Die beiden Angeklagten (mit Akten vor dem Kopf) sind heute 19 und 24 Jahre alt. Sie sollen im Mai 2017 eine damals 17-Jährige vergewaltigt haben. Foto: Habermann

Hanau

Viele Fragezeichen nach Vergewaltigungs-Prozesseröffnung

Hanau. Am Montag hat vor der 2. Großen Strafkammer des Hanauer Landgerichts ein Prozess begonnen, der einerseits gleich am Eröffnungstag zur Mammutsitzung wurde, zudem aber auch – zumindest für Prozessbeobachter – viele Fragezeichen setzt.

Von Rainer Habermann

Es geht um die Vergewaltigung einer jungen Frau, zum Tatzeitpunkt 17 Jahre alt, durch zwei heute 19- und 24-Jährige. Das noch perfidere daran: Das Mädchen könnte vom jüngeren Angeklagten an den älteren „ausgeliehen“ worden sein.

Eine skurrile, fast schon perverse Szenerie, die Staatsanwalt Martin Links, der die Anklagebehörde vertritt, da malt. Zumal es auch noch um ein Video geht, das der jüngere Angeklagte hinter dem Rücken des Opfers gedreht haben soll.

Erpressung mit Videomaterial

Das ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen, denn es zeige den jüngeren Angeklagten beim Geschlechtsverkehr mit der Geschädigten, und zwar „Doggystyle“, wie das im Milieu heißt. Also von hinten. Das Opfer habe vom Filmemachen nichts mitbekommen. Mit genau diesem Porno-Video soll der jüngere Angeklagte – nennen wir ihn „Sid“ – die Geschädigte dann auch noch erpresst haben. Genötigt zur Herausgabe ihres Handys, eines Smartphones von einigem Wert, weil Sid drohte, andernfalls den Porno ins Netz zu stellen.

Nötigung? Die scheint klar. Aber sexuelle, gar Vergewaltigung? Wie sich im Laufe der Zeugenaussagen herausstellt, waren Sid und die Geschädigte ein Paar. Er grade 18, sie eben 17. Alles geschah im April 2017. Doch dann kommt der 5. Mai. Und ab da wird's ziemlich böse. Da kommt nämlich „Randi“ (so nennen wir den älteren Angeklagten, wo es zumindest beinahe noch um Jugendliche geht) ins Spiel, damals 23 Jahre alt, ein guter Freund Sids und wohl zeitweise sein „Chauffeur“.

„Sonst mache ich Dir das Leben zur Hölle“

Nüchtern drückt der Staatsanwalt aus, was sich in Randis Wohnzimmer abgespielt haben soll. „Der ältere Angeklagte soll der Zeugin zunächst mit der flachen Hand schmerzhaft ins Gesicht geschlagen, sodann die Tür verriegelt und die Zeugin anschließend auf die Couch gedrückt, ihr den Slip heruntergezogen und den ungeschützten Geschlechtsverkehr durchgeführt haben, obwohl die weinende Zeugin ihn mehrfach aufgefordert haben soll, von ihr abzulassen.“ Sid aber soll das Ganze „eingefädelt“ haben. Auf gut Deutsch: Dahinter steckt der Vorwurf, die Zeugin (also das Mädchen, die Geschädigte, die mutmaßlich Vergewaltigte) zur Prostitution gezwungen zu haben. „Sonst mache ich Dir das Leben zur Hölle“, soll Sid kurz zuvor gesagt haben, am 3. Mai 2017.

Da sollte die Geschädigten nämlich schon einmal „sexuelle Handlungen“ an Randi vornehmen, wie Staatsanwalt Links ausführt. Man nennt einen solchen „Freund“ im Volksmund auch hin und wieder einen Luden oder Zuhälter. Aber dies sind zum jetzigen Prozesszeitpunkt lediglich vage Begriffe, das Gericht muss, die Öffentlichkeit sollte bis zu einer eventuellen Verurteilung von der Unschuld der Angeklagten ausgehen.

Beste Freundin der Geschädigten wurde aktiv

Auch die Geschädigte hat natürlich einen richtigen Namen, aber nennen wir sie „Maria“. Sie wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit über zwei Stunden lang von der Vorsitzenden Richterin Susanne Wetzel, Präsidentin des Landgerichts, als Zeugin gehört. Das ist üblich, wenn es um delikate sexuelle Themen geht und die schutzwürdigen Belange eines Jugendlichen das öffentliche Interesse bei Weitem überwiegen. Dafür sagt eine Schlüsselzeugin öffentlich aus: die beste Freundin Marias. Nennen wir sie „Valerie“.

Ihr habe Maria die Vergewaltigung durch Randi zuerst erzählt, bevor sie auch ihre Eltern einweihte. Aber Maria habe zunächst Sid aus allem heraushalten wollen, den sie fast abgöttisch und immer noch liebe. Valerie jedoch habe die Sache mehr oder weniger in die Hand genommen und sei zusammen mit Maria und weiteren Personen zur Polizei gefahren, um Anzeige zu erstatten.

„Sie ist so naiv“

Was hier so nüchtern und sachlich klingt, das hört sich im Jugendjargon freilich ziemlich farbig an. Und diese Jugendsprache spricht Valerie auch vor Gericht. Frisch, ungezwungen, offen, manchmal überdeutlich. „Bitch hier nicht so rum“, habe sie mal zu Maria gesagt. Was bedeute: „Hör auf, in der Gegend rumzuf . . .“. Das F-Wort, halt. Die Maria, meint Valerie, die sei intelligent, aber in Bezug auf Jungs sehr dumm. „Sie ist so naiv, sie verliebt sich unsterblich in jeden, der sie scharf anmacht.“ Hatten wir vergessen zu sagen, dass Valerie damals ein Jahr älter war als Maria, und ebenfalls Schülerin? Von Randi aber hat Valerie ein knallhartes Bild.

„Freundinnen sagen, das ist so ein mieser Vergewaltiger, das sehe man ihm schon an. Und ich muss sagen, das deckt sich mit meinen Beobachtungen. Der zieht jede Frau mit den Augen aus.“

„Vielen Dank. Ihre Aussagen hatten hohen Unterhaltungswert.“

Aber solche Aussagen sollten in einem fairen Prozess keine Rolle spielen. Auch nicht, dass Randi ein afghanischer Flüchtling ist, seit 2011 in Deutschland lebt. So waren denn auch die Reaktionen darauf von Verteidigung, Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Kammer eher verhalten. Richterin Wetzel kommentierte die Entlassung der Zeugin mit den Worten: „Vielen Dank. Ihre Aussagen hatten hohen Unterhaltungswert.“

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