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Die geheimen Museums-Magazine in Hanau werden inventarisiert und zentralisiert

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Von: Christian Spindler

Eine Mitarbeiterin des Museums bei der Eingabe der Daten von einigen der bisher in mehreren Magazinen gelagerten Objekte.
Eine Mitarbeiterin des Museums bei der Eingabe der Daten von einigen der bisher in mehreren Magazinen gelagerten Objekte. © Kai Jakob

Ein Großteil der Ausstellungsstücke der Museen in Schloss Philippsruhe, Steinheim und Großauheim in Hanau sind in Magazinen gelagert. Nun werden sie aufwendig inventarisiert.

Hanau – Wenn die Corona-Pandemie etwas Gutes hatte, dann vielleicht das: Sie hat wegen der Lockdowns den Hanauer Museumsleuten Luft und Zeit verschafft. Mehr als sonst drin gewesen wäre. Zeit und Kapazitäten für ein Projekt, das hinter den Kulissen läuft, das aber eines der wichtigsten in der Hanauer Museumshistorie ist: die Erfassung und Inventarisierung aller Objekte der Museen in Schloss Philippsruhe, Steinheim und Großauheim in einer Computerdatenbank.

Denn das, was man in den Ausstellungen sieht, ist nur ein winziger Teil. Das Gros der mitunter wertvollen Gemälde, Skulpturen, Keramiken, Schmuckstücke, Münzen, Möbel oder historischen Alltagsgegenstände schlummerte bisher in mehr als einem halben Dutzend Magazinen im Stadtgebiet. Deren Standorte waren geheim. Aus Sicherheitsgründen.

Museums-Magazine in Hanau werden digitalisiert: Mammutprojekt für Leiterin

Im Zuge der Neuorganisation der städtischen Museen hat Stabsstellenleiterin Dr. Victoria Asschenfeldt das Mammutprojekt aufs Gleis gesetzt, für das Beate Hofmann, bisher Leiterin des Museums Großauheim und nun Chefin des Bereichs „Sammlung und Forschung“, federführend zuständig ist. Von 40 000 bis 50 000 Objekten, die inventarisiert werden müssen, war anfangs die Rede. Nach gut zwei Jahren, die das Projekt läuft und in denen die ausgelagerten Magazine durchkämmt wurden, kam heraus, „es sind wohl 60 000 bis 80 000“, sagt Kai Jakob, der für die Inventarisierung zuständig ist. „Wir entdecken uns quasi gerade selbst.“

Derzeit ist der Kunsthistoriker, der bei der praktischen Arbeit von freien Wissenschaftlern unterstützt wird, dabei, reihenweise Papiertheater zu inventarisieren. Die Kisten eines Konvoluts, das dem Museum von privater Seite übereignet wurde, türmen sich bis fast unter die Decke eines Raums im Schloss, in dem ein Fotostudio aufgebaut ist. Vor die Linse kommt alles, was die Magazine bergen. Im Moment stehen die Papiertheater auch deswegen im Fokus, weil Ende 2022 oder Anfang nächsten Jahres die neu konzipierte Abteilung in Philippsruhe eröffnet werden soll.

In dem kleinen Fotostudio werden alle Objekte abgelichtet, dann die Daten im Computer erfasst.
In dem kleinen Fotostudio werden alle Objekte abgelichtet, dann die Daten im Computer erfasst. © Patrick Scheiber

Bisher ist alles, was die Museen im Bestand haben, lediglich auf Karteikarten oder in Excel-Tabellen festgehalten. In der Praxis nutzt das wenig. „Zu einem Museum gehört neben dem Sammeln, Bewahren und Vermitteln auch das Forschen“, unterstreicht Dr. Asschenfeldt. „Nur aus dem Forschen kommt Innovation.“ Und wenn man weiß, was man an potenziellen Exponaten hat, und das mit Computerhilfe über Stichworte abrufen kann, kann man beispielsweise Ausstellungen leichter und besser konzipieren.

Inventarisierung der Museums-Magazine in Hanau: 500 Mausklicks pro Objekt

Im Zuge der Inventarisierung bekommen die Objekte eine Nummer, werden in einem speziellen Programm Stichworte angelegt, alle vorhandenen Objekt-Informationen eingetragen, eventuell weitere recherchiert und in Zweifelsfällen Experten kontaktiert. Pro Objekt braucht man im Schnitt „500 Mausklicks am Computer“, hat Jakob festgestellt.

Dass das Inventarisieren lange Zeit vernachlässigt wurde, ist kein Hanauer Einzelfall. In den 1970er Jahren hätten die Museen, die einst als Sammeleinrichtungen gegründet wurden, das Pädagogische entdeckt, erinnert Dr. Asschenfeldt, später einer „Event-Kultur“ mit möglichst spektakulären Ausstellungen gefrönt. Dass die anderen Museumssäulen indes nur mit profunder Inventarisierung und Forschung wirklich tragen, wurde vergessen.

In Hanau wird all das mit dem Mammutprojekt aufgeholt. Dabei ist man schon ein gutes Stück vorangekommen. Die Magazin-Vielzahl wurde aufgelöst. Neben einem Hausdepot in Philippsruhe wurde ein Zentraldepot eingerichtet, dessen Hochregale schon mit inventarisierten Objekten gefüllt sind. Dazu gibt es zwei weitere Hallen.

Auch etliche Gemälde sind für die Inventarisierung bereit.
Auch etliche Gemälde sind für die Inventarisierung bereit. © Patrick Scheiber

Fördergelder fließen für Inventarisierung der Museums-Magazine in Hanau

Zur Inventarisierung und Digitalisierung gehört auch die fachgerechte Lagerung der bewahrenswerten Dinge. Bisher wurde profane Plastikfolie verwendet. Das birgt Schimmelgefahren. Grafiken oder Kunstdrucke wurden mitunter lediglich in Umschlägen verwahrt. Eine Palette mit stapelweise säurefesten Kartons kündet von der neuen Konservierung. Außerdem wird ein spezieller Vliesstoff aus Polyethylen verwendet, der haltbar und atmungsaktiv ist. Darin werden die Objekte eingepackt.

Für die Inventarisierung fließen in nicht unerheblichem Umfang Fördergelder von Bund, Land und Museumsverband. Ohne diese Drittmittel aus Sondertöpfen wäre das Projekt nicht möglich“, sagt Martin Hoppe, Leiter des städtischen Fachbereichs Kultur. Für 2021 stehen laut Hoppe 54 000 Euro für Personal, Material und Software im Plan, davon 21 000 Euro an Drittmitteln. Für 2022 sind 130 000 Euro vorgesehen, davon 54 000 Euro an Drittmitteln.

Alle vorhandenen Museumsobjekte zu erfassen, wird wohl noch Jahre dauern. „Fertig wird man ohnehin nie“, sagt Kai Jakob, weil immer wieder Schenkungen oder Neuanschaffungen hinzukommen.

Nach Inventarisierung der Museums-Magazine in Hanau: „Exponathek“ soll beim Suchen helfen

Möglichst noch dieses Jahr soll eine öffentliche „Exponathek“ in Philippsruhe eingerichtet werden, in der man nach Stichworten Objekte suchen und sich darüber informieren kann, analog wie mit historischen Dokumenten im Stadtarchiv im Kulturzentrum. Interessierte können darauf zugreifen, aber auch andere Museen und natürlich die Hanauer Häuser. Ausstellungen lassen sich fortan viel leichter konzipieren. „So etwas fördert auch die Kreativität“, sagt Dr. Asschenfeldt.

Einen Traum haben die Museumsexperten: Ein großes Zentraldepot irgendwo im Stadtgebiet, in dem wirklich alle Magazinbestände gelagert werden können. Ein Thema, das auch die Mainmetropole Frankfurt seit Langem beschäftigt. Schon 2014 wurde der Bau eines Zentraldepots für Kunst aus städtischen Museen beschlossen. Ein Grundstück hat man bisher nicht gefunden. (Christian Spindler)

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