Der legale Weg zur scharfen Waffe: Wer mit großkalibrigen Pistolen oder Gewehren schießen will, benötigt eine sogenannte Waffenbesitzkarte, die von der Kreisbehörde ausgestellt wird. Kontrollen werden nach Erlangung der Lizenz jedoch nur noch sporadisch durchgeführt. Foto: dpa

Hanau

Waffenbesitz: Diese Regularien müssen erfüllt werden

Hanau. Hanau und Wächtersbach zeigen, wie Schützenvereine legale Waffenkammern für Extremisten werden können. Daher haben wir einmal nachgehört, wie die Bestimmungen und Vorschriften für Schützenvereine und Sportschützen sind.

Von Holger Weber

„Unauffällig, immer freundlich.“ So beschrieb der Vorsitzende des Schützenvereins Diana Bergen-Enkheim Tobias R., den Attentäter von Hanau. „Nett und gesellig“ fand man auch den aus Erlensee stammenden Roland K. in seinem Schützenverein im Wächtersbacher Stadtteil Neudorf. Nie habe Roland K. auch nur einen einzigen Satz gesagt, aus dem man eine latente Fremdenfeindlichkeit hätte heraushören können. Das Ende der Geschichten ist bekannt: Tobias R. tötete in der Nacht vom vergangenen Mittwoch auf Donnerstag in der Hanauer Innenstadt und in Kesselstadt neun ihm unbekannte Menschen, seine Mutter und sich selbst.

Roland K. verletzte im Juli vergangenen Jahres in Wächtersbach einen damals 26-jährigen Mann aus Eritrea lebensgefährlich. Er schoss ihm in den Bauch, nachdem er kurz zuvor in einer Kneipe in Biebergemünd angekündigt hatte, er wolle nun einen „Flüchtling abknallen“.

„Extremisten kommen als Sportschützen problemlos an Waffen.“

Beide Täter waren Rassisten. Und beide Täter waren legal im Besitz von großkalibrigen Pistolen, weil sie als Mitglieder in Schützenvereinen solche Waffen besitzen durften. Mehr als 250 Menschen sind laut einer Zählung des Journalisten und Buchautors Roman Grafe seit 1990 mit Waffen von Sportschützen getötet worden. Grafe hat nach dem Amoklauf an der Schule von Winnenden 2009, bei dem ein 17-Jähriger 15 Menschen und dann sich selbst erschoss, eine Initiative gegründet. Sie heißt „Keine Mordwaffen als Sportwaffen“ und wird unter anderem von einer Reihe von Prominenten unterstützt. Darunter ist auch der Schauspieler Günter Lamprecht, der bei einem Amoklauf 1999 in Bad Reichenhall selbst schwer verletzt wurde. Der 16-jährige Täter hatte vier Menschen mit der Waffe seines Vaters erschossen. Dieser war ebenfalls Sportschütze.

Durch die Bluttat von Hanau fühlt sich Grafe einmal mehr in seiner These bestätigt: „Extremisten kommen als Sportschützen problemlos an Waffen.“ Trotz mehrerer Verschärfungen des Waffenrechts. Als Folge früherer Anschläge und angesichts der Bedrohung durch Reichsbürger waren die Voraussetzungen erst jüngst verschärft worden. Inzwischen müssen die Behörden auch beim Verfassungsschutz abfragen, ob gegen den Antragsteller einer Waffenbesitzkarte Erkenntnisse vorliegen, die auf extremistische Einstellungen hindeuten. Weder in Hanau noch in Wächtersbach hätte dieser Filter jedoch Wirkung gezeigt, weil in beiden Fällen keine Hinweise auf eine zweifelhafte Gesinnung der beiden Männer vorlagen.

Eignung per Ankreuzverfahren

Sportschützen benötigen besagte Waffenbesitzkarte, für die der Antragsteller seine Zuverlässigkeit und persönliche Eignung sowie eine Sachkundigkeitsprüfung nachweisen muss. Geprüft wird von Seiten des Main-Kinzig-Kreises als zuständige Behörde jedoch nur durch ein standardisiertes Verfahren, für das der Antragsteller nicht einmal vorstellig werden muss.

Es lässt sich problemlos von zu Hause aus online erledigen. Potenzielle körperliche und geistige Mängel des Antragstellers, etwa hervorgerufen durch Alkohol, Drogen oder Arzneimissbrauch, werden dort per Ankreuzverfahren abgefragt. Das heißt, man vertraut darauf, dass der Antragsteller das Formular wahrheitsgemäß ausfüllt. Tatsächliche Erkenntnisse über denjenigen, der in den Besitz von scharfen Waffen kommen soll, sind daraus jedoch nur sehr schwer abzuleiten.

Soziale Kontrolle durch Anwesenheit beim Schießtraining

Das Verfahren hat auch der Todesschütze von Hanau durchlaufen. Tobias R. ist deswegen beim Kreis sogar dreimal persönlich vorstellig geworden, obwohl dies gar nicht notwendig gewesen wäre. Sein 2013 gestellter Antrag sei nach ordnungsgemäßer Prüfung bewilligt worden, berichtet Kreissprecher John Mewes. Im April 2014 wurde auf der Karte eine SIG Sauer 226 (Kaliber neun Millimeter) eingetragen. Im Oktober kam eine Walther PPQM2 hinzu.

Die Schützenvereine selbst verfügen mit dem sogenannten Bedürfnisantrag über ein Instrumentarium, die Zuverlässigkeit ihrer Mitglieder zu prüfen. Die Vorsitzenden der Klubs müssen den Antrag unterschreiben, der ebenfalls Voraussetzung zur Erlangung der Waffenbesitzkarte ist. Die Vereine sind verpflichtet nachzuhalten, dass der Antragsteller innerhalb von zwölf Monaten mindestens 18-mal am Schießtraining teilgenommen hat. Diese Maßnahme soll eine soziale Kontrolle gewährleisten, habe aber ihre Grenzen, wie Verantwortliche in den Schützenvereinen eingestehen.

Man könne nicht in die Menschen hineinsehen

„Sie können doch nicht in den Kopf eines Menschen hineinsehen“, sagt Hans-Georg Jost, der Vorsitzende der Neudorfer Schützen. Ein Satz, den man in diesem Zusammenhang bei den Schützen im Übrigen sehr oft hört. Roland K. war im Jahr 2000 Mitglied in Neudorf geworden.

In den zwei Jahren vor der Tat von Wächtersbach sei er bei den Trainingseinheiten nicht mehr erschienen und auch sonst habe er sich aus dem Vereinsleben zurückgezogen, seine Waffen sogar zum Verkauf angeboten. „Wenn jemand nicht mehr kommt, kriegen sie doch unmöglich mit, ob er sich radikalisiert“, sagt Jost.

Kein Befund zu Tobias R. im August 2019

Auch Tobias R., der 2012 Mitglied beim Schützenverein in Bergen-Enkheim geworden war, verschwand für den Klub für rund vier Jahre aus dem Sichtfenster. Erst Anfang 2019, nachdem er zwischenzeitlich in München gelebt hatte, nahm er wieder regelmäßig an den Trainingseinheiten im Schützenhaus teil. Ein vom Vorsitzenden des Klubs vor fünf Jahren eingeführtes Monitoring von Neu-Mitgliedern musste Tobias R. nicht durchlaufen, weil er ja schon Mitglied war. Ob bei der vereinsinternen Befragung über Motivation und Ziele im Schießsport Tobias R.s Gesinnung aufgefallen wäre, bezweifelt jedoch auch der Vorsitzende Klaus Schmidt.

Nach einem erfolgreichen Antrag gibt es kaum noch wirksame Kontrollen. Alle drei Jahre werden zwar Zuverlässigkeit und Eignung geprüft – in der Regel jedoch nur durch Behördenabfragen. Der Bedarf für eine Waffe muss alle fünf Jahre nachgewiesen werden, bei Sportschützen reicht nach zehn Jahren ein Beleg der Vereinsmitgliedschaft. Im Fall von Tobias R. holte die Kreisbehörde zuletzt im August 2019 im Rahmen einer Routinekontrolle erneut Auskünfte aus dem Bundeszentralregister, dem staatsanwaltschaftlichen Verfahrensregister und bei der Polizei ein. Ohne Befund.

Grünenvorschlag: Munition nur noch wo geschossen wird

„Wenn alle Ampeln auf Grün sind, steht man wenig bis selten im Fokus“, sagt Kreissprecher John Mewes. Eine lückenlose Kontrolle sei angesichts von 2600 aktiven Schützen im Main-Kinzig-Kreis nahezu unmöglich. Selbst stichprobenartige Besuche der Waffenbehörde werden in der Regel angekündigt, weil die Kontrolleure sich nicht einfach Zutritt in eine Wohnung verschaffen dürfen.

Eine Forderung taucht immer wieder auf, wenn es um die Sicherheit von Schützenvereinen geht: Die Sportler sollten ihre Waffen nicht mehr mit nach Hause nehmen dürfen, sondern im Verein einschließen müssen. Zuletzt äußerte den Vorschlag der frühere Grünen-Chef Jürgen Trittin im Zusammenhang mit den Attentaten von Hanau. Seine Fraktion im Bundestag regt in einem Aktionsplan auch an, dass Munition nur noch gelagert werden darf, wo auch geschossen werden darf.

„Wie sollen wir die an einem zentralen Ort sichern?“

Der Deutsche Schützenbund hält nichts von derlei Plänen: Eine zentrale Lagerung der Waffen im Vereinsheim, welche oft abgelegen seien, böten einen idealen Anlaufpunkt für all diejenigen, die sich eine Waffe beschaffen wollen. Anders als bei der Aufbewahrung im privaten Haushalt fänden die Täter dort eine große Menge an Waffen und Munition. Und auch finanziell seien die Vereine mit zentralen Waffenarsenalen überfordert, glaubt Hans-Georg Jost. Im kleinen Schützenverein von Neudorf beispielsweise seien rund 300 Waffen im Besitz der rund 100 aktiven Mitglieder. Jost: „Wie sollen wir die an einem zentralen Ort sichern?“

Für Roman Grafe gibt es hingegen nur eine Lösung, um für mehr Sicherheit zu sorgen: ein Verbot von tödlichen Waffen für Sportschützen, egal welchen Kalibers. Grafe ist Mitglied der Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen", die auch von mehreren Promienten unterstützt wird. Infos:

www.sportmordwaffen.de

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