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Ewige Suche ohne Erfolg: Der 83-jährige Eberhard Grabe fand in Hanau und Umgebung vor Corona keinen Physiotherapieplatz.

Auf einmal gibt es Termine ohne Ende

Physio- und Ergotherapie, Logopädie: Wie überlastete Heilmittelerbringer unter der Coronavirus-Pandemie leiden

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Wer mit einer Heilmittelverordnung seines Arztes nach einem Physiotherapeuten, Ergotherapeuten oder Logopäden Ausschau hält, musste bislang oft viel Geduld mitbringen – oder bekam erst gar keinen Termin. Doch ausgerechnet mit der jetzigen Coronavirus-Epidemie hat sich das Bild gründlich geändert.

Auf einmal sind die Praxen leer. Patienten glauben, dass sie während der Pandemie überhaupt keine Praxis aufsuchen dürfen. Zu welchen, bisweilen auch problematischen Situationen dies führt, zeigen die nachfolgenden Beispiele – zusammengetragen vor und während der Epidemie. 

Eberhard Grabe hat sich Anfang Februar das linke Bein gebrochen und wurde im Klinikum Hanau operiert. Eine verordnete Physiotherapie sollte helfen, die Mobilität des 83-Jährigen wieder herzustellen. Doch es gab eine böse Überraschung. In insgesamt 19 Praxen, viele davon in Hanau, habe es keinen zeitnahen oder überhaupt keinen Termin für eine Therapie gegeben, berichtet Grabe. Und an Hausbesuche sei – trotz der entsprechenden ärztlichen Verordnung – schon gar nicht zu denken gewesen. 

In vielen Praxen fehle es an qualifiziertem Personal

Die Liste der kontaktierten Praxen liegt unserer Zeitung vor. Das Ende vom Lied: Seine ebenfalls betagte und durch einen Schlaganfall gehandicapte Frau (80 Jahre) sprang ein und massierte ihm die Beine. Er selbst machte auf eigene Faust die eine oder andere Mobilisierungsübung – so gut es eben ging. Keine Termine? In vielen Physiotherapiepraxen fehlt es an qualifiziertem Personal. 

Die in Kesselstadt praktizierende Physiotherapeutin Angelique Caspar weiß ein Lied davon zu singen: „Noch im Februar habe ich jede Woche zwischen drei und sieben Leute wegschicken müssen, weil es einfach nicht zu schaffen war.“ Mehrmals habe sie in Zeitungen annonciert und vergeblich nach Verstärkung Ausschau gehalten. Hätte Eberhard Grabe einige Wochen später nach einer Physiotherapiepraxis gesucht, dann hätte man ihm vielleicht den sprichwörtlichen roten Teppich ausgerollt. In Coronaviruszeiten sind die Patientenkontakte in vielen Praxen regelrecht weggebrochen. 

Die Verunsicherung bleibt

Yvonne Massuger, Vorsitzende des hessischen Landesverbandes Physio Deutschland, glaubt, den Grund zu kennen: „Zurzeit gibt es eine große Verunsicherung bei Patienten, ob sie denn überhaupt kommen dürfen oder ob sie als Angehörige einer Risikogruppe im Rahmen der Coronavirus-Pandemie eine Praxis aufsuchen können.“ Neue Patienten kämen nicht und schon in Behandlung befindliche Menschen blieben einfach weg. Schuld daran seien auch Medienberichte, die sich auf anfänglich unklare Äußerungen der Landesregierung gestützt hätten. Inzwischen sei aber klargestellt, „dass unsere Praxen offen bleiben“, sagt Massuger.

Doch die Verunsicherung ist geblieben. Bei den selbstständigen Ergotherapeuten ist das Bild ähnlich. Bekanntlich haben auch sie bislang nicht über zu wenig Arbeit geklagt; jetzt aber schon: Viele Patienten bleiben auch in ihren Praxen wegen Corona weg – nicht ohne Folgen für ihre Therapiefortschritte. Ergotherapeuten behandeln Menschen mit psychischen oder körperlichen Schäden, um ihnen ein möglichst eigenständiges und uneingeschränktes Handeln im Alltag zu ermöglichen. Zu ihnen kommen Kinder mit angeborenem Gendefekt, mit geistiger Behinderung oder Entwicklungsverzögerung, Erwachsene mit Multipler Sklerose (MS), Parkinson, nach einem Schlaganfall oder einem Schädel-Hirn-Trauma. Therapeuten „durchleben“ mit demenziell erkrankten Menschen Erinnerungsphasen, besprechen mit psychisch kranken Patienten Aufgaben, die ihnen helfen, Struktur in den Alltag zu bringen und vieles mehr. 

Problem spiegele sich nicht nur in den Praxen wider

Die Ergotherapeutin Nina Berndt, sie ist in einer Hanauer Ergotherapiepraxis tätig, hat einen MS-Patienten vor Augen, der bei ihr in Behandlung ist und jetzt abrupt wegbleibt: „Was passiert, wenn er mitten in der Krise einen akuten Schub bekommt und die geschwächte Hand nicht behandelt wird? Was passiert mit dem Schlaganfallpatienten, der sich nicht mehr in die Praxis traut und wegen ausbleibender Behandlung das Risiko eingeht, dass die Spastik (Lähmung) in seinem Arm zunimmt?“ Ihr Appell: „Bitte, liebe Patienten, nehmt Eure Therapie ernst, denn auch wir nehmen sie ernst . . .“ Das gilt freilich auch für die Angst vor einer Infizierung in der augenblicklichen Pandemie-Situation. Nina Berndt: „Wie andere Praxen haben auch wir selbstverständlich alle notwendigen Hygienemaßnahmen in der Praxis getroffen und tragen Masken und Handschuhe. Wir haben, wo nötig, Trennwände aus Plexiglas aufgestellt und Verhaltensregeln mit Patienten und Angehörigen vereinbart.“

 Christine Donner vom Vorstand des Berufsverbandes Ergotherapeuten in Deutschland sagt, dass Probleme mit ausbleibenden Patienten nicht nur in den Praxen auftauchen. „Unsere Kolleginnen und Kollegen werden ja auch nicht mehr zu ihren Patienten in den Alten- und Pflegeheimen vorgelassen. Auch in den Reha-Kliniken finden keine Behandlungen mehr statt.“ Letzteres ist auch für viele Logopäden ein Problem. Ein nicht unbedeutender Teil logopädischer Patienten wird in stationären Einrichtungen behandelt. Nicht wenige von ihnen leiden nach einem akuten Vorfall wie Schlaganfall auch an Schluckbeschwerden. 

Guido Weiermann: Nicht jeder Patient könne mit Situation umgehen

Der selbstständige Logopäde Guido Weiermann aus Hanau weiß: „Diese Menschen sind dringend auf uns angewiesen. Schlucken sie in die Lunge, kann es zu einer lebensgefährlichen Lungenentzündung kommen.“ Aber auch in sei-ner eigenen Praxis ist Corona ein großes Thema, weil auch hier viele Patienten wegblei-ben, darunter Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen, deren logopädische Begleitung auch für ihre schulischen Leistungen bedeutend ist „und wo der Faktor Zeit eine große Rolle spielt“. Für einen zunächst begrenzten Zeitraum können sich Logopäden nun auch mit Teletherapie behelfen, „doch die eignet sich nur für wenige Therapiefelder, „und längst nicht jeder Patient kann damit auch umgehen“, berichtet Weiermann.

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