OB Kaminsky mit dem Auto des Buches „Von der Schießbaumwolle zum Mikrochip – KLeine Geschichte der Königlichen Pulverfabrik Wolfgang bei Hanau. Foto: Habermann

Hanau

Werner Kurz: Ein gutes Stück Hanauer und Wolfganger Geschichte

Hanau. Werner Kurz (70), Journalist, früherer Redakteur beim HANAUER ANZEIGER und ausgewiesener Experte in historischen Fragen betreffend der Brüder-Grimm-Stadt, hat seine neueste Arbeit jetzt vorgestellt: „Von der Schießbaumwolle zum Mikrochip“.

Von Rainer Habermann

Es geht um die ehemalige Pulverfabrik im heutigen Stadtteil Wolfgang, ihre Geschichte – und die des ursprünglich bereits rund 115 Hektar großen Areals – von den Anfängen im Jahr 1875 über zwei Weltkriege bis heute. Wer sie im Jahr 2018 vergeblich sucht: Der Culture Club, ein Hanauer Szenelokal, bedient sich der modernisierten Räumlichkeiten in der Pulvermühle. Äußerlich fast unangetastet, handelt es sich um das ehemalige Offizierskasino der Pulverfabrik.

Vor allem beschreibt Kurz aber die Entwicklung eines Hightechstandorts, charakteristisch für Wolfgang und seinen heutigen Industriepark und Science-Park.

Damals Pulverfabrik, heute Fraunhofer oder EvonikWenn war die Königlich-Preußische Pulverfabrik im 19. Jahrhundert schon eine große Innovation, unter anderem energieautark durch mehrere eigene Dampfmaschinen auch zur Stromerzeugung und (damals) hypermoderne Verfahren zur Herstellung von Schießbaumwolle, so sind es heute wieder Unternehmen wie Fraunhofer, Evonik und wie sie alle heißen, welche die Entwicklung moderner Produkte und Verfahren maßgeblich mitbestimmen.

Wenngleich heute friedlich und zivil: Die deutsche Geschichte ist über viele Jahrhunderte absolut militärisch geprägt gewesen. In diesem Segment war die Pulverfabrik mit ihrer Schießbaumwolle „Technologieführer“, wie Kurz schreibt. „Sie war, wie wir heute sagen würden, ein ‚High-Tech-Produkt’, besonders im Verhältnis zum herkömmlichen Schießpulver.“

Schon in der KaiserzeitDurch diese Munitionsproduktion wurden ab 1875 aber auch andere Entwicklungen angeregt. Rund 65 Gebäude entstanden binnen kurzer Zeit auf dem weitläufigen Areal, unter anderem etliche Kasernen. Heutige Jugendliche mögen vielleicht mit Begriffen wie Pionier- oder Argonner-Kaserne nur noch die U. S. Army verbinden: Tatsächlich datieren sie aus der Kaiserzeit.

Kurz spannt den Rahmen in seinem Büchlein aber weiter: Das frühere Dorf Wolfgang genoss bei den Strategen im preußischen Berlin hohes Ansehen. Hanau entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum Eisenbahndrehkreuz, die einzige große Pulverfabrik des Deutschen Kaiserreichs in den 1870er Jahren befand sich in Neisse, im damaligen Oberschlesien. Der „Erzfeind“ aber, Frankreich, saß im Westen. Was lag da näher, als im Forst von Wolfgang eine hochmoderne Anlage zu errichten, die bis heute – in friedlicher Weise – ihren Charakter als High‧techstandort weiter entwickelt hat?

Zusammenhänge werden aufgezeichnetKurz gelingt mit seinem rund 60-seitigen Buch, das üppig bebildert ist (Liebhaber alter Fotografien kommen auf ihre Kosten), ein Überblick nicht nur über die Wolfgänger Ortsgeschichte. Er zeichnet auch ein Bild der Zusammenhänge zwischen kommunalen Veränderungen, jenen des Altkreises Hanau, und geopolitischen der gesamten Region.

„Wolfgang war anfangs des 20. Jahrhunderts eine der reichsten Gemeinden im Land, das 'Eschborn des Kreises'“, meinte Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky bei der Buchpräsentation im Rathaus. Auch heute noch hätten Wolfgang/ Großauheim wie auch das Freigerichtviertel einen hohen Anteil an der Einnahmeseite des städtischen Haushalts.

Werner Kurz hat sein Buch im Rahmen seiner Mitgliedschaft im Hanauer Geschichtsverein, der auch Herausgeber ist, veröffentlicht. Es ist ein „Muss“ für jeden, der wissen will, wie sich die Brüder-Grimm-Stadt im Lauf der letzten 130 Jahre zum Technologiestandort erster Güte entwickelt hat.

„Von der Schießbaumwolle zum Mikrochip – Kleine Geschichte der Königlichen Pulverfabrik Wolfgang bei Hanau“ von Werner Kurz ist 2018 erschienen als Publikation (Herausgeber) des Hanauer Geschichtsvereins 1844. Das Buch kostet 12,95 Euro und ist ab heute im Hanau Laden, Am Freiheitsplatz 3, erhältlich. Es trägt die ISBN-Nummer 978–3–935395–30–4.

Das könnte Sie auch interessieren