Dieses Foto zeigt den Eintrag über Tobias Rathjen im damaligen Jahrbuch der Hohen Landesschule.  Foto: privat

Hanau

Zwei Hanauer erinnern sich an die Begegnungen mit Rathjen

Hanau/Bremerhaven. Als Tim Albert, in Hanau geboren und aufgewachsen, am Donnerstag den Namen des Attentäters hört, wird er aufmerksam. Tobias Rathjen – da war doch was?

Gastbeitrag von Tim Albert und Christoph Willenbrink

Auch die Fotos, die kurz darauf im Internet zu sehen sind, kommen ihm irgendwie bekannt vor. Und tatsächlich: Rathjen, 1977 geboren, hat als Kind kurzzeitig am Training eines Tennisclubs teilgenommen, als Albert dort – während seiner Studienzeit – für die Jugendarbeit zuständig war.

Eine Erinnerung an den Jugendlichen hat der Journalist, der für die Redaktionsgemeinschaft der „Nordsee-Zeitung“ mit Sitz in Bremerhaven arbeitet, aber nicht mehr.

„Total geschockt“

Die hat ein anderer umso mehr: Kai Hagenkötter, 43-jähriger Immobilienkaufmann aus Hanau, kann sich noch gut an Rathjen erinnern. Er war „total geschockt“, als er die Nachricht hörte – auch, weil „sich mit dem Namen bei mir viele Jugenderinnerungen verbinden“. Hagenkötter ist ebenso wie Rathjen in Kesselstadt aufgewachsen und lebt dort noch heute. Beide haben in der Jugend zusammen Fußball gespielt, an der Pumpstation, beim VfR

„Der Tobi“ sei in dieser Zeit „sehr introvertiert gewesen“, erinnert sich Hagenkötter. Wegen seiner herausragenden fußballerischen Leistungen im Team sei Rathjen auch vollkommen akzeptiert gewesen. Konflikte mit Mitspielern mit Migrationshintergrund habe es nie gegeben, weiß sein ehemaliger Mitspieler aus dieser Zeit zu berichten – und das, obwohl ein Großteil der Mannschaft türkischstämmig gewesen sei: „Das war völlig normal in Hanau und überhaupt kein Problem.“

Als „Toptalent“ sei Rathjen bald in die Jugend von Eintracht Frankfurt, später dann zu den Offenbacher Kickers gewechselt. Sein Traum von der Profi-Karriere ging aber nicht in Erfüllung, Verletzungen machten ihm einen Strich durch die Rechnung, er musste die Fußballschuhe früh an den Nagel hängen.

Kontakt nur noch über Facebook

Später haben sich beide dann aus den Augen verloren. Rathjen soll eine Banklehre gemacht und in Bayreuth studiert haben. Nur über Facebook blieben beide lose verbunden.

Bis vor drei Jahren, als der Hanauer Immobilienkaufmann genug hatte von dem „Müll“, der über das soziale Netzwerk verbreitet werde – und ausstieg. Auch Beiträge von Rathjen hätten da eine Rolle gespielt, wenn auch nicht die entscheidende. „Ich hätte nie gedacht, dass er mal so etwas machen würde“, sagt Hagenkötter: „Ich hätte es aber auch nicht für möglich gehalten, dass so etwas überhaupt in Hanau passiert.“

Die Stadt sei sehr multikulturell geprägt, hier werde „eher integrativ gedacht“. Natürlich sei deshalb die Sorge und Verunsicherung besonders in Kesselstadt groß. Das gelte auch für die eigene Familie: „Meine Frau und ich werden uns mit den Kindern zusammensetzen und versuchen, ihnen zu erklären, was da passiert ist.“

InformationenDer Autor Tim Albert (51)ist in Hanau geboren. Seine journalistische Laufbahn hat er als freierMitarbeiter beim HANAUER ANZEIGER begonnen. Nach dem Studium arbeitete er in verschiedenen Redaktionen bevor er 2013 in die Mantel-Redaktion der Zeitungen der Redaktionsgemeinschaft Nordseewechselte.

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