Zu viele Autos, Lärm, Dreck, Raserei: Die Lützelbuchener Straße erregt seit vielen Jahren das Gemüt zahlreicher Anwohner. Sie fühlen sich von der Stadt im Stich gelassen. Foto: Wollenschläger

Mittelbuchen

Verkehr an Lützelbuchener Straße: Mittelbuchener blitzen ab

Mittelbuchen. Zu viele Autos, Lärm, Dreck und Raserei: Die Anwohner der Lützelbuchener Straße sind frustriert und haben sich schon mehrfach bei der Stadt beschwert. Doch es passiert nichts. Die Mittelbuchener fühlen sich im Stich gelassen.

Von Kathrin Wollenschläger

Die Lützelbuchener Straße ist viel befahren. Tausende Autos und Laster nutzen die Strecke täglich. Sie verursachen Lärm, Dreck und Unmut. Seit vielen Jahren versuchen Anwohner, gegen die „gefährliche“ Straße vorzugehen. Immer wieder haben sie Unterschriften gesammelt, an die Politik appelliert, stationäre Blitzer gefordert. Nichts sei geschehen.Sie fühlen sich „ohnmächtig“, „müde“, haben „die Schnauze voll“. Die Hoffnung, dass sich doch noch etwas zum Besseren wendet, haben sie dennoch nicht aufgegeben. Derweil hat sich die Stadt gegen stationäre Blitzer ausgesprochen. Sie setzt auf mobile Laser. Und betont zugleich: Laut Lärmaktionsplan besteht kein Handlungsbedarf.

Männer sind sich einigDie drei Mittelbuchener, die sich in dieser Sache an unsere Zeitung gewandt haben, wollen ihre Namen dort nicht lesen. Es gehe ihnen um die Situation vor Ort, nicht um sich. Die Männer bewohnen allesamt Häuser an der Lützelbuchener Straße, leben seit 70, 35 und 14 Jahren in dem Stadtteil. Und sind sich einig: Es wird immer schlimmer.Da sei zum einen die Zahl der Autos und Laster, die stetig zunehme. Laut aktuellem Verkehrsgutachten vom September 2016 liegt die durchschnittliche Verkehrsmenge pro Tag bei 10 100 Fahrzeugen, gemessen in der Ortsmitte nahe der großen Kreuzung. Werktäglich fahren hier 11 100 Autos, hinzu kommen 290 Schwerlaster. Der LKW-Wert liegt laut Stadt „im normalen Bereich und ist im Vergleich zur Verkehrszählung aus dem Jahr 2015 – vor Inbetriebnahme der B45-Umgehungsstraße – unverändert“.Laster fahren zum IndustriegebietBleiben die Autos. „Das werden immer mehr“, sagen die drei Mittelbuchener. Und wenn das geplante Neubaugebiet komme, würde sich die Situation mit 300 weiteren Autos noch einmal verschärfen. „Die Lützelbuchener Straße ist eine halbe Umgehungsstraße“, sagt einer von ihnen.Neben Pendlern, Anwohnern und Landwirten nutzen Laster die Strecke, um beispielsweise das Schönecker Industriegebiet anzufahren oder zu verlassen. „Als Fußgänger oder Fahrradfahrer wird einem ganz anders, wenn hier so ein Monsterschwerlaster runterrauscht“, berichten die Männer.Gläser klirren in SchränkenAus Angst benutze kaum noch ein Radler die Straße – obwohl er rein rechtlich dazu verpflichtet sei. Fußgänger meiden die Straße, wo es geht. Hinzu kommen die permanenten Erschütterungen in den Häusern. „Da klirren schon mal die Gläser in den Schränken“, erzählen die Rentner. Innerhalb eines Jahres hätte die Straße dreimal aufgerissen werden müssen. Wasserleitungen seien durch die Laster in Mitleidenschaft gezogen worden.Die Stadt scheint sich dem Problem bewusst zu sein. Ein Durchfahrtsverbot für Lkw sei grundsätzlich und zumindest nachts auch in ihrem Sinne, teilt sie mit. Allerdings sei Hessen Mobil „Herrin dieses Verfahrens“. Der städtische Eigenbetrieb Hanau Infrastruktur Service (HIS) wolle jedoch abermals Kontakt zum Autokontor in Schöneck aufnehmen, um daran zu appellieren, dass Lasterlenker die B45-Umgehung nutzen statt durch Mittelbuchen zu fahren.Lärmaktionsplan: An Straße nicht zu lautMit den vielen Autos gehe viel Lärm und Dreck einher, kritisieren die Mittelbuchener weiter. Es gibt keine Messungen. „Früher hatte ich viel mit Lärmwerten zu tun“, so einer der Männer. Sein Empfinden sagt ihm: An der Lützelbuchener Straße werden sie überschritten. „Jeder diskutiert über Fluglärm, aber dieser Krach macht eben auch krank“, ergänzt er. Ebenso wie die Emissionen und der Feinstaub. „Einmal wöchentlich kann ich meine Fensterrahmen putzen – die sind immer dreckig, die Lappen schwarz“, erzählt ein anderer.Laut Lärmaktionsplan des Regierungspräsidiums Darmstadt ist es an der Lützelbuchener Straße nicht zu laut. Sie „gehört nicht zu den Straßenabschnitten, wo die Stadt Hanau handeln muss, um die Lärmbelastung an der Wohnbebauung unter die Schwelle für die Gesundheitsgefahr von 70 Dezibel am Tag und 60 Dezibel in der Nacht abzusenken“, teilt die Stadt mit.Verärgert über RücksichtslosigkeitZudem werde gerast, sagen die Mittelbuchener. Am Ortseingang Richtung Hanauer Ortsmitte würden viele Autofahrer zunächst bremsen, dort steht ein Blitzer. Um anschließend den Motor aufheulen zu lassen und ordentlich zu beschleunigen. Viele Autofahrer schrecke der Blitzer noch nicht mal mehr ab, ergänzen sie. Seit 15 Jahren sei er kaputt, viele wüssten das. Sie sind verärgert über die Rücksichtslosigkeit. Und die Politik.„Wir haben einfach keine Lobby“, sagen sie. Mehrfach hätten sie mit Zuständigen der Stadt gesprochen, auf das Problem aufmerksam gemacht. Maßnahmen seien in Aussicht gestellt worden, doch nichts sei passiert. Sie sind „enttäuscht“, dass sich niemand für sie einsetze. Mehrfach sammelten sie Unterschriften. Zuletzt im Jahr 2013, 170 kamen zusammen. Das Regierungspräsidium Darmstadt hat bis heute nicht reagiert.Mehr Kontrollen gewünschtDabei sind sie sich sicher, dass mehr Kontrollen die Lage schnell entschärfen könnten. Am liebsten wäre ihnen, dass die Stadt den vorhanden Starenkasten am Ortseingang wieder instand setzt. Plus eine Blitzersäule, die Geschwindigkeiten in beide Fahrtrichtungen misst, ein paar hundert Meter weiter, wo die Straße eine leichte Kurve beschreibt. „Dann lohnt sich die Raserei nicht“, meinen sie. Die Stadt müsste die Blitzer noch nicht mal kaufen, sie könnte sie von Privatunternehmen leasen. „Nur das Gelände müsste sie zur Verfügung stellen“, sagen sie.Schwer vorstellbar, dass sich die Stadt darauf einlässt. Beim letzten Mittelbuchener Stadtteiltreffen im November vergangenen Jahres gab Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) bekannt, dass der vorhandene beschädigte Blitzer nicht erneuert wird. Zum einen seien die Kosten in Höhe von 75 000 Euro im laufenden Etat nicht vorgesehen, zum anderen stehe er zu nah am bestehenden Fußgängerüberweg.Straße kein UnfallschwerpunktGeschwindigkeitsüberschreitungen seien ohnehin eher in Richtung Bruchköbel zu registrieren, ergänzte Thorsten Wünschmann, Leiter der städtischen Ordnungsbehörde, seinerzeit. In der Summe waren es von Januar bis November 2016 insgesamt 1262 Tempo-Überschreitungen in Richtung Bruchköbel und lediglich 241 in Richtung Ortsmitte. Überdies teilt die Stadt mit: Die Lützelbuchener Straße ist kein Unfallschwerpunkt.Gemessen wurden die Tempo-Überschreitungen mithilfe mobiler Blitzer. Die Stadt verfügt über zwei Radaranlagen dieser Art. Und will auch künftig darauf setzen, weil sie sich als effektiver erwiesen hätten. Stationäre Blitzer verleiten dazu, diese zu passieren und wieder Gas zu geben, so die Argumentation. Daher verzichte man seit einiger Zeit darauf, defekte Starenkästen zu reparieren, lasse sie aufgrund ihrer abschreckenden Wirkung und der Kostenersparnis für den Abbau, jedoch stehen. Stattdessen baue man die mobilen Kontrollen aus.Stadt widerspricht drei MittelbuchenerDas Problem: „Hier wird vor allem am Wochenende, nachts und abends gerast. Also immer dann, wenn keine Blitzer-Autos mehr da sind“, berichten die drei Mittelbuchener. Die Stadt widerspricht: Die Ordnungsbehörde kontrolliere mit ihren mobilen Blitzanlagen keineswegs nur tagsüber – insbesondere nach entsprechenden Anwohnerbeschwerden.Wie auch immer: Die drei Mittelbuchener sind für die stationären Blitzer. Für mehr Polizei vor Ort. Und für Verkehrsschilder, die möglichst viele Laster und Autos auf die B45 statt durch Mittelbuchen lotsen. Aber bitte keine „Holpersteine, kein Stop-and-Go“, sagen sie noch. Der Verkehr soll abnehmen, die Geschwindigkeiten auch.Tacheles gefordertDie Männer wollen, dass die Politik endlich Tacheles mit ihnen redet. „Wir wollen wissen, warum nichts passiert“, sagen sie. „Wir maßen uns ja gar nicht an, die besseren Verkehrsexperten zu sein“, ergänzen sie. Die Stadt soll nur endlich klipp und klar sagen, was Sache ist.Auch wenn es heißt: Es wird nichts passieren. Wenn es euch nicht passt, dann verkauft halt eure Häuser und zieht weg. Oder: Macht nicht solchen Wind. Die Straße ist weder gefährlich noch gesundheitsgefährdend. „Dann wissen wir wenigsten, woran wir sind und können schauen, wie wir damit umgehen“, sagen sie. Weg wollen sie nicht, aber angenehmer, das dürfte es schon sein.Kampf macht müde„Wenn wir jünger wären, würden wir mit mehr Mut und Mumm an diesen Kampf gegen Windmühlen gehen“, sagen die drei Rentner noch. Der jahrelange Kampf hat sie müde gemacht. Und doch bleibt da dieser Hoffnungsschimmer. „Dass unsere Enkelkinder in ihrer angestammten Umgebung gesund aufwachsen können.“

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