreckt, oder es wurden ihnen falsche Hoffnungen auf eine Freilassung inhaftierter Verwandter gemacht, wenn sie schweigen. Deshalb zögern so viele von uns, sich zu äußern, oder sehen sich gezwungen, Pseudonyme zu verwenden, wie ich es hier tue.

Aber es gibt noch einen anderen Grund − über den zu sprechen durchaus schwierig ist. Dass die uigurische Unabhängigkeitsbewegung den Völkermord mit ihrem Narrativ derart dominiert, wird der Vielfalt und den Nuancen der politischen Ausrichtung innerhalb der Gemeinschaft der Uiguren nicht gerecht. Einige Aktivisten leisten damit der vermeintlich einfachen Sache, andere davon zu überzeugen, dass die Geschehnisse in China real und katastrophal sind, unbeabsichtigt einen Bärendienst.

Chinas „Völkermord“ an Uiguren: „Spürbarer Fortschritt“ - zumindest in der Wahrnehmung im Westen

Sicherlich haben die uigurische Unabhängigkeitsbewegung und ihre Verfechter unter den Uiguren viel dafür getan, das Thema überhaupt an die Öffentlichkeit zu bringen. Diesen Organisationen und den Verbündeten der Uiguren in Wissenschaft, Politik und aus dem aktivistischen Umfeld ist es zu verdanken, dass der aktuelle Völkermord an den Uiguren − trotz aller Versuche der KPCh, ihn zu leugnen, unter den Teppich zu kehren und Kritiker mundtot zu machen − in den Medien thematisiert wird und westliche Staaten ihre Besorgnis äußern. Erst neulich, bei einem Onlinespiel, sagte mir ein Mitspieler, der zufällig in meinem Team war: „Es ist schon heftig, was mit deinem Volk passiert“. Ich hatte nichts weiter erklärt, nur erzählt, dass ich Uigure bin.

Das ist ein spürbarer Fortschritt! Ich war es inzwischen leid, umständlich meine Herkunft zu erläutern, wenn Leute wieder einmal neugierig fragten, weshalb ich − der eindeutig nicht die Gesichtszüge eines Han-Chinesen hat − sagen würde, ich käme aus China. Und die Unabhängigkeit der Uiguren ist − entgegen der Behauptung der chinesischen Regierung − ein berechtigtes Anliegen.

Aber es ist gleichzeitig nicht unbedingt das, was die Mehrheit der Uiguren will. Natürlich ist es in einer Diktatur immer schwierig, sich ein Meinungsbild zu verschaffen. Doch bevor sich die Verfolgung verschärfte und jede der Partei missliebige Meinungsäußerung gefährlich wurde, gab es eine Zeit, in der sich die Uiguren sicher genug fühlten, um privat oder anonym im Internet über heikle Themen zu diskutieren. Der bekannte uigurische Wirtschaftsprofessor Ilham Tohti sprach sich lautstark gegen eine uigurische Unabhängigkeit aus, und das nicht, um Regimetreue zu beweisen. Tohti wurde 2014 unter fadenscheinigen Gründen zu lebenslanger Haft verurteilt. Ich bin stolz und beschämt zugleich, ihn als meinen Freund zu bezeichnen: Nach seiner Verhaftung besuchte ich, aus Angst um mich selbst, seine in Not geratene Familie nicht mehr. Ich redete mir ein, dass es als Geste ausreiche, über einen gemeinsamen Han-Freund Geld zu schicken.

China: Uiguren vor Grundsatzfrage - ist Autonomie der richtige Weg?

Tohti vertrat die Idee einer Autonomie, wie sie in der derzeitigen chinesischen Verfassung festgeschrieben ist. Seine einzige Kritik, die damals von etlichen uigurischen Intellektuellen geteilt wurde: Die Autonomie sei nur unzureichend umgesetzt. Das müsse sich ändern. Zusammen mit einer Weibo-Gruppe junger Uiguren stellte ich mich entschieden gegen Tohtis Vision. Ich argumentierte, dass es im Grunde rassistisch sei, in einer multiethnischen Region wie Xinjiang nur einer Gruppe die alleinige Macht zuzugestehen. Ich hielt daher die Idee einer autonomen uigurischen Region, selbst wenn sie nach Tohtis Vorstellung perfekt umgesetzt würde, für eine Katastrophe. Tohti und ich lieferten uns ein Wortgefecht auf Weibo. Dann lud er mich zu sich nach Hause ein und wir wurden Freunde.

Selten waren wir einer Meinung, weder on- noch offline, aber für uns beide unübersehbar war das Misstrauen vieler Uiguren gegenüber der Idee einer uigurischen Unabhängigkeit und jeglicher Verbindung zum politischen Islam.

Die Geschichte Xinjiangs ist kompliziert und lässt sich nicht auf die Frage reduzieren, „wer zuerst da war“. Auch hat der Säkularismus unter den Uiguren eine lange Tradition. Ostturkestan, wie Xinjiang von der Unabhängigkeitsbewegung bevorzugt genannt wird, ist der breiten Bevölkerung im eigenen Land als Begriff kaum bekannt. Der Anblick der im Wind flatternden blauen Flagge mit Halbmond und spitzem Stern, einst die Nationalflagge des 1933/34 sehr kurzlebigen uigurischen Staates, weckt in vielen Menschen, einschließlich mir, keine besonderen Gefühle. Denn für die Identität, die wir als stolze Uiguren entwickelt haben, spielte sie keine Rolle.

Uiguren: Einst dem säkularen türkischen Nationalismus nahe - heute teils in die Nähe des Islamismus gerückt

Auch stand die Unabhängigkeitsbewegung einst dem säkularen türkischen* Nationalismus sehr viel näher. Heute jedoch sind Teile in die Nähe islamistischer Gruppen gerückt. Und wegen der Islamischen Bewegung Ostturkestans (ETIM), einer kurzlebigen Terrorgruppe, um die die chinesischen Behörden mehr Aufhebens machen als notwendig, wird dong tu, die chinesische Abkürzung für Ostturkestan, allein als Name dieser Organisation und nicht als geografischer Begriff verstanden. (Im Oktober 2020 hoben die Vereinigten Staaten die Einstufung der ETIM als terroristische Vereinigung mit der Begründung auf, dass es keine glaubwürdigen Beweise dafür gebe, „dass die ETIM weiterhin existiert“.) Dass die chinesische Regierung die Ausübung etablierter Religionen verfolgt, hat den Islam im Übrigen weiter ins Lager des Widerstands gegen das Regime getrieben − das gilt selbst für relativ säkular eingestellte Uiguren.

Die KPCh nutzt aus, dass die Unabhängigkeitsbewegung das Narrativ dominiert. Die chinesische Öffentlichkeit ist seit Jahrzehnten darauf trainiert, „Separatisten“, ob in Xinjiang oder Taiwan, als Verräter zu sehen und die Integrität der heutigen Grenzen des Landes als Kernelement der nationalen Identität zu betrachten.

Dies hat viele uigurische Bürger und Intellektuelle in der Heimat immer wieder frustriert. Zwar sind Rassendiskriminierung, willkürliche Verhaftungen und ein eskalierter Völkermord rundheraus abzulehnen. Doch auf den Wunsch einer souveränen Nation, ihre territoriale Integrität zu schützen, muss differenzierter geblickt werden.

Uiguren in China: „Sympathien“ der „gewöhnlichen Chinesen“ Weg aus der Misere der Minderheit?

Das Recht auf Selbstbestimmung ist zwar in der Charta der Vereinten Nationen verankert. An der Frage jedoch, was genau dieses Recht beinhaltet, entzünden sich seit jeher Debatten und Konflikte in der ganzen Welt. Die KPCh stellt den brutalen Umgang mit den Uiguren als angesichts der vermeintlichen Bedrohung durch Terrorismus und Separatismus notwendig dar (flankiert durch schamlose, unverfrorene Lügen und die absolute Kontrolle über die innenpolitische Berichterstattung). So ist es ihr gelungen, − häufig sachlich unzulässige − Parallelen zu Russland, der Türkei, Kanada und Spanien und deren Kampf gegen einheimische Unabhängigkeitsbewegungen zu ziehen. Tatsächlich aber lässt sich die gewalttätige, ethnisch motivierte Politik der KPCh am ehesten in eine Reihe mit Hitler und Stalin stellen.

Das China von Xi Jinping* ist nicht mehr darauf aus, das Ausland mit glitzernden Olympiastadien zu beeindrucken. Das von Wolfskriegern angeführte Land* tritt nach außen hin viel selbstbewusster auf als zuvor. Ohne zu zögern übertrumpft es noch Trump auf Twitter und nutzt Impfstoffe als Verhandlungsmasse. Aber es ist auch ein zunehmend ethnonationalistisches Land, das gegenüber jeder Andeutung von Kritik paranoid reagiert.

Für gewöhnliche, nicht uigurische Chinesen ist es schwer, sich der Dominanz dieses Narrativs zu entziehen. Um ihre Sympathien zu gewinnen, könnte es daher sinnvoll sein, die Uiguren eher als zu Unrecht verfolgte chinesische Bürger darzustellen − als Opfer politischer Umstände wie es schon andere Volksgruppen zu Zeiten des Großen Sprungs nach vorn oder der Kulturrevolution waren −, und nicht als ein Volk, das für seine Freiheit kämpft.

Das heißt nicht, dass die Unabhängigkeit der Uiguren nicht ein legitimes Anliegen ist. Aber es ist eben keine Sache, für die es sich inmitten dieser Krise zu kämpfen lohnt. Leider wird im Moment jede Botschaft, sobald sie mit der blauen Flagge und dem Begriff „Ostturkestan“ in Verbindung steht, als nicht legitim betrachtet. Selbst von den anständigsten und mitfühlendsten Menschen, die ansonsten über die Geschehnisse in ihrem schönen Land vielleicht tief entsetzt wären.

von Yehan

Yehan ist das Pseudonym eines im Exil lebenden uigurischen Autors.

Dieser Artikel war zuerst am 27. Juli 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. Dieser Artikel erscheint auch in der Printausgabe von „Foreign Policy“ im Sommer 2021.

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*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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