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Pfarrer Dr. Manuel Goldmann aus Hanau: „Vielfalt ist nichts für Feiglinge“

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Von: David Scheck

Jerusalem immer im Blick: Im Büro von Pfarrer Dr. Manuel Goldmann hängt ein Bild der Stadt, in der er wichtige Erfahrungen für das Zusammenleben verschiedener Kulturen gemacht hat.
Jerusalem immer im Blick: Im Büro von Pfarrer Dr. Manuel Goldmann hängt ein Bild der Stadt, in der er wichtige Erfahrungen für das Zusammenleben verschiedener Kulturen gemacht hat. © David Scheck

Dr. Manuel Goldmann, Pfarrer in Hanau, ist nach dem Abitur nach Jerusalem gezogen. Begegnungen mit anderen Kulturen sind für ihn alternativlos.

Hanau/Großkrotzenburg – Wer nach Jerusalem reist, wandelt nicht nur auf den Spuren des Judentums – auch das Christentum nahm dort seinen Anfang. „In Jerusalem gibt es eine größere Vielfalt an Kirchen als in Rom“, sagt Dr. Manuel Goldmann, und ein gewisses Erstaunen darüber ist in seiner Stimme immer noch rauszuhören. Der evangelische Pfarrer kennt die Stadt gut.

Und er hat dort wichtige Erfahrungen für das Zusammenleben verschiedener Kulturen gemacht.

Goldmann ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche am Limes und damit in Großkrotzenburg, aber auch in Großauheim und Wolfgang tätig. Liegt sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt seit 2018 am Main, zieht es den 60-Jährigen schon seit jungen Jahren immer wieder in diese eine Stadt: Jerusalem. Ein großes Bild der Altstadt mit dem alles überragenden Tempelberg hängt in einem Arbeitszimmer.

Nach dem Abitur nach Jerusalem: Pfarrer aus Hanau war in der deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde der Erlöserkirche aktiv

Gleich nach dem Abitur ging Goldmann als Volontär nach Jerusalem, dem schloss sich in der Folgezeit ein Aufenthalt während seines Studiums an. Ende der 1990er Jahre schließlich war Goldmann sogar Pfarrer in der deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde der Erlöserkirche – mitten in der Altstadt. Die Evangelische Gemeinde deutscher Sprache zu Jerusalem existiert bereits seit dem 19. Jahrhundert. Die Mitglieder sind meist Diplomaten beziehungsweise Botschaftsangestellte, Lehrer, Studenten sowie Volontäre, wie Goldmann in jungen Jahren einer war. In den Gottesdiensten versammeln sich darüber hinaus vor allem Pilger und Touristen.

Die Gemeinde legt großen Wert auf Ökumene und den Austausch mit anderen Konfessionen. In einer Stadt, in der Juden, Muslime sowie evangelische, katholische und orthodoxe Christen unterschiedlicher Ausprägungen leben, ist ein Zusammenleben anders wohl auch gar nicht möglich. Goldmann empfand und empfindet es als „überwältigend, diese Vielfalt zu erleben“. Noch immer unternimmt er regelmäßig Reisen nach Jerusalem.

In einem fremden Land: Pfarrer aus Hanau muss sich in Jerusalem erst einmal eingewöhnen

Wer Theologie studiert, kommt natürlich nicht umhin, sich mit dieser besonderen Stadt zu beschäftigen. Doch Goldmann hatte zu Beginn auch noch einen anderen Antrieb: „Ich wollte die jüdische Wirklichkeit kennenlernen.“ Wie wohl jeder andere, musste auch der aufgeschlossene Manuel Goldmann sich erst einmal eingewöhnen in dem damals für ihn noch fremden Land.

Lachend erzählt er davon, wie ihn der Muezzin einer nahegelegenen Moschee, der zum Morgengebet rief, in den ersten Tagen seines Jerusalem-Aufenthaltes um halb vier morgens förmlich aus dem Bett warf. „Nach einer Woche etwa hatte ich mich daran gewöhnt.“ Doch das war nicht alles. „Ich kam mit vielen Bildern im Kopf dorthin, die auseinandergenommen wurden“, sagt Goldmann heute.

Ging es (und geht es teilweise immer noch) im Christentum oft um Deutungshoheit und in früheren Jahrhunderten um Unterdrückung abweichender Glaubensrichtungen, beeindruckt Goldmann der Umgang damit im Judentum: Minderheitenmeinungen würden nicht unter den Tisch fallen gelassen, sondern mitüberliefert.

Auf Begegnungen mit anderen Kulturen einlassen: Pfarrer aus Hanau setzt auf Vielfalt

Was damit gemeint ist, veranschaulicht der Theologe anhand einer traditionellen jüdischen Bibelausgabe: Zuerst, groß gedruckt, der Text der Tora selber; daneben, auf derselben Seite, stehen mehrere, ganz unterschiedliche Interpretationen dieses Textes durch die Jahrhunderte. Deutungshoheit? Gibt es nicht. Dafür jede Menge Meinungsvielfalt.

Es gehört zweifellos etwas dazu, die Meinung des anderen auszuhalten. Das fällt nicht jedem leicht, mancher muss dafür an sich arbeiten. Für ein gelingendes Zusammenleben ist es aus Goldmanns Sicht jedoch alternativlos. Wer etwas beitragen möchte, muss sich auf Begegnungen – auch mit anderen Kulturen – einlassen. „Vielfalt ist nichts für Feiglinge“, bringt es der evangelische Pfarrer mit vordergründigem Humor, aber ernst gemeintem Hintergrund auf den Punkt.

Je größer und bereichernder die Vielfalt, desto wichtiger ein Minimum an gemeinsamen Spielregeln. Das eine bedingt das andere – auch das, so Goldmanns Erfahrung, sei in der Begegnung mit jüdischer Tradition exemplarisch zu lernen. Denn erst die gemeinsamen Spielregeln ermöglichten es, mit dem Gegenüber in einen Wettstreit der Überzeugungen einzutreten – auch dann, wenn dieses Gegenüber jüdischen Glaubens ist. Das ist für viele Deutsche nicht einfach, wenn nicht sogar tabu. Der Holocaust liegt allzu oft wie ein gewaltiger dunkler Schatten über dem Verhältnis zwischen Deutschen beziehungsweise deutschen Christen und Juden. Diese Wunde, weiß Goldmann, „wird zu unseren Lebzeiten nicht mehr verheilen“. Sie beeinflusst alles, was im christlich-jüdischen Kontext gesprochen wird. Dennoch: Er könne mit seinen jüdischen Freunden streiten, sagt Goldmann. Weil er weiß: Menschen jüdischen Glaubens wollen, dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet – und sie und ihre Geschichte nicht auf die Holocaust-Traumata reduziert. Denn in solcher Reduktion würde gerade der ungeheure Reichtum der jüdischen Tradition einmal mehr zum Verschwinden gebracht, und eine riesige Chance zum Lernen würde vertan.

Pfarrer aus Hanau: „Vielfalt strengt an – aber sie belebt auch“

Vielfalt wird auch in Hanau diskutiert. Erst recht seit dem 19. Februar 2020. „Die Selbstverständlichkeit, mit der die Kulturen in Hanau zusammenleben, ist bemerkenswert“, findet Goldmann. Das Erschrecken nach den Morden vor zwei Jahren habe sicher eine Zäsur bewirkt, bei manchen sei eine größere Vorsicht zu beobachten, dennoch seien in der Stadtgesellschaft beachtliche Impulse des Gedenkens und eines bewussten Umgangs mit der Vielfalt gewachsen, die auf der lange gewachsenen Kultur aufbauen.

Aber auch in Hanau gilt, was in Jerusalem gilt: „Wir brauchen die anderen, um zu verstehen, wer wir selber sind, wie wir uns unterscheiden – und wie wir gerade wegen unserer Unterschiede voneinander lernen können.“ Sicher nicht immer einfach, das weiß auch Goldmann: „Vielfalt strengt an – aber sie belebt auch.“ (David Scheck)

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