Hanaus legendärer Stadtjugendpfleger Alfred Walter (hier eine Privataufnahme aus dem Jahr 1970) ist am Sonntag kurz vor seinem 103. Geburtstag verstorben. Er war von 1953 bis 1978 Leiter des Ressorts Jugendpflege im Stadtjugendamt. Archivfotos: PM

Hanau

Vater der "Ferienkolonie" Alfred Walter mit 102 gestorben

Hanau. Alfred Walter ist tot. Wie seine Familie mitteilte, verstarb er am vergangenen Sonntag nach einem Lungeninfekt kurz vor seinem 103. Geburtstag. Walter, der seit Januar 1948 Kreisjugendpfleger in Gelnhausen war, leitete ab 1953 bis zu seiner Pensionierung 1978 das Ressort Jugendpflege des Hanauer Stadtjugendamtes.

Von Reinhold Schlitt

Dort war er unter anderem für die legendäre Sommerferienaktion „Ferienkolonie“ zuständig, die jedes Jahr im Stadion Wilhelmsbad stattfand und sich in den Nachkriegs- und Aufbaujahren unter anderem an schlecht ernährte Kinder aus armen Familien richtete.

Unter seiner Federführung wurde die „Ferienkolonie“ zu einer Hanauer Institution, die Jahrzehnte später noch Bestand hatte und dann in zeitgemäße Freizeitangebote mündete. Es gab Freizeitaktivitäten im Stadion selbst sowie mit Unterstützung der Hanauer Straßenbahn Schwimm- und Ausflugsfahrten in die Umgebung. Auch wurden die Kinder während der Ferienwochen gegen ein geringes Entgelt verpflegt. Der Stadtjugendpfleger schaffte es immer wieder, eine große Schar ehrenamtlicher Helfer aus Hanauer Schulen und Jugendgruppen für die „Ferienkolonie“ zu begeistern, ohne deren Mithilfe das Mammutprojekt mit jeweils mehreren hundert Kindern nicht zu bewältigen gewesen wäre.

Walter war maßgeblich an Jugendaustauschprogrammen beteiligtAls Stadtjugendpfleger war Walter auch maßgeblich am Jugendaustausch mit Hanaus Partnerstädten beteiligt, darunter Dartford (England) und Neuilly sur Seine (bei Paris; die Partnerschaft existiert nicht mehr). Hanauer Jugendliche fuhren im Rahmen solcher Programme regelmäßig in die Partnerstädte und nahmen im Gegenzug in ihren Familien Gäste von dort auf. Als vor einem Jahr ein Lichtbildervortrag des Lehrers Hansjürgen Lenhart zur Jugendkultur in der Partnerstadt Dartford im „Brückenkopf“ gezeigt wurde, ließ es sich der inzwischen 101-jährige Walter nicht nehmen, eine Videobotschaft an die Teilnehmer zu übermitteln.

Untrennbar mit dem Stadtjugendpfleger ist auch die Einrichtung des ersten innerstädtischen Jugendtreffpunktes Hans-Böckler-Haus am Sandeldamm verbunden, das der 1973 nach Ideen des früheren Stadtjugendrings weitgehend als offener Jugendtreff konzipiert wurde. Die Stadt räumte den Jugendgruppen ein großes Mitspracherecht bei der Gestaltung des Hauses ein. Walter wurde vom damaligen Jugendstadtrat Oskar Ott mit der Inneneinrichtung betraut und konnte nun auch sein Herzensanliegen, Übernachtungsmöglichkeiten für auswärtige Jugendgruppen zu schaffen, realisieren. Nach Abriss und Neubau wird das Hans-Böckler-Haus seit 2011 als Jugendbildungs- und Kulturzentrum von der Stadt Hanau weitergeführt.

Ansprechpartner für JugendverbändenDer Stadtjugendpfleger war auch Ansprechpartner für die damals noch zahlreichen Jugendverbände in Hanau, deren Arbeit durch die Stadt finanziell bezuschusst oder mit der Zurverfügungstellung von Räumen im ehemaligen Haus der Jugend (heute: Olof-Palme-Haus) gefördert wurde.

Überhaupt waren seine Aufgaben als Jugendpfleger vielfältig – auch bei der Einhaltung der Überwachung des Jugendschutzgesetzes. Dann sah man ihn auch mal in Begleitung von Polizisten bei der spätabendlichen Ausweiskontrolle in der einen oder anderen Kneipe, wo Jugendliche unter 16 Jahren nach 23 Uhr nichts mehr zu suchen haben.

Walter engagierte sich neben seiner beruflichen Tätigkeit viele Jahre in der Turngemeinde Hanau, wo er 17 Jahre lang Vorstandsmitglied und zeitweise auch stellvertretender Vorsitzender war. Im Alter von 81 Jahren zog er ins Martin-Luther-Stift, wo er jetzt verstarb. Er war Mitglied der SPD.

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