Vor rund 70 Gemeindemitgliedern trug der Rabbi das Gebet zum Lichterfest vor und sang das Chanukka-Lied. Foto: Paul

Hanau

So wird in Hanau das jüdische Chanukka-Fest gefeiert

Hanau. Die Art, wie das jüdische Chanukka-Fest in diesem Jahr in Hanau gefeiert wird, ist so unterschiedlich, wie es die beiden jüdischen Gemeinden in Hanau sind.

Von Jutta Degen-Peters

Die jüdische Gemeinde an der Wilhelmstraße beging das Fest am Montagabend in der Synagoge mit dem Entzünden der ersten Kerze am neunarmigen Leuchter im Beisein des Oberbürgermeisters Claus Kaminsky. Die Jüdisch-Chassidisch Kultusgemeinde um Rabbi David Kraus feiert heute Abend mit Musik und allen Bürgern auf dem Freiheitsplatz.

Für Oliver Dainow von der jüdischen Gemeinde ist das, was in der Innenstadt stattfindet, „Folklore“. Eigentlich sei das Chanukka-Fest eines, das zu Hause in der Familie begangen werde. Er finde es zwar legitim, dass das Lichterfest immer häufiger öffentlich zelebriert wird, doch auf die Frage, was die chassidische Gruppierung von der jüdischen Gemeinde unterscheide, sagt er: „Ich weiß nicht, was diese Gemeinde wirklich will.“

Von Folklore spricht er, weil die erst seit vergangenem Jahr bestehende Gemeinschaft sich auf öffentlichkeitswirksame Auftritte konzentriere. „Wir von der jüdischen Gemeinde Hanau betreiben Basisarbeit“, erklärt er. Dazu gehören neben Integration und Weiterbildung die Vermittlung jüdischer Traditionen und Bräuche, das gemeinsame Feiern von Gottesdiensten und jüdischen Festen. Hinzu komme die Betreuung der Mitglieder bei bürokratischen oder anderen Anliegen. Die Arbeit mit Kindern sei ebenso wichtig wie die Aktivitäten mit und für die Senioren.

„Die Leute kommen hierher, um endlich ihr Judentum ausleben zu können“, ‧erklärt Dainow. Er ist seit 2007 für den Landesverband des Zentralrats der Juden für ‧Hanau (und Limburg) zuständig und beschreibt, was die jüdische Gemeinde in ‧Hanau ausmacht. Als beim Landesverband fest angestellter Mitarbeiter unterstützt er an ‧einigen Tagen im Monat die Vorsitzende der jüdischen ‧Gemeinde an der Wilhelmstraße, Irina Pisarevska. Die 46-jährige gebürtige Ukrainerin lebt seit 1999 in Hanau und steht der Gemeinde als gewählte ehrenamtliche Vorsitzende seit 2011 vor.

Mit rund 200 Mitgliedern ist die Gemeinde in Hanau eine der kleineren Gemeinschaften. Frankfurt ist mit 5000 Mitgliedern die gewichtigste in der Region, Offenbach hat 900, Darmstadt 650, Wiesbaden 700 Mitglieder, zählt Dainow auf. Dennoch sei die Entwicklung der Hanauer Gemeinde außergewöhnlich. Denn diese war erst am 17. April 2005, 60 Jahre nach der Nazi-Diktatur, wiedergegründet worden, obwohl sie ursprünglich zurückreicht bis ins Jahr 1603.

Bei ihrer Wiedergründung 2005 zählte die Gemeinde in Hanau 150 Mitglieder. Es waren nach den Worten Dainows fast ausschließlich Zuwanderer aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, die sich zur neuen Gemeinde zusammenfanden. Mittlerweile habe sich die Zahl auf 200 erhöht. „Damit sind wir im Gegensatz zu anderen Gemeinden eine der wenigen, die wächst“, freut sich Dainow. Und das, obwohl die Zuwanderung zum Stillstand gekommen sei.

Oft seien die Zuwanderer aus religionsfeindlichen Ländern nach Deutschland gekommen, hätten keine Gelegenheit gehabt, ihr Jüdischsein auszuleben. Entsprechend gering seien die Kenntnisse über jüdisches Leben ausgeprägt gewesen. Unter Basisarbeit versteht Dainow also auch, dass Grundlagen geschaffen und Wissen über jüdische Sitten und Gebräuche vermittelt werden mussten.

Für die einzelnen Mitglieder geschieht da alles erst, nachdem die jüdische Gemeinde als verlängerter Arm von Landesverband und Zentralrat die Unterlagen geprüft hat, damit nachgewiesen wird, dass die neuen ‧Mitglieder auch tatsächlich Juden sind. „Unsere primäre Aufgabe besteht darin, den Menschen, die unterdrückt wurden, hier ein Zuhause zu geben“, formuliert Dainow den vordringlichen Auftrag.Seine Verärgerung über die Jüdisch-chassidische Kultusgemeinde, deren Vertreter sich als die modernen ‧jüdischen Mitbürger Hanaus präsentierten, rührt unter anderem daher, dass diese sich auf die „Foklore“ ‧konzentrierten und die ‧klassische Gemeindearbeit dort nicht stattfinde, wie er sagt.

„Hier bei uns ist jeder willkommen“, betont Dainow und bezieht in diese Aussage auch die Jüdisch-chassidische Gemeinschaft ein. „Aber wir haben eine demokratische Struktur. Wer will, kann hier Mitglied werden“, so Dainow.

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