Zu viele Kinder, zu wenig Personal: Laut einer Studie fehlen bundesweit mehr als 100.000 Erzieherinnen.
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Zu viele Kinder, zu wenig Personal: Laut einer Studie fehlen bundesweit mehr als 100.000 Erzieherinnen.

Bezahlung statt Schulgeld

Zu wenig Personal in Hessen Kitas: So wollen die Träger das Problem lösen

  • Niels Britsch
    vonNiels Britsch
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Wiesbaden/Mainhausen – Die Kitas in Hessen haben zu wenig Personal. Deswegen setzen immer mehr Kita-Träger auf die praxisintegrierte Ausbildung.

Dass es in hessischen Kitas – und auch bundesweit – an Fachpersonal fehlt, ist schon länger bekannt. Die Corona-Pandemie hat das Problem noch einmal verschärft, da Pandemie-Maßnahmen für mehr Aufwand sorgen und einige Kita-Beschäftigte, die als Corona-Risikopatienten gelten, nicht voll einsatzfähig sind.

Immer mehr Kita-Träger setzen deshalb auf die praxisintegrierte Ausbildung, die meist nur drei Jahre dauert und von Beginn an vergütet wird. Die herkömmliche Ausbildung dagegen dauert bis zu fünf Jahre, kostet Schulgeld und wird erst im Praxisjahr vergütet. Ziel der praxisintegrierten Ausbildung ist unter anderem, den Erzieherberuf und den Einstieg in denselben attraktiver zu machen.

Bereits im vergangenen Jahr hatte das Evangelische Dekanat Dreieich – Träger von insgesamt zehn Kitas – angekündigt, pro Jahr 25 Ausbildungsplätze nach dem praxisintegrierten Modell bereitzustellen. Auch die Gemeinde Mainhausen bietet mithilfe eines Landesförderprogramms für ihre Kitas nun diesen Ausbildungsweg an.

Erzieher-Ausbildung: Verdi fordert besser Rahmenbedingungen

Kristin Ideler, bei der Gewerkschaft Verdi für Sozial-, Kinder- und Jugendhilfe zuständig, fordert mehr solcher Initiativen: „Die neue praxisintegrierte Ausbildungsform muss massiv aufgestockt werden.“ In den vergangenen Jahren habe es bereits eine „rasante Entwicklung“ gegeben, sie schätzt, dass mittlerweile 15 bis 20 Prozent der angehenden Erzieher/innen in Hessen die praxisintegrierte Ausbildung machen. Ideler betont aber auch, dass die herkömmliche Ausbildung nicht an Bedeutung verloren habe. Auch hier müssten allerdings die Rahmenbedingungen verbessert werden, zum Beispiel durch die Abschaffung des Schulgelds oder mithilfe eines Stipendienprogramms des Landes. „Eine komplette Umstellung auf die praxisintegrierte Ausbildung ist nicht realistisch“, glaubt sie.

Kritik übt die Gewerkschafterin an der geplanten Imagekampagne des Landes für den Erzieherberuf: „Sie sollen das Geld lieber in die Ausbildungssysteme stecken als in Werbeplakate.“

Programm „Fachkräfteoffensive Erzieherinnen und Erzieher“ des Landes Hessen

Das Land Hessen unterstützt mit dem Programm „Fachkräfteoffensive Erzieherinnen und Erzieher“ Kita-Träger bei der praxisintegrierten Ausbildung, verweist aber gleichzeitig auf die Zuständigkeit der jeweiligen Träger. „Kinderbetreuung ist Aufgabe der Kommunen“, teilt eine Sprecherin des Hessischen Sozialministeriums mit. Konzept, Umsetzung und Ausbildung des Personals vor Ort obliege den Trägern. „Bei der Frage nach einer besseren Bezahlung sind insbesondere die Tarifvertragsparteien gefragt.“

Mit der neuen Fachkräfteoffensive fördere das Land die praxisintegrierte, dualisierte Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern mit insgesamt 1200 Plätzen. Außerdem setze das Land im Rahmen des Gute-Kita-Gesetzes zwei zentrale Maßnahmen um, mit denen die Personalausstattung in Kitas verbessert werden solle: „Wir verbessern den Betreuungsschlüssel, indem wir kalkulierte Ausfallzeiten erhöhen, und stärken Kita-Leitungen durch ein festgeschriebenes Leitungszeitkontingent.“

Kita-Personal: Konkurrenzkampf ein Problem

Beim Hessischen Städte- und Gemeindebund (HSGB) begrüßt man die zunehmende Förderung der praxisintegrierten Ausbildung. „Wahrscheinlich wäre eine landesweite Umsetzung besser, aber die Fachschulen bieten bisher dafür wohl keine ausreichenden Möglichkeiten“, sagt HSGB-Geschäftsführer David Rauber. Ein großes Problem sei allerdings der Konkurrenzkampf um Personal unter den Kommunen, die sich gegenseitig die Fachkräfte abwerben: „Was wir nachdrücklich kritisieren: Mit den Vorgaben zur Umsetzung des Gute-Kita-Gesetzes hat das Land dieses Problem auch noch sehenden Auges verschärft.“

Außerdem sei es keine gute Idee des Landes gewesen, durch die Anforderung von mehr Fachkraftstunden die Personalstandards zu erhöhen, so Rauber. Er wünscht sich mehr Freiheiten für die Träger bei der Verwendung von Fördergeldern. „Das Gute-Kita-Gesetz des Bundes hätte es zugelassen, das Bundesgeld auch in anderen Themenfeldern einzusetzen, etwa für bessere Raumausstattung.“ In Corona-Zeiten bestätige sich, dass auch ein verbessertes Raumangebot eine sinnvolle Verwendung des Bundesgeldes gewesen wäre. „Das hätte Probleme verringert, und nicht wie die höheren Personalstandards verschärft.“

Von Niels Britsch

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