Die Kriminalhauptkommissarin Ursula Elmas fotografiert ein Graffiti an einem Tatort in der Eugen-Kaiser-Straße. Foto Häsler

Hanau

Ursula Elmas ist die Graffiti-Jägerin

Hanau. Die gesprühten Schriftzüge, in Sprayerkreisen Tags genannt, gehören beinahe schon zum Hanauer Stadtbild. Zum Leidwesen derer, deren Hausfassaden den vermeintlichen Graffitikünsten zum Opfer fallen. Die Sprayer selbst sehen das freilich anders. Je häufiger und riskanter sie ihren Schriftzug platzieren, desto mehr Ruhm und Anerkennung wird ihnen innerhalb ihrer Community zuteil.

Von Kerstin Biehl

„Jeder Sprayer hat sein eigenes Tag“, erklärt Ursula Elmas. Sie leitet die Ermittlungsgruppe Sprayer bei der Polizeistation Hanau II in der Cranachstraße, einer speziellen Einheit innerhalb des Polizeipräsidiums Südosthessen, die sich ausschließlich mit Graffiti-Vergehen beschäftigt. Tags wie die Sinuslinie oder „PSE“ sind ihr tägliches Geschäft.

Im Hanauer Stadtbild sind sie keine Unbekannten. Man kennt die Pseudonyme, die an Hausfassaden, Garagentoren, Mauern und Unterführungen verewigt sind. Die Personen, die hinter dem jeweiligen Tag stecken, sind der Öffentlichkeit unbekannt. Nur innerhalb der Sprayerszene, die es in Hanau gibt, weiß man, wer wer ist.

Kunst oder Vandalismus?

„Manchmal kommunizieren die Sprayer über Tags auch untereinander oder reagieren auf den Tag eines anderen. Das Überschreiben anderer Tags gilt in der Szene aber als verpönt“, weiß die Graffiti-Jägerin. Kunst oder Kitsch, Kunst oder Vandalismus? – Diese Frage stellt sich Elmas immer wieder.

„Natürlich gibt es auch Graffitis, die mir selbst gut gefallen. Wenn diese aber auf Flächen gesprayt sind, auf denen das verboten ist, so ist das illegal. Da kann das Graffiti noch so schön sein.“

In der Innenstadt präsenter als auf dem Land

Die Kriminalhauptkommissarin weist darauf hin, dass etwa am Gelnhäuser Bahnhof, in Seligenstadt an einer Unterführung und an einem Skateplatz sowie am Ratswegkreisel in Frankfurt das Sprayen erlaubt ist.

Das Problem Graffiti ist in den Innenstädten viel präsenter als auf dem Land. In Hanau schätzt Elmas den harten Kern der Sprayer-Szene auf bis zu zehn Sprayer. Graffiti an unerlaubten Stellen gelten als Sachbeschädigung. Mit ihrer Dienstgruppe „Sprayer“ trägt Elmas zu einer Aufklärungsquote von 20 Prozent bei. „Für den Bereich Sachbeschädigung ist das eine sehr gute Quote, und es zeigt, dass unsere Arbeit Sinn macht.“

Tatortarbeit wie bei einem Einbruch

Doch was genau ist Elmas Job? In der Regel ist es so, dass sich zum Beispiel ein Geschädigter in der Hanauer Innenstadt an die Polizeistation Hanau I wendet. Die Beamten dort fahren zum Tatort und nehmen die Sachbeschädigung auf. Das heißt, sie erfassen die Tatzeit, machen Fotos des Tags, also eigentlich die gleiche Tatortarbeit wie bei einem Einbruch. Sie befragen auch mögliche Zeugen und die Nachbarschaft.

Ein wichtiger Hinweis, der zur Aufklärung beitragen kann, sind etwaige zurückgelassene Spraydosen. Dort könnten Fingerabdrücke zu finden sein, die mit der Fingerabdruckdatei beim Landeskriminalamt abgeglichen werden können. Wenn alles aufgenommen ist, bekommt die Kommissarin den Fall auf den Tisch. Ihre und die Aufgabe ihrer drei Kollegen ist es dann, das Material mit dem in der sogenannten Crime-Datenbank abzugleichen. Darin sind sämtliche Anzeigen in Sachen Graffiti mit Fotos erfasst. „Dadurch erkennen wir Tatzusammenhänge, weil ja jeder Graffitisprayer sein eigenes Tag, seinen eigenen Schriftzug hat, den er selbst kreiert, übt und ausfeilt.“

Täter sind vorwiegend im jugendlichen Alter und männlich

Die Tags ergeben oft einen Sinn, so steht das Tag „EF“ beispielsweise für „echt frech“, „AW“ könnte „andere Welten“ bedeuten. Andere Tags wiederum haben eine beliebige Buchstabenreihenfolge, die sich „einfach nur gut schreiben lässt“, weiß Elmas. „Verwendet werden oft auch Gruppentags, die von mehreren Sprayern gemeinsam entwickelt wurden und die dann auch von allen Gruppenmitgliedern gesprayt werden dürfen“. In Hanau zählen etwa das Tag „TÜLPS“ oder das „PSE“-Tag dazu.

Im Straßenbild der Innenstadt sind sie häufig zu sehen. Ob hinter der Buchstabenfolge ein tieferer Sinn steckt, wissen die Polizeibeamten nicht. Im vergangenen Jahr wurde am ersten Weihnachtsfeiertag das „PSE“-Tag von der Stresemannstraße bis in die Innenstadt an fast jedes Haus gesprayt. „Das war ein erheblicher Schaden“, erinnert sich die Graffiti-Expertin. Die Sprayer sind vorwiegend im jugendlichen Alter. 90 Prozent sind männlich. „Manchmal erwischen wir aber auch schon Zwölfjährige.“ Zwar seien diese noch nicht strafmündig, doch können gegen sie Schadensersatzansprüche geltend gemacht werden.

Haftstrafe eher unwahrscheinlich

„Gerade bei Jugendlichen versuchen wir, einen Täter-Opfer-Ausgleich hinzubekommen. Wir stellen dann eine Verbindung zwischen dem Geschädigten und dem Sprayer her, sodass sie ihren Schaden selbst wieder gut machen können. Oft auch mit Hilfe ihrer Eltern, wenn sie jünger sind“, erzählt die Graffiti-Jägerin. Sie ständen dann durchaus auch mal den ganzen Samstag da, und versuchten das wieder hinzubekommen. „Das ist ein unheimlich großer Erziehungseffekt. Zum einen sehen die Jugendlichen, wie viel Arbeit die Beseitigung ihres Tags einnimmt. Zum anderen stehen sie durch die Säuberungsaktion auch ein wenig am Pranger, denn sie werden ja von anderen Leuten gesehen.“

Gegenseitig verraten würden sich die Sprayer übrigens nie. Geht der Fall vor Gericht, verhängt die Staatsanwaltschaft Arbeitsstunden. Eine Haftstrafe ist eher unwahrscheinlich. Werden Sprayer öfter erwischt, sind auch Geldstrafen möglich.

Das Streben nach Ruhm und Anerkennung

Bleibt die Frage nach dem Warum. Was bewegt junge Leute dazu, Schriftzüge mit Hilfe von Spraydosen an die Wand zu malen? „Bei den Jüngeren steht oft Nachahmung im Vordergrund“, klärt Elmas auf. „Die haben Videos auf YouTube gesehen, und wollen das jetzt auch mal ausprobieren. Die Hochkaräter, also diejenigen, die schon lange dabei sind, die streben nach Ruhm und Anerkennung.“ Oft sind die Sprayer künstlerisch sehr talentiert, studieren bisweilen an Kunsthochschulen. „Die haben schon was drauf“, befindet die Polizeibeamtin.

Doch obwohl viele Graffitis sicher als Kunst bezeichnet werden können, sind sie dort, wo sie illegal gesprayt werden, fehl am Platz. Deshalb wird es für Elmas und ihr Team auch in Zukunft genug zu tun geben.

Die Ermittler der Sprayergruppe freuen sich auf Hinweise aus der Bevölkerung, wenn Sprayer auf frischer Tat ertappt werden. Die Polizei bittet darum, dann die 110 zu wählen.

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