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Windkraftausbau: Spagat zwischen Klima- und Naturschutz

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Windenergie
Morgenstimmung über einem Windenergiepark. © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild

Der Ausbau der Windkraft an Land hat 2021 in Hessen leicht zugelegt. Das Tempo ist aber aus Sicht von Branchen- und Umweltverbänden zu niedrig, um die gesteckten Klimaziele zu erreichen. Widerstand gegen neue Projekte regt sich hingegen immer häufiger bei Anwohnern und Naturschützern.

Kassel/Wiesbaden - 1160 Windkraftanlagen gibt es derzeit in Hessen, zum Jahresende 2021 waren 41 weitere genehmigt, aber noch nicht in Betrieb. Laut Bundesnetzagentur nimmt Hessen aktuell im Bundesländer-Vergleich den neunten Platz bei der Anzahl aktiver Windräder ein, bei den Anlagen pro Quadratmetern den zwölften Rang. Das hessische Wirtschaftsministerium erklärt diesen Rückstand damit, dass andere Bundesländer etwas früher mit dem Ausbau gestartet seien.

„Von 2014 an hat Hessen jedoch aufgeholt“, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Bis 2017 seien mehr als 300 neue Anlagen entstanden, 2018 nochmals 69. „2019 gab es jedoch einen bundesweiten dramatischen Einbruch, der im Wesentlichen durch die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes von 2017 verursacht wurde und lange nachwirkte.“ Hessen sei nun aber wieder auf Kurs. „Die Windkraft ist für Hessen die wichtigste regenerative Energiequelle, und ihr Ausbau ist unerlässlich, um bis 2045 das Ziel einer ausschließlich auf erneuerbaren Quellen basierenden Energieversorgung zu erreichen“, erläuterte der Sprecher.

Nach Ansicht von Joachim Wierlemann vom Landesverband Windenergie geht der Ausbau in Hessen „sehr schleppend“ voran. Ein großes Hemmnis seien die langen Genehmigungsverfahren. Zwar habe das Land bereits zehn neue Stellen in den Genehmigungsbehörden genehmigt, „aber es bräuchte zehn zusätzliche Stellen in jedem der drei hessischen Regierungspräsidien.“ Da gegen geplante Windparks fast immer geklagt werde, verzögere auch der Mangel an Richtern in den Verwaltungsgerichten den Ausbau. „Insgesamt braucht es fünf bis sieben Jahre von der Planung einer Anlage bis zu ihrer Genehmigung“, erläuterte Wierlemann.

1,9 Prozent seiner Landesfläche hat Hessen als Vorranggebiet für Windenergie ausgewiesen. „Das ist zwar relativ viel“, erklärte Wierlemann, „allerdings ist etwa ein Drittel dieser Flächen zumindest kurzfristig nicht bebaubar.“ Im Weg stünde häufig die mögliche Gefährdung der Flugsicherheit, beispielsweise im Bereich des Militärflugplatzes in Fritzlar (Schwalm-Eder-Kreis) oder des Frankfurter Flughafens. „Um das Ziel der Energiewende zu erreichen, müsste die Landesregierung schon jetzt reagieren und neue Gebiete ausweisen.“

Auch der Naturschutzbund Nabu Hessen und der hessische Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fordern mehr Tempo beim Windkraftausbau. „Gerade die vergangenen Dürrejahre haben gezeigt, wie dringlich die Energiewende ist“, erklärte Mark Harthun, Geschäftsführer des Bereichs Naturschutz beim Nabu-Landesverband Hessen. „Uns geht es zu langsam voran“, sagte Thomas Norgall vom BUND Hessen. Ein schnellerer Ausbau sei wichtig, um den CO2-Ausstoß zu senken.

Widerstand gegen geplante Anlagen leisten hingegen häufig Anwohner und Naturschützer. Aktuell schlägt etwa der Ausbau der Windkraft im nordhessischen Naturpark Reinhardswald hohe Wellen. In dem größten zusammenhängenden Waldgebiet Hessens will die Windpark Reinhardswald GmbH und Co. KG 18 jeweils 241 Meter hohe Windkraftanlagen errichten. Das zuständige Regierungspräsidium (RP) Kassel hat das bisher größte in Hessen beantragte Windkraftanlagen-Projekt genehmigt. Die Arbeiten haben bereits begonnen.

Die örtliche Bürgerinitiative Oberweser-Bramwald und der hessische Landesverband der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) sehen den Wald von Zerstörung bedroht und haben nach eigenen Angaben gegen die Errichtung des Windparks geklagt. Sieben Naturführerinnen und Naturführer kündigten dem Naturpark jüngst die Zusammenarbeit auf, weil sie „mit der politischen Agenda nicht einverstanden“ seien, „den Naturpark Reinhardswald der Windindustrie zu opfern“, wie sie in einer Presseerklärung mitteilten.

Harthun und Norgall teilen das Argument der Waldzerstörung im Fall des Reinhardswaldes nicht. „90 Prozent der Anlagen dort werden in abgestorbenen Fichtenwäldern errichtet“, erläuterte Harthun. „Dort wird kein Urwald zerstört.“ Störend sei in erster Linie die Veränderung des Landschaftsbildes. Bei hochgerechnet 50 von insgesamt 20.000 Hektar Fläche, die für den Ausbau gerodet werde, könne man nicht von der Zerstörung des Waldes sprechen, sagte Norgall. „Aber es ist keine Frage, dass der Reinhardswald dadurch ein komplett anderes Gesicht bekommt.“

Den Hauptkonflikt beim Ausbau sieht der Nabu grundsätzlich nicht in der Waldzerstörung, sondern im Artenschutz. Die Energiewende lasse sich ohne den Bau von Anlagen im Wald nicht umsetzen. Mit 1,9 Prozent Vorranggebieten sei Hessen auf einem guten und richtigen Weg. „Denn im Umkehrschluss heißt das, dass 98 Prozent der Fläche tabu sind.“ dpa

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