Erinnerungen gewckt: Ulrich Tukur erinnert sich im Gespräch mit HA-Redakteuerin Kerstin Biehl an seine Tanzstunden in Hanau - inklusive Ohrfeige. Foto: Axel Häsler

Hanau

Ulrich Tukur über Erinnerungen an Hanau und den neuen Tatort

Hanau. Im Foyer des Congress Parks drängen sich am Mittwochabend die Besucher dicht aneinander. Vor den Eingängen wehen die Fahnen des Hessischen Rundfunks. Der Andrang ist riesig. Er ist dem neuen Tukur-Tatort geschuldet, der in Teilen in Hanau gedreht wurde.

Von Kerstin Biehl

Nun wird er erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Auch Ulrich Tukur wird ihn im Paul-Hindemith-Saal des CPH gleich zum ersten Mal sehen.

Für den Moment sitzt der Schauspieler aber noch in einem Nebenraum. Gibt Interviews für die Presse. Ob jemand zufällig eine Zigarette für ihn hätte, fragt er in die Runde. Alle sind Nichtraucher. Dann also das nächste Pressegespräch. Der HA ist an der Reihe. Tukur sprudelt sofort los. Ist zurückversetzt in eine Zeit vor fast 50 Jahren. Damals hat er mit seiner Familie in Großkrotzenburg gelebt.

Seine Schwester ist in Hanau auf die Karl-Rehbein-Schule gegangen. Und er zur Tanzschule Berné. 1971 war das. „Ich war verliebt in eine meiner Tanzpartnerinnen. Und irgendwann habe ich ihr auf der Tanzfläche einen Kuss gegeben. Auf die Wange.“ Das allerdings war nicht erlaubt. Es setzte ein Ohrfeige von der Tanzlehrerin. An die kann sich Tukur bis heute erinnern. Und darüber lachen. „Ich war vollkommen perplex. Das waren halt noch andere Zeiten.“

Er war der einzige aus seiner Schule, der zur Tanzstunde ging. „Tanzen war damals überhaupt nicht angesagt. Aber ich wollte es lernen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, das später mal brauchen zu können. Und ich mochte schon damals gerne die Tanzmusik, den Swing.“ Eine ‧Leidenschaft, die Tukur bis heute begleitet. So wie die ‧Liebe zu den 20er Jahren. Die ist unschwer an seiner Kleidung, an seiner Frisur zu erkennen.

Als seine Familie 1963 nach Großkrotzenburg kam, wurde er von den Eltern zunächst auf ein Aschaffenburger Gymnasium geschickt – „da hat man mich raus geworfen“ – im Anschluss gab es ein gutes halbes Jahr Heimunterricht von der Mutter, einer Lehrerin.

Werbung für Murot-Tatort

Dann kam er auf das damals neu gegründete Franziskanergymnasium Kreuzburg in Großkrotzenburg. „Das war für mich die schönste Schulzeit. Es gab mehr Partys als Schüler in den Anfangsjahren.“ Tolle Patres seien es damals gewesen, „wirklich wunderbare Typen, sehr humorvoll und dem Leben zugewandt“.

Heute ist Tukur in seine ehemalige Heimatregion zurück gekommen, um Werbung zu machen. Werbung für den Tatort. Werbung für seine Schauspielerei. Werbung für den Kommissar, den er darin verkörpert. Damals, als die Figur Felix Murot entstand, durfte Tukur am Profil mitwirken. „Es steckt einiges von Ulrich Tukur in Felix Murot. Ich habe versucht, bei allem Humor und aller Heiterkeit, eine Figur zu entwickeln, die ein bisschen am Rande der Existenz steht. Die auch mal Momente hat, die man in normalen Kriminalfällen nicht sieht. Eine Figur, die manchmal nicht weiter weiß. Aber trotzdem mit Würde voranschreitet und sich dem Leben stellt.“ Diese gewisse melancholische Grundierung der Figur Murot ist ihm wichtig.

Erster Roman erschienen

„Angriff auf Wache 08“ ist der mittlerweile achte Tukur-Tatort. Außergewöhnlich waren sie alle. Vor allem „Im Schmerz geboren“ dürfte für viele Tatort-Zuschauer noch einprägsam in Erinnerung sein. Er wird auch als Tarantino-Tatort bezeichnet, wurde damals mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. „Ein Tatort, bei dem wirklich alles funktioniert hat, alles Sinn machte. Das war schon sehr außergewöhnlich.“ Aber auch „Murot und das Murmeltier“ schätzt Tukur sehr, genauso wie „Wer bin ich“, für Tukur „einer der tiefsinnigsten, wenn auch verschrobensten Tukur-Tatorte“.

Tukur ist nicht nur Schauspieler. Er ist auch Autor. Vergangene Woche ist sein erster Roman erschienen. „Ich habe mich langsam herangetastet an die Königsdisziplin. Erst Erzählungen, dann eine Novelle, jetzt ein Roman.“ „Der Ursprung der Welt“ lautet der Titel. Die Inspiration dazu bekam er durch ein Geschenk. Ein Fotoalbum aus den 20er Jahren. Mit Aufnahmen eines Mannes, der Tukur völlig fremd war. Daraus entstand die Idee, über diesen Mann ein Buch zu schreiben. Drei Jahre hat Tukur daran gearbeitet. Er hat viel am Filmset geschrieben. Dort ist er fast immer mit Kladde und Bleistift herumgelaufen. Sobald ihm etwas einfiel, hat er es notiert. Und es später auf den Rechner übertragen.

Gemeinsame Filmschau

Zwischenzeitlich ist es kurz vor acht. Zeit, sich auf die Filmschau vorzubereiten. Aber auch Zeit, für die lang ersehnte Zigarette. „Eine am Abend ist erlaubt. Eine“, lacht Tukur, nimmt lächelnd den inzwischen für ihn besorgten Nikotinstängel samt Feuerzeug entgegen und tritt hinaus in den Schlossgarten. Ein kurzer Moment der Ruhe, bevor er sich gleich unters Publikum mischen wird.

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