Zielgrade im Volkeprozess: Ob Banu D. letzlich freigesprochen oder verurteilt wird, ist offen. Archivfoto: Bender

Hanau

Volke-Prozess: Ein Telefonat, das alles entscheiden kann

Hanau. Richter Peter Graßmück will das Verfahren um den Volkemord nach gut14 Monaten abschließen. Die Verteidigung erwartet, zumindest für Banu D., einen Freispruch. Der Staatsanwalt hingegen rechnet fest mit einer Verurteilung.

Von Dieter A. Graber

War Banu D. zur Tatzeit, die Nacht zum 8. September 2013, tatsächlich mit Cengiz G. zusammen im Wiesbadener Restaurant Harput, kann sie die Mörderin nicht sein. Der Besuch des türkischen Lokals und anschließend der vorwiegend von Türken besuchten Zurna Bar in Mainz-Kastell war ihr Alibi von Anfang an. Die Polizei hat es zu überprüfen nicht für nötig befunden. Eine schlampige Ermittlung. Damals glaubten die Fahnder, mit Lutz H. den Täter bereits im Visier zu haben. An die Möglichkeit, ein Dritter könne den Mord in der Gallienstraße begangen haben, wurde kein weiterer Gedanke verschwendet. Lutz H. hat kein Alibi. Er will in der Nacht die beiden Töchter von Banu D. in deren Haus beaufsichtigt haben.

Unmittelbar nach der Tat wurden mehrere Telefongespräche abgehört. Eins davon muss jetzt, quasi im Nachhinein, als Beweis für die Täterschaft von Banu D. herhalten. Sie führte es mit Cengiz G. am 11. September, also drei Tage nach den tödlichen Schüssen, morgens um 9.58 Uhr. Cengiz G. sagt lachend: „Jetzt wollten wir einmal was heimlich machen. Scheiße haha.“ Banu D. antwortet: „Ja wirklich. Da wollen wir uns mal heimlich treffen, dass keiner davon Wind bekommt und dann so eine Scheiße …“ – „…zum Beispiel bis nach Hanau, haha.“ – „Obwohl wir damit nichts zu tun haben.“ – „Egal, egal, ich habe genug Zeugen, [die] ganze Zurna Bar war da. Ich bin froh, wenn Sie denjenigen erwischen.“ – „Die [gemeint sind Polizei und Staatsanwaltschaft] haben gesagt: ,Geben Sie es doch zu, dass sie jemanden schützen‘ oder so. Ich so: ,Nee. Ich sage, wie es ist.‘ Vor allem überleg mal, für irgendjemanden meinen Hals hinzuhalten, und ich habe noch zwei Kinder.“ – „Das war doch gut, dass ich dich überredet habe, in die Dings zu gehen, [in die] Türken-Bar ....“Waren sie tatsächlich dort, muss Banu D. unschuldig sein. Soweit die Logik.

Eine akustische HerausforderungDer Dialog wurde im Saal 215 vorgespielt. Die Richter der 1. Großen Strafkammer haben ihn überdies außerhalb des Prozesses studiert. Immer wieder. Mit Kopfhörern. Es ist ein akustisch schwer verständliches Gespräch, überlagert von Störgeräuschen. Die Angeklagte macht es einem zudem nicht leicht, auch in einer normalen Unterhaltung, ihrer holpernden Syntax und ihren Gedankensprüngen zu folgen. Vor allem aber: Was meinte Cengiz G. mit „…zum Beispiel bis nach Hanau …“? Nun der Glaube. Staatsanwalt Mathias Pleuser nimmt das Zitat als Beweis, dass die beiden in Wirklichkeit nach Hanau gefahren sind, mithin nicht im Harput waren. In der Philosophie heißt das Petitio Principii.

Eine Behauptung wird durch eine Aussage begründet, welche die zu beweisende Behauptung als wahr voraussetzt. In diesem Fall: Weil sie in Hanau waren, muss die Äußerung des Cengiz G. in diesem Sinne gemeint gewesen sein. Wortklauberei würde der Volksmund vielleicht sagen.Aber Wortklauberei kann auch Ironie und Sarkasmus zum Ausdruck bringen. Hat es Herr G. so gemeint? Machte er sich, die Konsequenzen seiner Äußerung nicht ahnend, über die Ermittler lustig? Und was war mit „was heimlich machen“ gemeint? Das nächtliche Rendezvous in Wiesbaden oder das Verbrechen in Hanau? Würde einer ernsthaft über einen Mord als „Heimlichkeit“ sprechen?

Die Bedeutung des SchweigensEs gibt in diesem Verfahren weitere Banalitäten, die nun wie zurechtgestutzte Mosaiksteinchen in das „Beweispuzzle“ gegen Banu D. eingepasst werden. Da wird angeblich „sekundenlanges Schweigen“ während des Telefonats (vor: „Obwohl wir damit nichts zu tun haben.“) als Indiz gewertet, eine Aussage in eine Frage umgedeutet und so weiter, und zwar so lange, bis das umgefrickelte Telefonat als Schuldbeweis zu taugen scheint.

Im Anschluss an seine insgesamt zwanzigstündige Zeugenbefragung – wohlgemerkt: nachher – besuchte Cengiz G. erneut das Harput, auf dem Heimweg, gemeinsam mit seinem Rechtsanwalt. Und zwar zum Essen. Es war an einem Januartag dieses Jahres. Die Kammer findet das „verdächtig“.

Verteidiger will Staatsanwalt vernehmenVerteidiger Axel Küster kritisiert, dass bei der Vernehmung des Cengiz G. „überspannte Anforderungen an das Erinnerungsvermögen“ gestellt worden seien. „Von ihm wurde erwartet, minutiös Vorgänge wiederzugeben, die fast vier Jahre zurückliegen.“ Nebenbei: Später beantragt Verteidiger Edgar Gärtner die Vernehmung des Staatsanwalts. Pleuser solle zu einer Aussage von Banu D. aus dem ersten Volkemordprozess, in dem sie noch als Zeugin auftrat, befragt werden. Pleuser winkt ab. Daran könne er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Es ist, wie gesagt, nicht mal eineinhalb Jahre her. So viel zum Thema Gedächtnisleistung.

Die Verteidigung von Banu D. zieht noch einmal alle Register. Sie beantragt unter anderem ein Sachverständigengutachten, das „durch Verlangsamen und Hervorheben bzw. Ausblenden von einzelnen Tonspuren, durch Veränderung der Höhen und Tiefen … eine genaue Wiedergabe“ des Telefonats ermöglichen soll.

Die Kammer wird darüber vermutlich bis zum nächsten Verhandlungstag am 28. März entscheiden. Dann will Banu D. sich auch zur Person äußern. Zum ersten Mal als Angeklagte.

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