Der jüngste Verhandlungstag im Volke-Prozess war von den Worten des Gutachters geprägt. Archivfoto: Bender

Hanau

Volkeprozess: Gutachten über die Angeklagten vorgelegt

Hanau. Zu den außergewöhnlichen Vertretern des nicht immer seriösen Gutachtergewerbes, wie es sich in Gerichtssälen bisweilen zu präsentieren pflegt, gehört der Psychiater Dieter Marquetand aus dem südhessischen Airlenbach.

Von Dieter A. Graber

Der 72-jährige Psychiater zeichnet sich durch Beharrlichkeit aus, ja nachgerade durch Detailbesessenheit bei der Arbeit an jedem einzelnen Fall. Nun legte er sein Gutachten über die beiden Angeklagten im Volkemordverfahren vor.

Marquetand kommt zu dem Schluss, Lutz H. und Banu D. seien „voll schuldfähig“, wenn – man beachte den Konditionalsatz! – sie die Tat denn begangen hätten: „Unterstellt, der Angeklagte war der Schütze und es spielte sich so ab wie angeklagt . . . “ Für beide gelte dann, dass sie weder unter einer Persönlichkeitsstörung litten, noch Wahnvorstellungen oder eine seelische Abartigkeit bei ihnen vorliege.

Ausführlicher VortragDieses Ergebnis bildet einen seltsamen Kontrast zu dem Eindruck, den die Aussagen der Verdeckten BKA-Ermittler (Tarnnamen: Ayse und Errol) zu suggerieren versuchten: Lutz H. ist laut Gutachten eben nicht der gefühlskalte Egoist, der auf der Jagd im Töten seine Befriedigung findet; Banu D. nicht die leicht schräge, raffinierte, ihm bedingungslos ergebene Frau an seiner Seite. Zwar verfüge Lutz H., dem Marquetand im übrigen Hilfsbereitschaft und Empathie attestiert, über eine „besonders ich-bezogene Wesensart“, was aber nicht als anormal gelten könne. „Und dass er sich mit seiner Schwester nicht versteht, ist auch nichts Ungewöhnliches.“

Marquetands fast zweistündiger Vortrag mag als eine Art Anker dienen für diesen Prozess, in dem viel vermeintlich Belastendes aus küchenpsychologischen Versatzstücken zusammengesetzt wurde. Kaum waren seinerzeit die tödlichen Schüsse in der Gallienstraße verhallt, stand Lutz H. für die Ermittler schon als Täter fest. Systematisch zeichneten sie das Bild eines verschlagenden Hochstaplers: ein falscher Arzt ohne geregeltes Einkommen, ein schießwütiger Weidmann, so abgebrüht, dass er sogar der ihn vernehmenden Staatsanwältin zynisch seine Mithilfe bei der Aufklärung anbietet. Zudem ist er Mitglied in einer schlagenden Verbindung, der Landsmannschaft Tyrolia, was offenbar nicht nur auf eine unedle Gesinnung, sondern auf einen Hang zu blutigem Zeitvertreib schließen lässt.

Instrumentativ mitgewirktBanu D. hatten Polizeipsychologen via Ferndiagnose „hohe Impulsivität und Destruktivität“ sowie „eine dependente Beziehung zu ihrem Lebenspartner“ attestiert. Zwei „Natural Born Killers“, wie sie Oliver Stone in seinem gleichnamigen Film von 1994 vorführt. Nichts davon mag der Gutachter so stehen lassen.

„Instrumentativ“ habe er an der Tat mitgewirkt, hatte Lutz H. den verdeckten Ermittler Errol wissen lassen. Ein seltsames Wort. Der Duden kennt es als Terminus für ein Verb des Benutzens, das eine durch ein bestimmtes Mittel bewirkte Tätigkeit bezeichnet. Hämmern. Schrauben. Sägen. Kann man „instrumentativ“ einen Mord begehen? Er habe Fluchtwege bezeichnet, vertraut er Errol an, Standorte von Kameras und so fort. Er „schwört“ aber, nicht der Schütze gewesen zu sein: „Wenn ich es gewesen wäre, hätte ich es professioneller gemacht.“ Die Kammer hat daraus die Möglichkeit einer Mittäterschaft abgeleitet. Denkbar, aber nicht zwingend.

Schwerwiegendes IndizDer Täter, schlussfolgert der Gutachter, müsse „das Opfer von seinem Erscheinungsbild her“ gekannt haben, in der Lage gewesen sein, sich einen derart perfiden Plan auszudenken und ihn „motorisch“ in die Tat umzusetzen. Da ist nichts „Instrumentatives“ mehr. Es beschreibt die Arbeit eines Berufskillers, der mit der Perfektion des Routiniers tötet. Welche Rolle mag Lutz H. dabei tatsächlich gespielt haben? Er hatte die Tatwaffe in seinem Besitz, zumindest zweieinhalb Jahre später. Dies ist ein schwerwiegendes Indiz. Mehr aber nicht.

Könnte „instrumentativ“ auch bedeuten, dass die Tat von Lutz H. ausgelöst, aber gar nicht gewollt wurde? Marquetand schweift gern in die Welt der Philosophie und Historie ab. Diesmal zurück ins England des 12. Jahrhunderts, zu Heinrich II., der aus Ärger über den unbotmäßigen Bischof von Canterbury ausgerufen haben soll: „Will no one rid me of this turbulent priest!“ Vier seiner Vasallen nahmen das angeblich als Aufforderung und erschlugen den „aufrührerischen Priester“. Mord durch Gedankenübertragung also. Aber das ist nur eine Anekdote, die sich in die Geschichtsbücher und Welt der Dramen geschlichen hat. Jean Anouilh hat daraus ein Stück gemacht. Es heißt: Becket oder die Ehre Gottes.

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