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Für eine bessere Stellung der Opfer

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Von: Niels Britsch

Offenbach – Dominic Schreiner ist Pressesprecher der Organisation Weißer Ring, die Opfern von Kriminalität hilft. Im Interview spricht er über den Rechtsstaat und die Opfer von Kriminalität.

Ist der Rechtsstaat noch funktionstüchtig?

Es gibt Fälle, in denen tatsächlich überführte Straftäter aus der Haft entlassen werden müssen, weil die Verfahren zu lange dauerten oder Urteile nicht rechtzeitig zugestellt wurden. Das ist in diesem Jahr schon mehrfach passiert – ein Zustand, der auf Dauer nicht tragbar ist.

Häufen sich Fälle, in denen Straftäter entlassen werden mussten?

Das können wir nicht beantworten. Aber jeder Fall ist einer zu viel, denn prinzipiell ist so etwas aus Opfersicht natürlich immer unbefriedigend. Das Trauma, das Geschädigte durch eine Straftat erleiden, wird dadurch auch nicht besser, wenn man weiß, dass der mutmaßliche Täter noch nicht abgeurteilt worden ist oder sogar frei herumläuft. Deswegen fordern wir immer wieder, die Justiz zu stärken, damit Opfer auch merken, dass das Unrecht, was ihnen widerfahren ist, gesühnt wird.

Sehen Sie denn beim Strafrecht oder bei der Strafprozessordnung Reformbedarf?

Klar. Aus unserer Sicht muss die Stellung des Opfers bei einem Strafverfahren verbessert werden. Früher war das Opfer, das als Zeuge vor Gericht aussagte, ein reines Beweismittel. Da hat ein Umdenken eingesetzt, aber es gibt noch Nachbesserungsbedarf.

Es gibt immer wieder Fälle, in denen Täter nicht strafverfolgt werden können, weil sie unter 14 Jahre alt sind. Muss das Strafmündigkeitsalter herabgesetzt werden?

Wir sind für die Opfer da, unabhängig vom Alter der Täter. Strafmündigkeit ist eine Frage für die Politik und nicht eine der Opferhilfe.

Wo könnte der Rechtsstaat aus Opfersicht besser funktionieren?

Was aus der Sicht von Opfern bedauerlich ist – und das hat ja auch mit einem funktionierenden Rechtsstaat zu tun: Verfahren, in denen Ansprüche aus dem Opferentschädigungsgesetz geltend gemacht werden, ziehen sich teilweise über Jahre. Die Geschädigten, die einen berechtigten Anspruch haben, bekommen erst nach langer Zeit ihre Ansprüche bestätigt. Das ist allerdings nicht nur ein Problem der Justiz, also in diesem Fall der Sozialgerichtsbarkeit, sondern auch ein Problem der Versorgungsverwaltungen.

Das Interview führte Niels Britsch

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