Am Kurt-Schumacher-Platz ist es Tage nach den Morden in der Arena Bar ruhig, die Menschen suchen den Alltag. Unter anderem gibt es hier zwei Frisöre, ein Lebensmittelgeschäft, den DRK-Laden, einen Imbiss-Grill, eine Apotheke. Foto: Monica Bielesch

Hanau

Weststadt: Menschen suchen den Alltag nach dem Terror

Hanau. Zwischen den Geschäften und Läden am Kurt-Schumacher-Platz laufen an diesem Donnerstagmorgen Frauen mit Einkaufstüten, Handwerker streichen die Wand des Lidl neu, eine ältere Frau schiebt einen Kinderwagen und ruft ein Mädchen zu sich, das neugierig umherläuft.

Von Monica Bielesch

Im Lebensmittelladen „Aydin Market“, direkt um die Ecke der Arena Bar, wo am Mittwoch, 19. Februar, fünf Menschen von einem vermutlich rassistisch motivierten Täter erschossen wurden, steht der Chef selbst an der Kasse.

Seit fünf Jahren führt er den Laden, in dem es knackig frisches Gemüse, türkische Spezialitäten und eine große Frischfleisch-Theke gibt. „Die Leute kommen aus ganz Hanau hier her, weil wir besonderes Fleisch haben“, sagt der Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Eine normale Gegend sei es hier vor den Morden gewesen. Und sei es immer noch, fügt er trotzig hinzu.

Tat in Hanau schweißt die Menschen mehr zusammen

„So schlimm es ist, dieses Ereignis schweißt die Menschen hier noch mehr zusammen“, sagt auch Eckhard Holler, ehrenamtlicher Leiter des Weststadtbüros. Es liegt in gemeinsamer Trägerschaft der Stadt Hanau und der Evangelischen Kirchengemeinde Kesselstadt, seit 2015 in Kooperation mit der Nassauischen Heimstätte und der Baugesellschaft Hanau.

Holler ist an diesem Morgen mit Stadtteilmanagerin Eftelya Erbasli im Weststadtbüro, vor der Tür lädt ein Schild mit der Aufschrift „Ich bin da“ zum Eintreten ein. Zwei ältere Damen kommen rein, um den Gedächtnistrainings-Kurs zu besuchen.

Kunden in Apotheke haben Redebedarf

Vom Tresen ihrer Orion-Apotheke aus hat Anke Lohnes-Fahrig einen direkten Blick auf das Blumen- und Kerzenmeer am gegenüberliegenden Gebäude, wo die Arena Bar ist. Sehr bedrückend sei die Stimmung, erzählt sie. Seit 50 Jahren schon gibt es die Orion-Apotheke, mit ihrer Schwester hat Lohnes-Fahrig das elterliche Geschäft übernommen.

Sie kennt die Menschen und ihre Zipperlein hier gut. „Eigentlich ist das eine ganz normale Gegend hier.“ Die Mutter von einem der Opfer ist Kundin bei ihr. Anders als die anderen Geschäfte hatte die Orion-Apotheke auch in den Tagen direkt nach der Tat geöffnet. „Als Apotheke dürfen wir gar nicht schließen.“ Die Kunden, die kommen, haben viel Redebedarf, erzählt die Apothekerin.

Seit dem Anschlag haben viele Menschen Angst

Im Adana Grill, der Kebab und Pizza anpreist, sitzt eine junge Mutter mit einem kleinen Jungen, vor sich eine Pizza. Daneben ist der DRK-Laden „Kreuz und Quer“, wo es von Kleidung über Hausrat und Bücher bis hin zu Möbeln und Matratzen ein breites Sortiment gibt.

Einige Menschen laufen durch die Gänge, stöbern in den Waren, treffen Bekannte, unterhalten sich leise. „Der Alltag ist nicht mehr so wie vorher“, sagt Turkane Müller, die ehrenamtlich im DRK-Laden arbeitet und gerade eine Kundin abkassiert hat. Ihr sei es schwer gefallen, zum Dienst zu kommen, die Angst sei plötzlich ein ständiger Begleiter. Sie hat Spaß bei der gemeinnützigen Arbeit. Seit dem 19. Februar aber ist alles anders. Ihre 14-jährige Tochter will nicht mehr alleine zum Einkaufen, hat Angst.

Über 40 Nationen leben eigentlich friedlich miteinander

Nicole Schnee leitet den DRK-Laden. „Das hat uns sehr getroffen, weil wir hier wie eine große Familie sind.“ Nie habe es Probleme mit den Menschen der unterschiedlichsten Nationalitäten gegeben. Über 40 Nationalitäten leben in der Weststadt. „Aber“, so fragt Stadtteilmanagerin Erbasli, „müssen wir immer Differenzierungen machen?“

Alle seien in erster Linie Menschen. Das Weststadtbüro hatte am Mittwoch das erste Mal nach den vermutlich rechtsterroristischen Morden wieder geöffnet. Die rund 30 ehrenamtlichen Helferinnen der Hausaufgabenhilfe wurden von der städtischen Opferbeauftragten geschult, damit sie mit den Kindern richtig umgehen können.

Sprechstunde für traumatisierte Kinder

„Die Kinder sind teilweise stark traumatisiert“, sagt Erbasli. Darum bietet sie ab sofort eine tägliche Kindersprechstunde an. Neben der Hausaufgabenhilfe für über 50 Kinder hat das Zentrum viele altersübergreifende Angebote an, vom Krabbelkurs bis zu Sprachkursen. Wegen der aktuellen Ereignisse werde sich das Programm aber verändern, so Erbasli. „Wir müssen den Menschen wieder ein Gefühl von Sicherheit geben. Als Einrichtung zeigen, wir sind ein sicherer Ort.“

Denn besonders die Mütter im Viertel hätten nun viel Angst. Was die Weststadt ihrer Meinung vor den Morden ausgezeichnet hat? Der Zusammenhalt, das Miteinander. Und: „Das Vertrauen zueinander“, sagt sie voller Überzeugung. Dieses Vertrauen müssten die Menschen nun wiederfinden. Im Alltag auf dem Kurt-Schumacher-Platz.

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