Wehmut: Der 79-jährige Kesselstädter Vincenzo Del Ponte berichtet mit Blick auf seine Hochzeitsfotos von seiner verstorbenen Frau Elisabeth. Sie hatte ihm das Versprechen abgenommen, nicht nur im Herzen, sondern auch auf dem Papier Italiener zu bleiben. Foto: Degen-Peters

Hanau

Vincenzo Del Pontes langer und steiniger Weg zum deutschen Pass

Hanau. Er ist ein stolzer Italiener von klein auf. Und jetzt auch ein stolzer Deutscher. Vincenzo Del Ponte, 1940 in dem idyllischen Bergdorf Chieti in den Abruzzen geboren und nach 59 Jahren in Hanau längst ein Kesselstädter Bub, kann nach schwierigem Hürdenlauf nun endlich auch seinen lange ersehnten deutschen Pass vorweisen.

Von Jutta Degen-Peters

„Ohne die Hilfe des Oberbürgermeisters hätte ich den immer noch nicht“, sagt der rüstige Rentner und strahlt. Wenn der temperamentvolle 79-Jährige seine wechselvolle Geschichte erzählt, spiegeln sich in seinem Gesicht Trauer und Freude so deutlich wider, dass der Zuhörer mitfühlt, ob er will oder nicht.

„Eigentlich bin ich ein überzeugter Europäer“, betont der Senior mit dem weißen Schnurrbart in seinem Häuschen in Kesselstadt. Er schmunzelt, als er berichtet, wie er einst beim italienischen Konsulat in Frankfurt einen europäischen Pass beantragen wollte.

Europa sei einzige Chance auf eine Zukunft

Europa, so ist er fest überzeugt, sei die einzige Chance, um in der Zukunft zu bestehen. Die Menschen müssten offen sein für Neues und Fremdes, Kompromisse finden, die eigenen Egoismen hintenanstellen, glaubt er. Und kaum einer weiß das besser als Del Ponte, der 1960 mit der ersten Gastarbeiterwelle 20-jährig nach Hanau kam, weil er als ausgebildeter Radiotechniker in der Heimat keine Zukunft sah.

"Ich wusste damals gar nicht, wo Hanau ist“, erinnert er sich. Trotzdem kam er mit einem Freund in die Goldschmiedestadt, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen. „Das war für mich der Anfang meines Abenteuers“, beschreibt er die Zeit, als er keineswegs überall mit offenen Armen aufgenommen wurde. „Itaker“ und „Spaghettifresser“ seien damals beliebte Schimpfwörter gewesen. Die Vorurteile gegen Italiener gingen laut Del Ponte so weit, dass es sogar Gaststätten mit der Ansage „Kein Zutritt für Italiener“ gegeben habe.

Dass sich der gut aussehende Vincenzo ausgerechnet in eine Deutsche verliebte, die er 1962 in einem Lokal in der Krämerstraße kennenlernte, machte die Sache nicht gerade leichter. Wenn Betty, so hieß die Liebe seines Lebens, mit ihm spazierenging, „bewegten sich die Gardinen an den Fenstern der neugierigen Nachbarn“. Und manche Freundin seiner späteren Schwiegermutter hätten lautstark davor gewarnt, die Tochter ja nicht einem italienischen Gigolo und Herzensbrecher anzuvertrauen.

"Eine sehr mutige Frau"

„Meine Elisabeth hat das nicht abgeschreckt. Sie war eine sehr mutige Frau “, sagt Del Ponte wehmütig. Jahre später – längst hatte das Paar zwei Kinder, und Vincenzo hatte als Elektriker und Radiotechniker in der Qualitätssicherung bei Honeywell Fuß gefasst und war geschätztes Mitglied der Kesselstädter Gemeinschaft geworden – wollte der Italiener gerne die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen.

Doch da hatte er die Rechnung ohne seine Frau gemacht: „Ich habe einen Italiener geheiratet, und den will ich auch behalten“, habe sie damals in Erinnerung an die gemeinsam gemeisterten schwierigen Anfangsjahre zu ihm gesagt und ihm das Versprechen abgenommen, Italiener zu bleiben, so lange sie lebe.

Letztes Jahr starb Elisabeth Del Ponte nach langer schwerer Krankheit, erzählt der Senior mit Tränen in den Augen. Anfang diesen Jahres habe er ihr mit den Worten „Jetzt muss es aber doch sein“ am Grab gebeichtet, dass er den deutschen Pass beantragen wolle und sich auf den Weg zum Ausländeramt im Hanauer Rathaus gemacht. Sein Antrag ging von dort ans Regierungspräsidium in Darmstadt, und dann fing der Ärger an. Er sollte immer neue Unterlagen einreichen, sollte belegen, dass er nach der Rente ausnahmslos in Deutschland gelebt hat. Doch alle Dokumente, die er nach Darmstadt schickte, hätten nicht ausgereicht.

OB kommt zur Hilfe

„Ich kam mir vor wie der Hauptmann von Köpenick“, sagt der Witwer. Er sei ganz verzweifelt gewesen, erinnert er sich und hatte schon keine Lust mehr, sich noch weiter zu bemühen. Zu guter Letzt wendete er sich ans Büro des Oberbürgermeisters und bat um Hilfe. Mit Erfolg. Ein Brief ans RP mit der Bestätigung, dass Del Ponte nicht nur seit 59 Jahren in Hanau lebe, sondern sich hier auch im Oratorienchor der Kirchengemeinde St. Elisabeth oder dem Filmclub engagiere, brachte die Wende.

Stolz deutet Del Ponte auf die Einbürgerungsurkunde, die gerahmt an der Wand hängt. Er hat nun neben dem italienischen endlich auch den deutschen Pass. Wenn er ein Fußballspiel Deutschland/Italien sehe, halte er zur besseren Mannschaft. Einen schönen deutschen Braten liebe er über alles, seinen Espresso auch. Aber nachdenklich stellt er schließlich fest: „Ich bin jetzt im Herzen mehr deutsch.“

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