Auf dem Marktplatz fand am Samstag eine Demo gegen den "Migrationspakt" statt. Gegendemonstranten versuchten sie zu übertönen. Foto: Häsler

Hanau

So verlief die Demo auf dem Hanauer Marktplatz

Hanau. Es war laut am Samstag Nachmittag auf dem Marktplatz der Brüder-Grimm-Stadt. Sehr laut. Denn auf dem weitläufigen Platz standen sich zwei Demonstrationsblöcke gegenüber, die sich jeweils Gehör verschaffen wollten.

Von Monica Bielesch

Vor dem Café Central demonstrierten nach Polizeischätzung rund 100 Personen gegen den Globalen Pakt zur Migration und vor dem Café Klara folgten rund 250 Menschen dem Aufruf „Rassisten auf den Mars“ und „Bezahlbarer Wohnraum für alle.“

Kaum hatten gegen 15.30 Uhr die letzten Marktbeschicker den Marktplatz vor dem Brüder-Grimm-Denkmal verlassen, bauten die zahlreichen Polizeibeamten Absperrungen auf. Eine Absperrung vor dem Café Klara, eine weitere vor dem Central. Auf dem weiten Platz dazwischen postierten sich die Beamten und ließen nur Offizielle und Pressevertreter rein. Der Anlass für die massive Polizeipräsenz: zwei für 16 Uhr angekündigte Demonstrationen in der Hanauer Innenstadt.

Bestens vorbereitete Demonstranten

Die Demonstration gegen den globalen Pakt zur Migration“ hatte eine Gruppierung namens „Wir schaffen das 2.0“ angemeldet. Diese Organisation zeigte sich bestens vorbereitet. Aus einem weißen Miet-Kombi luden sie diverses Equipment aus, bauten große Lautsprecheranlagen, ein Rednerpult und sogar eine kleine Bühne auf. Rund um ihren Versammlungsplatz hängten sie wie Wimpelketten an Schnüren Blätter auf, darauf zumeist Berichte über von Nicht-Deutschen begangene Verbrechen. Banner von „Patrioten für NRW“, T-Shirts vom Frauenbündnis Kandel, Deutschlandflaggen und gar eine israelische Flagge waren zu sehen.

Gegenüber waren vor dem Café Klara Vertreter vieler Gruppen dem Aufruf des autonomen Kulturzentrum Metzgerstraße gefolgt, um gegen die im Vorfeld als rechtsextrem eingestufte Demo gegen den Globalen Pakt zur Migration zu protestieren. Dort zeigten sich viele bunte Fahnen, Banner und Transparente. Die Partei mit ihrem Direktkandidaten zur Landtagswahl, Jerry Paul, war ebenso vertreten wie die Linke mit dem ehemaligen Direktkandidaten für den Bundestag, Tobias Huth sowie Gewerkschafter und Jusos. Sie skandierten Parolen wie „Nazis raus“ und gingen mit Trillerpfeifen und Reggae-Musik aus kleinen Lautsprechern gegen die Redner auf der anderen Seite des Marktplatzes an.

Klar erkennbarer Rassismus

Etwa einen schwarz gekleideter, bärtige Mann aus Stuttgart. Er grüßte die Versammlung mit „Hallo Patrioten.“ Und behauptete, dass in 45 Jahren 300 Millionen Afrikaner nach Deutschland eingewandert sein würden. Mit drohender Stimme zählte er angebliche Verbrechen auf, die in Hanau „durch Männer mit dunkler Hautfarbe“ begangen worden seien. Es sei in Deutschland mittlerweile schlimmer als in Mexiko, wo alle zehn Minuten eine Frau vergewaltigt werde. „Da hast du als Weißer nichts mehr zu lachen“, rief der Stuttgarter und nach seinem Ausruf „Wehrt euch“, skandierte sein Publikum „Widerstand, Widerstand“. Darunter viele junge und ältere Frauen.

Am Rande der von der Polizei gut abgeschirmten Versammlung verfolgte eine junge Passantin diese Rede. „Das ist erschreckend“, sagte sie und bedauerte, dass sie noch zu jung sei, um zur Wahl zu gehen. Für die Landtagswahl am 28. Oktober in Hessen hatte ein Redner, der als „Ralf aus Heidelberg“ angekündigt wurde, für die „Wir schaffen das 2.0“-Anhänger auch eine Empfehlung: „Die einzige Alternative ist die AfD“, rief er ins Mikrofon. Denn: Die Grünen seien Deutschen-Hasser und Pädophile ohne Vaterlandsliebe, die Linke sei mitverantwortlich für Terror in Deutschland, die SPD habe als Hartz-IV-Partei dafür gesorgt, dass so viele in Armut leben würden. Und die CDU hätte sowieso „alles an die Wand gefahren“. „Mama Merkel ist die Mutter aller Problem in diesem Land“, so der Redner. Er warnte davor, dass Deutschland von Migranten „überwandert“ werde und eine „euro-afrikanische Rasse“ entstehe.

Bilder von der Demo gibt es hier

Distanzierung der AfD

Dabei hatte sich die AfD, in Person von Klaus Dippel, Sprecher des Ortsverbandes Hanau und Großkrotzenburg, von der Demo distanziert. „Diese Demo und die NPD-Plakate schaden alleine der AfD“, schreibt Dippel in einer E-Mail an die Redaktion. Darin heißt es weiter: „In aller Deutlichkeit: Die AfD hat mir der Demo nichts zu tun.“Die erste Rednerin hatte gegen den Globalen Pakt zur Migration gewettert. Dieser Pakt sei gegen das Grundgesetz, so die Frau, die sich als Mitglied von „Wir schaffen das 2.0“ vorstellte, einem Bündnis aus dem Rhein-Main-Gebiet. In ihrer polemischen Rede prangerte sie die Medienberichterstattung im Vorfeld ihrer Demo an. „Lügenpresse, Lügenpresse“, skandierten daraufhin ihre Zuhörer. Sie meinte, dass Politik von einer globalen Finanzelite gesteuert werden, die Medien gleichgeschaltete seien. Sie malte ein Bild von sozial abgehängten Menschen und desolaten Zuständen in Deutschland. Es würden Asylbewerberheime gebaut, aber keine Häuser für deutsche Obdachlose. „Schande, Schande“, skandierte ihre Zuhörer.

Unterdessen wandte sich vor dem Klara Mara Landwehr von den Jusos mit einem Gedicht an die so genannten „besorgten Bürger“. Und eine Frau von der Grünen Jugend rief ins Mikrofon, dass weder Reichsbürger noch Pegida und Co. toleriert werden dürften.Gegen 18 Uhr lösten sich beide Versammlungen auf. Ein Polizeisprecher teilte auf Nachfrage am Sonntag mit, dass beide Demos friedlich verlaufen seien.

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