Das herbstliche Laub in seinen verschiedenen Farben wahrzunehmen, Blätter zu sammeln – auch das hilft, sich zu entspannen. Foto: Häsler

Hanau-Wolfgang

Waldbaden an der Roten Lache - Ein Selbstversuch

Wolfgang. Warum muss ein Waldspaziergang im Jahr 2018 unter dem Begriff „Waldbaden“ angepriesen werden? Und warum braucht es eigens dafür Veranstaltungen? HA-Redakteurin Kerstin Biehl hat den Selbstversuch gemacht.

Von Kerstin Biehl

Ich gebe zu, als ich erstmals vom Waldbaden gehört habe, habe ich es belächelt. Doch je mehr ich darüber gelesen habe, desto neugieriger hat mich dieses japanische Phänomen gemacht. In Waldpädagogin Kirsten Müller habe ich meine Meisterin gefunden. Mit ihr bin ich in die Tiefen des Waldes ein- und rundum entspanntwieder aufgetaucht.

Klong – Ein dumpfes Geräusch direkt neben meinem Kopf holt mich zurück aus dem Tagtraum. Ich liege auf dem Waldboden. Alle Viere von mir gestreckt. Den Blick ins herbstliche Blätterdach des Waldes gerichtet. Dort oben schimmern die Farben grün, gelb, rot und auch schon ein wenig braun. Gute 15 Meter über mir fährt eine Windböe energisch in die Blätter, lässt sie zu Boden tänzeln. Manche nehmen den direkten Weg, andere drehen Pirouetten, ziehen Kurven, scheinen gar zu schweben. Ich verfolge eines ums andere. Lasse mich auf den Blättertanz ein. Und bin ganz im Hier und Jetzt.

Am Waldrand aufgewachsen

Bis die dicke Eichel, die neben mir landet, meine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Auf dem Weg nach unten hat sie ihr Käppchen verloren. Nun liegt sie, gemeinsam mit unzähligen anderen Früchten der Eiche, auf dem Waldboden. Kirsten Müller schaut mich an und lächelt. „Sie scheinen schon zu entspannen“, sagt sie zufrieden. Und hat damit recht. Seit gut einer Viertelstunde streifen wir gemeinsam mit dem Fotografen durch den Wald. Und schon nach kurzer Zeit konnte ich es fühlen: Der Wald tut mir gut.

Ich bin am Waldrand aufgewachsen. Vom Baby bis ins junge Erwachsenenalter waren Aufenthalte dort für mich etwas nahezu Alltägliches und Selbstverständliches. Ohne mir dabei der wohltuenden Wirkung wirklich bewusst zu sein. Als ich später in der Großstadt lebte, vermisste ich den Wald. Und nahm erstmals bewusst wahr, wie wohltuend ein Waldbesuch auf mich wirkt. Heute lebe ich wieder auf dem Land, der Wald ist nicht weit und der Hund im Haus ein zusätzlicher Garant für regelmäßige Waldaufenthalte.

Artikel als Initialzündung

„Da können Sie froh sein“, sagt Müller, als ich davon berichte. „Viele Menschen, und ich meine nicht nur Großstädter, können mit Wald überhaupt nichts anfangen. Haben sogar Angst davor.“ Diese Angst möchte Müller den Menschen nehmen. Deshalb bietet sie Kurse im Waldbaden an. „Hier geht es aber um weit mehr, als darum, die Angst vor dem Wald zu verlieren. Es geht ums Abschalten und Entspannen. Und darum, wieder den Blick zu schärfen für die kleinen und großen Wunder, die der Wald hervorbringt.“

Müller wurde auf Grund eines Zeit-Artikels über das Waldbaden zur „Waldbademeisterin“. „Das war für mich die Initialzündung. Ich habe die Zeilen gelesen und wusste: 'Das ist genau meins'.“ Also hat sie Bücher gelesen und sich damit mehr und mehr Wissen angeeignet. „Ich habe schnell gemerkt, dass ich das, was mir so gut tut, auch an andere weitergeben möchte. Also biete ich jetzt Kurse an.“

Losgelöstes, befreites Lachen

Während Müller erzählt, laufen wir, weit abseits der Waldwege, durch dichtes Laub. „Spüren Sie genau hin“, empfiehlt die Waldexpertin und ich höre auf ihren Rat, merke, wie das Laub an meinen Wanderstiefeln entlangstreift, werfe es mit den Schuhspitzen auf, schiebe es zur Seite und sehe die nährstoffreiche, weiche Walderde, die darunter zum Vorschein kommt. „Hier kann man sich ohne weitere Ablenkung an den kleinen Dingen erfreuen“, sagt Müller und drückt mir ein Blatt in die Hand. Erneut gibt sie mir den Rat, genau hinzusehen. „Achten Sie auf die Farbe, die Struktur, fühlen Sie die weiche Oberfläche.“ Fasziniert lasse ich mich darauf ein, sammle ein Blatt ums andere und erfreue mich an den bunten Herbstfarben.

Wir ziehen weiter, überwinden umgefallene Baumstämme, klettern über alte Baumkronen und Baumstümpfe bis wir vor einem großen Bombentrichter zum Stehen kommen. „Jetzt wollen wir mal ein wenig in Bewegung kommen“, lacht die 63-Jährige und rennt los. Den steilen Trichter hinab – und auf der anderen Seite wieder hinauf. Oben angekommen müssen wir beide laut lachen. Ein losgelöstes, befreites Lachen, das tief aus dem Herzen kommt.

In Japan gilt Waldbaden als Medizin

„Das tut gut, oder?“, fragt meine persönliche Waldführerin. Das tut es. Auf unserem weiteren Weg entdecken wir Flechten und Moose, berühren ihre unterschiedlichen Oberflächen. Wir nehmen verwachsene Wurzeln wahr und laufen über eine von Wildschweinen durchwühlte Wiese.

Zunehmend fühle ich, wie der Alltagsstress von mir abfällt. Dass der Wald eine stärkende Wirkung auf das Immunsystem hat und ein Aufenthalt unter Bäumen Stress abbaut, ist in Japan schon lange bekannt. Dort gilt „Shinrin Yoku“, also das Waldbaden, sogar als Medizin, wird vom Gesundheitssystem gefördert und ist Bestandteil von Anti-Stress-Therapien.

Wir laufen immer weiter. Wie lange wir schon unterwegs sind, wird egal. Als es zu Nieseln beginnt, empfinden wir das überhaupt nicht als schlimm – ganz im Gegenteil. Wir genießen diesen ganz besonderen Geruch, den die Feuchtigkeit dem Waldboden entlockt, lassen unser Gesicht von den zarten Tropfen besprenkeln und beobachten kleinste Wasserelemente auf den Blättern.

Als wir das erste Mal auf die Uhr schauen, sind zwei Stunden vergangen. Keiner von uns hat bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist. „Weil wir abgeschaltet haben. So soll es sein“, freut sich meine Waldfee.

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