+
Ein wahrer Segen, gell? Klopapier in XXL.

Coronakrise

In Zeiten von Corona jagt Frankfurt einem raren Gut hinterher: dem Klopapier

  • schließen

Auf das Coronavirus reagieren viele Menschen mit Hamsterkäufen. Klopapier ist hoch im Kurs. FR-Autor Stefan Behr hat sich in Frankfurt auf die Suche nach dem weißen Gold begeben. 

  • Auch in Frankfurt wird das Klopapier in der Coronakrise knapp
  • Die Klopapier-Regale in Frankfurt sind schon morgens leer
  • Ob es auf dem stillen Örtchen zur Not auch Zeitungen oder Geldscheine tun?

Frankfurt - Vor gar nicht allzu langer Zeit, da hat der Autor für die Klopapier-Hysterie nur ein müdes Lächeln übriggehabt und sie lediglich mit zwei Worten kommentiert: „ohne mich!“

20 Rollen später: Am frühen Morgen herrscht dichtes Gedränge im Discounter an der Konstablerwache, aber gähnende Leere in dem Regal, in dem einst Klopapier zu finden war. Unwillkürlich geht einem ein leicht modifizierter alter DDR-Witz durch den Kopf, ein Gespräch zwischen Kunde und Verkäufer: „Entschuldigung, gibt es hier kein Klopapier?“ „Nein, hier gibt es kein Mehl. Kein Klopapier gibt es im Laden nebenan.“

Frankfurt Hauptwache: Kein Klopapier weit und breit

Und tatsächlich: In keiner der beiden Drogerien nahe der Hauptwache ist auch nur eine Rolle zu finden. Auch die Bestände an klopapierartigen Produkten schmelzen dahin: In der nackten Not greifen die Kunden zu Taschentüchern und Küchenrollen, in nur wenigen Minuten könnte alles, was auch nur halbwegs mit Papier zu tun hat, vergriffen sein. 

Noch ist man versucht, der Situation etwas Positives abzugewinnen. Vielleicht ist Corona ja ein Heilmittel gegen das Zeitungssterben.

In der Drogerie an der Zoo-Passage: Fehlanzeige. Für die Frage nach Klopapier hat die Verkäuferin nur ein verzweifeltes Lachen übrig. Heute Morgen, gluckst sie, sei mal kurz welches dagewesen, fünf Minuten später nicht mehr. Morgen um 8 (in Lettern: acht!) Uhr sei vielleicht wieder welches da, sie empfehle aber, mindestens eine halbe Stunde früher da zu sein, der Ansturm sei groß. 

Gute Zeit für die Klopapierjagd in Zeiten von Corona: Vor 8 Uhr

Beim Verlassen der Drogerie bemerkt man eine alte Dame, die mit drei (in Ziffern: 3!) Packungen Klopapier den benachbarten Supermarkt verlässt. Der verzweifelte Sprint dorthin bringt nichts außer Atemnot. Das Klopapier ist schon wieder weg. Man wünscht ja niemandem ohne Not Böses. Die greise, papierhamsternde Vettel aber soll der Blitz beim Verrichten ihrer Notdurft erschlagen!

Man lässt schon alle Hoffnung fahren und begibt sich zum Bankautomaten, um zu gucken, ob es dort noch Papiergeld gibt. Da geschieht das Wunder: Auf der oberen Berger Straße steht eine Frau, umgeben von einer Menschenmenge, die „Wo? Wo?“ schreit. 

Dort im Supermarkt, sagt die Frau und zeigt auf die andere Straßenseite, ohne die Hand von ihrer kostbaren Beute zu nehmen, sei soeben frisches Klopapier eingetroffen. „Und das Beste: Jeder darf zwei Packungen mitnehmen!“

Coronavirus in Frankfurt: Berger Straße entpuppt sich als Klopapier-Oase

Mit Tränen der Vorfreude in den Augen rast der Mob in den Supermarkt. Erst vor der Kasse kehrt wieder Ruhe ein. Alle in der Schlange haben dasselbe gekauft: zwei Packungen Klopapier

So etwas habe es noch nie gegeben, sagt eine junge Frau angesichts des bizarren Anblicks. Doch, verbessert sie ein alter Mann hinter ihr, so etwas Ähnliches habe er schon mal erlebt, nach dem Krieg, aber dann sei das Wirtschaftswunder gekommen. Und Wirtschaftswunder, tröstet er die Umstehenden, gebe es immer wieder.

Jetzt hat man endlich Klopapier. Und hätte gerne noch Polizeischutz, damit man es getrost nach Hause tragen kann. Doch der ist vorerst nicht nötig: Die gesamte obere Berger ist voller Menschen, die ein Lächeln im Gesicht und in jeder Hand eine Packung Klopapier tragen und sich verschwörerisch zublinzeln.

Coronavirus in Frankfurt: Klopapier wird nicht geteilt

In der unteren Berger wechselt die Stimmung. Hier glotzt die Neidgesellschaft. Eine alte Frau zupft sozialdistanzlos am Ärmel. „Wo? Wo?“, fragt sie. Auf die Antwort „Droben im Supermarkt“ bricht sie fast in Tränen aus: Sie sitze nun schon zwei Stunden hier im Café und warte auf die Klopapierlieferung im Supermarkt nebenan, die laut Kassiererin heute kommen solle. Aber die komme nicht.

Unter normalen Umständen würde man sein Papier ja nun teilen wie einst St. Martin seinen Mantel, aber eine innere Stimme hält einen ab. „Böse Hobbits, garstige Hobbits, sie wollen unseren Schatz“, grantelt die Stimme, und das Papier fest an sich drückend eilt man heimwärts und wünscht, man wäre unsichtbar. Schweig still, mein Herz! Auch andere Körperteile bedürfen der Fürsorge.

Das könnte Sie auch interessieren