Überbrückende Betreuung: Nach dem Opferentschädigungsgesetz übernehmen die Trauma-Ambulanzen die Aufgabe einer Übergangslösung für Opfer bis zu ihrer regulären psychotherapeutischen Betreuung. Symbolfoto: Pixabay

Hanau

Trauma-Ambulanz-Frage weiter offen - Mehr Angaben gefordert

Hanau. Die Klärung der Frage, ob am Klinikum Hanau eine Trauma-Ambulanz für Opfer von Straftaten eingerichtet werden soll, ist nach wie vor offen. Der Haupt- und Finanzausschuss der Stadtverordnetenversammlung hat am Mittwochabend ein Votum zu dieser Frage aufgeschoben und den Prüfauftrag zunächst an den Magistrat zurückgegeben.

Von Reinhold Schlitt

Knapp ein Jahr nach Zusage des Magistrats, bis Herbst letzten Jahres (!) ein Konzept vorlegen zu wollen, lag dem Fachausschuss nicht einmal eine genaue Übersicht darüber vor, ob und mit welchen finanziellen Sonderzuwendungen Dritter für die Einrichtung einer Trauma-Ambulanz gerechnet werden kann. Unter anderem diese Angaben fordert der Ausschuss nunmehr.

Die in den Ausschuss geladenen Fachleute, der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, PD Dr. Thomas Schillen und Klinikgeschäftsführer Volkmar Bölke, präsentierten den Ausschussmitgliedern Anhaltspunkte der dem Klinikum entstehenden Kosten für die ‧Einrichtung. Bei einer Minimalvariante könnten dies 175 000 Euro pro Jahr sein. Schillen erläuterte, dass im vergangenen Jahr das Angebot einer Erstbetreuung von Opfern von Gewaltstraftaten (außer in Frankfurt) gerade einmal in 54 Fällen in Anspruch genommen worden sei. In Hessen gibt es zusammen mit den fünf Kinder- und Jugend-Ambulanzen 18 solcher Einrichtungen. Demgegenüber hätte eine Zahl von tausenden Straftaten mit möglichen psychotraumatischen Folgen gestanden, hieß es.

Niedrige Hemmschwelle für Hilfesuchende angestrebt

Trauma-Ambulanzen nach dem Opferentschädigungsgesetz hätten die Aufgabe der überbrückenden Betreuung von Opfern bis zu ihrer regulären psychotherapeutischen Betreuung. Es sei zweifelhaft, ob sie diesem Anspruch überhaupt gerecht werden könnten, weil die Wartezeit auf eine reguläre Behandlung derzeit zwischen sechs bis zwölf Monaten betrage.

Trauma-Ambulanzen sind Anlaufstellen für die Akutversorgung von Opfern traumatisierender Ereignisse, insbesondere Opfer von Gewalt- und Sexualstraftaten. Sie integrieren die medizinische und psychotherapeutische Akutversorgung, die Klärung forensischer Fragestellungen und psychosozialer Notlagen und eine Rechtsberatung. Diese Angebote wurden eingerichtet, um Opfer von Gewalt- und Sexualstraftaten Wartezeiten bei niedergelassenen Ärzten und Psychologen zu ersparen und eine Akutversorgung innerhalb von wenigen Tagen oder Stunden zu ermöglichen. (Quelle: Wikipedia)

Schillen plädierte auch dafür, eine Trauma-Ambulanz außerhalb der Psychiatrischen Klinik anzusiedeln, um eine mögliche Hemmschwelle für Hilfesuchende zu senken. Psychiatrie sei leider immer noch sehr stigmatisiert, was ein Grund dafür sein könne, dass sie im öffentlichen Bewusstsein eher gemieden würde. Auch seien Opfer von Gewalttaten nach dem Opferentschädigungsgesetz nach wie vor in der Beweispflicht, was die Situation nicht vereinfache. Hilfesuchende könnten allerdings zur Erstversorgung auch die Psychiatrische Ambulanz am Klinikum aufsuchen, wobei diese nur eine Akutversorgung anbieten dürfe.

Mit ihrem Antrag vom April letzten Jahres an den Magistrat, die Einrichtung einer Trauma-Ambulanz am stadteigenen Klinikum prüfen zu lassen (wir berichteten), hatten die FDP-Stadtverordneten dieses Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Die seinerzeitige Hanauer FDP-Initiative korrespondiert mit einer Forderung der Opferhilfsorganisation Weißer Ring, eine solche Einrichtung auch in Hanau und damit ortsnah vorzuhalten. Immer wieder scheitere die Inanspruchnahme von Hilfe auch daran, dass die Wege zwischen Wohnort und Einrichtung zu weit seien.

Angemerkt - von Reinhold SchlittWiedervorlageZugegeben, Hanau hat zurzeit viele Baustellen und auf dem Weg in den Klub der Großstädte einen Berg von Aufgaben zu lösen. Da kann es auch im Parlamentsbetrieb in der einen oder anderen ‧Sache schon einmal ein bisschen länger dauern. Doch warum seit der Konzeptzusage des Magistrats in Sachen Trauma-Ambulanz und der Ausschussbefassung vom letzten Mittwoch fast ein Jahr vergangen ist, das wird nicht so recht deutlich. Wohl gemerkt, es ging um ein Konzept, das längst vorliegen sollte, nicht nur um die fachlichen Einwände, die da nun im Haupt- und Finanzausschuss vorgetragen wurden. Die hätte man auch schon viel früher hören können.Gut so, dass die Ausschussmitglieder sich damit nicht begnügen und nachhaken, etwa zu möglichen Sonderzuwendungen für eine solche Einrichtung, und damit ein realistisches Kostenbild entsteht. Schließlich lautete der Prüfauftrag, zu welchen Bedingungen eine Trauma-Ambulanz zu bekommen wäre. Da sind jede Menge Fragen offen, wie die Ausschussvorsitzende höflich anmerkte. Und vielleicht könnte man die Wiedervorlage auch dafür nutzen, sich eine Vertreterin oder einen Vertreter bestehender Trauma-Ambulanzen einzuladen, um etwas über schon vorhandene Erfahrungen andernorts zu hören. Das könnte die eigene Entscheidungsbasis vergrößern, und dann hätte die Verzögerung doch noch ein Gutes.

Das könnte Sie auch interessieren