Kreml-Kritiker bleibt zur Reha in Deutschland

Nawalny sendet emotionale Botschaft an seine Lebensretter - Putin-Regierung nennt Maas „zynisch“

  • Marcus Giebel
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Putin-Kritiker Alexey Nawalny wurde nach seiner Vergiftung in einem Berliner Krankenhaus behandelt. Er sendet eine Botschaft an seine Lebensretter. Es gibt mehrere Untersuchungen zum Giftstoff.

  • Der vergiftete Kreml-Kritiker Alexej Nawalny ist aus der Berliner Charité entlassen worden.
  • Mehrere Untersuchungen kommen zum gleichen Ergebnis hinsichtlich des Giftstoffes.
  • Auf Instagram dankt Nawalny seinen unbekannten Lebensrettern (siehe Update vom 25. September, 15.25 Uhr).
  • Dieser News-Ticker wird regelmäßig aktualisiert.

Update vom 6. Oktober, 17.20 Uhr: Alexey Nawalny wurde mit einem Nervengift aus der Nowitschok-Gruppe vergiftet. Das bestätigte die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), die Blut- und Urinproben des Kreml-Kritikers entnommen hat. Darin seien „Cholinesterase-Hemmer“ gefunden worden. Damit bestätigte die Organisation mit Sitz in Den Haag die Nowitschok-Analyse von deutschen Laboren sowie Instituten in Schweden und Frankreich.

Update vom 1. Oktober, 13.28 Uhr: Alexey Nawalny hat das erste Interview nach seiner Vergiftung gegeben. Er äußerte einen schlimmen Verdacht und behauptet, sicher zu sein, wer ihn vergiftet hat. Er zeigte sich zudem sehr dankbar gegenüber Angela Merkel und den Ärzten der Berliner Charité.

Update vom 30. September, 20.19 Uhr: Im Fall des vergifteten Kremlkritikers Alexej Nawalny* hat Moskau Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD*) eine russlandfeindliche Politik vorgeworfen. Die Äußerungen des Politikers vor der UN-Vollversammlung seien die Fortsetzung einer „feindlichen antirussischen Linie Berlins“ im Zusammenhang mit der „sogenannten „Vergiftung“ A. Nawalnys“, teilte das russische Außenministerium am Mittwoch mit. Russland betonte, dass für die mutmaßliche Vergiftung* Nawalnys mit dem laut Chemiewaffenverbot geächteten Kampfstoff der Nowitschok-Gruppe bisher keine Beweise vorgelegt worden seien.

Maas hatte die Vergiftung Nawalnys mit einem chemischen Kampfstoff als „Problem für die ganze Staatengemeinschaft“ bezeichnet und Russland erneut mit Sanktionen gedroht. „Ich fordere Russland auf, mehr zu tun zur Aufklärung dieses Falls. Ein solcher Fall kann nicht folgenlos bleiben“, sagte Maas in einer für die Sitzung am Dienstag aufgezeichneten Videoansprache.

Fall Nawalny: Putin-Regierung geht Maas (SPD) an - „Zynisch“

Die Äußerungen von Maas seien besonders zynisch, weil die deutsche Seite russische Rechtshilfegesuche und Angebote der Zusammenarbeit ignoriere, teilte das Ministerium in Moskau weiter mit. Russland gelange zu dem Schluss, dass es angesichts „des Verhaltens Deutschlands und seiner Verbündeten in der EU und Nato unmöglich ist, mit dem Westen noch irgendetwas zu tun zu haben, bis er die Methoden der Provokation einstellt (...) und damit beginnt, sich ehrlich und verantwortlich aufzuführen“.

Nawalny war im August während eines Inlandsflugs in Russland zusammengebrochen und später zur Behandlung in das Berliner Krankenhaus Charité gebracht worden. Wochenlang lag er dort im künstlichen Koma, inzwischen wurde Nawalny aber entlassen. Er hält sich weiter in Deutschland auf (siehe Erstmeldung vom 23. September). Russland weist alle Vorwürfe zurück, in den Fall verwickelt zu sein.

Putin-Kritiker Alexej Nawalny kurz nach seiner Entlassung aus der Berliner Charité.

Nawalny sendet emotionale Botschaft an seine Lebensretter - Sah so der Plan der verhinderten Mörder aus?

Update vom 25. September, 15.25 Uhr: Nach der überstandenen Vergiftung dankt Alexej Nawalny seinen Helfern und Beschützern in einem Instagram-Post. Diesen leitet der Kreml-Kritiker mit dem Hinweis ein, dass es derzeit wichtige Menschen in seinem Leben gebe, deren Namen er nicht kenne. Er sei „so vielen Menschen so dankbar“, die „zufällig eine Schlüsselrolle in meinem Schicksal gespielt haben“. Diese könne er nur „unbekannte gute Freunde“ nennen.

Dann umschreibt er den Plan der nunmehr gescheiterten Mörder, so wie er sich für ihn darstelle: „Ich werde mich 20 Minuten nach dem Start (des Flugzeugs) schlecht fühlen, nach weiteren 15 Minuten werde ich ohnmächtig. Medizinische Hilfe wird garantiert nicht verfügbar sein und in einer weiteren Stunde werde ich meine Reise in einer schwarzen Plastiktüte in der letzten Sitzreihe fortsetzen und die Passagiere erschrecken, die auf Toilette gehen.“

Doch dann hätte „eine Verkettung glücklicher Umstände und klarer Handlungen unbekannter Art“ eingesetzt. So seien die Piloten „trotz des angekündigten ‚Ausbaus‘ des Flughafens schnell in Omsk gelandet. Zudem hätten das medizinische Personal des Airports und die Ärzte im Krankenwagen sofort von einer Vergiftung gesprochen und Nawalny eine Dosis Atropin verabreicht. „Das heißt, die Piloten und diese ersten Ärzte verschafften mir zusätzliche 15 bis 20 Stunden Leben.“ Danach sei es zwar dramatisch weitergegangen und „das verdient eine eigene Geschichte, aber es gäbe definitiv nichts zu erzählen, wenn diese Jungs nicht gewesen wären“.

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Наверное, нечасто такое бывает, что есть у вас в жизни ужасно важные люди, а вы даже имён их не знаете. У меня как раз такой случай. После всего случившегося я испытываю такую огромную благодарность такому большому количеству людей, что вы ещё устанете читать посты на эту тему. Но начать я хочу с нескольких человек, которые - так вышло - сыграли ключевую роль в моей судьбе, а я даже и не знаю, как обратиться к ним иначе, чем «неизвестные добрые друзья». Насколько я понимаю (версия, утверждать ничего не могу), план убийц был прост: мне станет плохо через 20 мин после взлёта, ещё через 15 мин я вырублюсь. Медицинская помощь будет гарантированно недоступна, и ещё через час я продолжу своё путешествие в чёрном пластиковом пакете на последнем ряду кресел, наводя ужас на пассажиров, идущих в туалет. Все так и шло, но началась цепь счастливых случайностей и четких действий неизвестных добрых людей. Во-первых, пилоты быстро посадили самолёт в Омске, несмотря на объявленное «минирование» аэропорта. Во-вторых, пришедшие сотрудники медслужбы аэропорта и приехавший за ними реанимобиль не говорили никакого вранья про диабет и тд, а сразу четко сказали: «это токсическое отравление», - и зафигачили мне дозу атропина. То есть пилоты и первые медики просто подарили мне дополнительные 15-20 часов жизни. Все последующее было очень драматично и заслуживает отдельного расссказа, но рассказывать точно было бы нечего, если бы не эти ребята. Спасибо вам, неизвестные добрые друзья. Вы хорошие люди.

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Nawalnys Sprecherin erklärt Plan - bleibt er noch wochenlang in Deutschland?

Update vom 25. September, 11.05 Uhr: Der vergiftete Kreml-Kritiker Alexej Nawalny muss nach Angaben seiner Sprecherin voraussichtlich noch mehrere Wochen lang in Deutschland behandelt werden. „Nawalnys Genesung wird natürlich lange dauern“, sagte seine Sprecherin Kira Jarmysch in einer Online-Übertragung am Donnerstagabend. Er bleibe vorerst in Deutschland und werde sich dort einer Reha-Behandlung unterziehen. „Das ist eindeutig keine Frage von ein paar Tagen und wahrscheinlich auch nicht von ein paar Wochen.“

Der russische Oppositionelle war am Mittwoch aus der stationären Behandlung in der Berliner Charité-Klinik entlassen worden. Nach eigenen Angaben leidet der 44-Jährige noch unter erheblichen körperlichen Folgen der Vergiftung mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok, so kann er etwa mit seiner linken Hand keinen Ball mehr werfen oder schreiben. Die behandelnden Ärzte halten eine vollständige Genesung aber für möglich.

Nawalny will nach Angaben seiner Sprecherin nach Abschluss seiner medizinischen Behandlung in sein Heimatland zurückkehren. Laut Jarmysch wurde sein Vermögen in Russland auf Anordnung eines Gerichts inzwischen eingefroren (siehe unten).

Nawalny: Russland beschlagnahmt Wohnung - und friert Konten ein

Update vom 24. September, 20.33 Uhr: Nicht nur Nawalnys Wohnung wurde von den russischen Behörden beschlagnahmt - auch seine Konten sollen eingefroren worden sein. Laut seiner Sprecherin Kira Jarmysch sei bereits am 27. August, als Nawalny noch im Koma lag, eine entsprechende Anordnung getätigt worden. Der Kreml-Kritiker kann demnach keinerlei Transaktionen von seinen Konten mehr tätigen. Nawalnys Fonds zur Bekämpfung der Korruption war in Russland wegen Verleumdung angeklagt worden und zu einer Schadensersatzzahlung verpflichtet worden, nachdem sie dem Inhaber vorgeworfen hatte, ein Monopol zu schaffen und schlechtes Essen zu liefern (siehe Update vom 24.09.2020, 17.11 Uhr).

Während er in der Charité im Koma lag: Nawalnys Wohnung in Moskau beschlagnahmt

Update vom 24. September, 17.11 Uhr: Einen Tag nachdem der russische Kreml-Kritiker Alexej Nawalny nach erfolgreicher Behandlung aus der Berliner Charité entlassen werden konnte, wird bekannt, dass russische Behörden sein Haus in Moskau beschlagnahmt haben. Zu dem Schritt hatten sich die Behörden offenbar entschlossen, als Nawalny in Berlin im Koma lag - was Nawalnys Sprecherin als „weiteres Negativbeispiel für das Vorgehen der russischen Justiz“ wertete.

Die Beschlagnahmung steht in Zusammenhang mit einem Gerichtsurteil gegen Nawalnys Fonds zur Bekämpfung von Korruption (FBK). Man hatte den Fonds mit einer Strafe von 88 Millionen Rubel (rund eine Million Euro) belegt, nachdem eine FBK-nahe Juristin einen Skandal bei der Abwicklung eines Staatsauftrags für die Schulspeisung aufgedeckt hatte. Nawalny kann jetzt zwar noch in seiner Wohnung wohnen, sie aber nicht mehr verkaufen.

Nawalnys FBK hatte Korruptionsvorwürfe gegen den Milliardär Jewgeni Prigoschin erhoben, der als ehemaliger Koch bei Kremlchef Wladimir Putin immer wieder lukrative Aufträge etwa in der Schulspeisung bekommt. Zuletzt hatte es auch Vorwürfe wegen der Qualität des Essens gegeben, nachdem bei Kindern gesundheitliche Probleme aufgetreten waren.

Nach Vergiftung: Nawalny aus Station entlassen - Was passiert jetzt mit dem Kreml-Kritiker?

Erstmeldung vom 23. September: Berlin - Einen Monat nach seiner Einlieferung in die Berliner Charité ist der vergiftete russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny aus der stationären Behandlung entlassen worden. Der Gesundheitszustand des 44-Jährigen habe sich bis zu seiner Entlassung am Dienstag „soweit gebessert, dass die akutmedizinische Behandlung beendet werden konnte“, teilte das Universitätskrankenhaus am Mittwoch mit.

Nawalny war am 22. August in die Charité eingeliefert worden, nachdem er zwei Tage zuvor während eines Flugs in Russland zusammengebrochen war - nach Angaben der Bundesregierung wurde Nawalny „zweifelsfrei“ mit einem chemischen Nervenkampfstoff aus der sogenannten Nowitschok-Gruppe vergiftet.

Fall Nawalny: Asyl für den Putin-Kritiker in Deutschland oder Frankreich?

Offenbar hat Nawalny aber nicht vor, dauerhaft in Deutschland zu bleiben und Asyl zu beantragen. Nawalny-Sprecherin Kira Jarmysch sagte der Bild-Redaktion, er wolle zurück nach Russland und seine Arbeit dort fortführen, sobald es sein Gesundheitszustand zulasse. Es habe nie eine Alternative dazu gegeben, so Jarmysch.

Dies hatte sie bereits am 15. September in einem Tweet betont: „Es wurden noch nie andere Möglichkeiten in Betracht gezogen“, schrieb Jarmysch damals. Es sei seltsam, wenn jemand etwas anderes annehmen würde. Zuvor hatte die New York Times berichtet, dass Nawalny seine Rückkehrpläne den deutschen Behörden mitgeteilt habe. Ein FDP-Politiker hatte Anfang des Monats dafür plädiert, dem russischen Oppositionellen Asyl in Deutschland zu gewähren. Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte Asyl für Nawalny ins Gespräch gebracht. (AFP/dpa/frs) *Merkur.de gehört zum Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk.

Rubriklistenbild: © Uncredited/navalny/Instagram/dpa

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