Sind unsere Innenstädte noch zu retten? Vor dieser Frage steht auch die Stadt Hanau.
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Sind unsere Innenstädte noch zu retten? Vor dieser Frage steht auch die Stadt Hanau.

Interview

„Wir müssen die Stadt neu denken“: Zukunftsforscher Klaus Burmeister über die Zukunft unserer Innenstädte

  • David Scheck
    vonDavid Scheck
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Wie geht es mit den Innenstädten weiter? Wir haben mit Zukunftsforscher Klaus Burmeister gesprochen und ihn zu dieser Thematik befragt.

Hanau – Inhabergeführte Fachgeschäfte müssen sich dem Druck des Onlinehandels beugen und schließen, Kaufhaus- und Modeketten geraten in finanzielle Schieflage und schließen viele ihrer Filialen – sind unsere Innenstädte eigentlich noch zu retten? Diese Frage treibt schon seit Langem viele Stadtplaner in den Rathäusern der Republik um. Und im Grunde ist man sich einig: Um das langsame Aussterben zu verhindern oder zumindest zu stoppen, braucht es neue Konzepte. Auch der Zukunftsforscher Klaus Burmeister sieht das so. Mit ihm haben wir für unsere Reihe zum fünften Jahrestag der Eröffnung des Forums Hanau, die heute endet, über die Zukunft der Innenstädte gesprochen.

Welche Angebote passen zu Hanau? Bei der Gestaltung der Innenstadt sollten die Bürger mitreden dürfen, findet Zukunftsforscher Klaus Burmeister.
Das Forum feiert in diesen Tagen sein fünfjähriges Bestehen. Doch der Trend in den Innenstädten geht weg von solchen Einkaufszentren. Hat die Stadt Hanau beim Stadtumbau auf das falsche Pferd gesetzt?
Vor fünf Jahren war eigentlich schon absehbar, dass solche Konzepte nicht mehr zeitgemäß sind. Das ist aber nicht unbedingt ein Verschulden der Städte wie Hanau, sondern liegt an der fehlenden Innovationskraft bei den Investoren. Kaufhausketten haben bekanntlich schon seit Längerem mit Problemen zu kämpfen. Auf die Städte kommt nun die Aufgabe zu, das Thema Innenstadt neu zu besetzen. Wir müssen die Stadt neu denken. Dazu braucht es Vielfalt und neue Ideen.
Wie können diese Ideen aussehen und von wem sollten sie kommen?
Die Kommunen können solche neuen Konzepte, weg von Einkaufszentren und großen Filialketten, von Investoren verlangen. Außerdem ist die Aufforderung des Neudenkens auch als Einladung an die Bürger zu verstehen. Sie haben die Chance, sich ihre Stadt zurückzuholen. Früher bedeutete Stadt Marktplatz, Austausch. Das könnte wieder so werden. Jede Stadt hat jetzt die Chance, sich neu zu erfinden. Über die Beteiligung der Bürger würden auch der soziale Zusammenhang in der Stadt und damit die lokale Demokratie gestärkt werden.
Vor wenigen Tagen hat ein sogenannter Pop-up-Store in Hanau eröffnet. Im Fokus dafür stehen Inhaber mit individuellen Geschäftsideen. Was halten Sie von solchen Konzepten?
Ich finde, es sollte mehr solcher Konzepte geben. Innovative Geschäfte, idealerweise mit eigenem Onlinebereich, können dabei auch als Schnittstelle zwischen Präsenz- und Internethandel dienen. Wo bekommt man zum Beispiel heute noch Haushaltsartikel in einem Laden in der Innenstadt? Warum sollte man nicht etwa einem Handwerksgeschäft die Möglichkeit bieten, in der City präsent zu sein?
Was, außer individuellen Geschäften, kann Innenstädte außerdem beleben?
Arbeit könnte dezentraler organisiert werden, beispielsweise über Coworking-Spaces in leer stehenden Shops und könnte das Homeoffice ergänzen. Auch wäre das Thema Aus- und Weiterbildung mit virtuellen Angebotsformaten dafür wunderbar geeignet. Kindertagesstätten in der Innenstadt würden ebenfalls zu einer Belebung beitragen – und natürlich das Wohnen sowie vielfältige Freizeitangebote. Diesbezüglich muss sich die Politik in vielen Städten fragen: Warum haben wir es so sträflich vernachlässigt, innovativ weiterzudenken?
In vielen Städten wird versucht, das Thema Einkaufen mit dem Thema Kultur zu verknüpfen, auch in Hanau zum Beispiel mit dem Kulturforum im Forum Hanau. Ist das ein guter Ansatz?
Kultur spielt eine wichtige Rolle. Theater, Kleinkunstbühnen – das sollten sich Städte leisten können. Dabei ist es wichtig, dass die Attraktionen zur jeweiligen Stadt passen. Man muss sich also fragen: Was passt zu Hanau? Eine Innenstadt muss einen Nutzen für die Bürger haben und kann dabei auch ein Lernort sein. Wohnen, Arbeiten, Wissen, Freizeit, Begegnung und Kommunikation – das sind Kernbereiche, die eine lebenswerte und zukunftsoffene Innenstadt ausmachen. Auch das Thema Gesundheit spielt dabei eine Rolle. Um diese Ideen umzusetzen, braucht es Menschen mit kreativen Ideen und neue Formen des Bürgersinns unter der Beteiligung auch und natürlich potenzieller Investoren, Händler und Eigentümer. Es braucht einen Freiraum des Denkens und experimentelles Handeln.
Die Zeit der Innenstadt als reiner Ort des Einkaufens ist also vorbei?
Es gibt einen grundlegenden Wandel beim Einkaufen. Amazon ist dabei der große Gewinner, und das wird sich auch nicht mehr zurückdrehen lassen. Was das Internet allerdings nicht bieten kann, ist das haptische Erlebnis: einen Stoff im Geschäft anfassen, einen Schuh anziehen, ein Möbelstück Probe sitzen oder durch 3-D-Drucker Dinge auch mitzugestalten. Dadurch wird das Einkaufen zum Erlebnis, idealerweise ergänzt durch abwechslungsreiche Angebote in der Gastronomie und Freizeitgestaltung. So kann die Stadt wieder zu einem Treffpunkt werden, wo Menschen sich austauschen.
Wie sehen Ihrer Ansicht nach die deutschen Innenstädte in zehn, 20 Jahren aus?
Meiner Ansicht nach gibt es dafür zwei Szenarien. Szenario eins: Wir machen weiter wie bisher. Die Folge sind immer mehr Leerstand und regelrechte Verödung, wie man sie in einigen Städten bereits erkennen kann.Szenario zwei: Die Bürger erobern sich ihren Stadtraum zurück und machen ihn zu einem Ort, an dem man sich austauscht, vernetzt, wo man gerne verweilt, aber auch arbeitet und sich vergnügt.
Und welches dieser Szenarien, glauben Sie, wird sich durchsetzen?
Meine These ist, dass die Städte die negative Entwicklung erkannt haben. Ich habe die positive Erwartung, dass sich in unseren Innenstädten etwas verändert.

Das Interview führte Redakteur David Scheck

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