Bald fällt der letzte Vorhang - Theatermacher Martin Stein von Stein's Tivoli kehrt mit seinem Haus der Grimmstadt den Rücken. In Rodenbach geht es aber weiter. Foto: Kerstin Biehl

Hanau

Tivoli Hanau schließt Ende des Jahres - Restaurant soll kommen

Hanau. Das Gebäude mit der Nummer 12 am Freiheitsplatz ist ein Haus mit langer Tradition. 100 Jahre lang gab es hier das Centralkino. Es war das älteste deutsche Kino in Familienbesitz – in der Grimmstadt eine Institution.

Von Kerstin Biehl

Als im November 2011 der letzte Film über die Leinwand flimmerte, stand noch nicht fest, was aus dem Kinosaal werden sollte. Das klärte sich ein Jahr später. Da zog das Steins Tivoli ein.

Der vor zwei Jahren verstorbene Günter Stein, der gemeinsam mit Sohn Martin und dem anderen Sohn Stefan damals bereits in Rodenbach ein Tivoli unterhielt, fasste noch während der großen Umbauphase am Freiheitsplatz mit diesem zweiten Theaterhaus Fuß. „Anfangs lief es hier wirklich gut“, erinnert sich Martin Stein zurück. Der 53-Jährige sitzt in den leeren Stuhlreihen des Theatersaals. Die Stimmung könnte besser sein. Doch das kann man kaum erwarten. Denn der Tivoli-Vorhang wird sich in Hanau in vier Wochen endgültig schließen.

„Es hat keinen Sinn mehr. Ich habe im vergangenen Jahr 50 000 Euro draufgelegt, damit es weitergehen konnte“, erzählt Stein offen. An Wirtschaftlichkeit sei – ganz anders als bei seinem zweiten Haus in Rodenbach, das sehr gut laufe – in Hanau schon lange nicht mehr zu denken. Woran also hapert es? Stein nennt die Baustelle als Hauptgrund. Seit zwei Jahren wird an dem Haus, in dem das Tivoli beheimatet ist, gewerkelt.

Alles gut bis zu den Bauarbeiten

„Alles lief gut, bis die Bauarbeiten begannen“, berichtet er. „Es wurde einfach enorm viel gemacht, was sich negativ auf unser Geschäft ausgewirkt hat. Eine komplette Wand hat sich um 40 Zentimeter abgesenkt. Wir hatten Wasserschäden. Die Deckenverkleidung löst sich“, zählt Stein auf. Die Toilettenanlage habe man sogar einmal mitten in der Vorstellung schließen müssen, weil es einen Wassereinbruch gab.

Dabei hatten die Steins vor dem Einzug viel Geld in die Erdgeschoss-Räumlichkeiten gesteckt. „Allein die Freilegung der Mauer. Da waren mehrere Schichten Dachlatten und Stoffbespannung davor. 50 Zentimeter hat der Raum dadurch gewonnen“, erzählt der Theatermacher. Seine Familie habe alles immer selber gemacht. Habe sehr viel Arbeit ins Tivoli Hanau gesteckt. Und vor allem Herzblut. „Ich saß zum Beispiel tagelang und habe den roten, 6,50 Meter langen Vorhang genäht“, blickt Stein zurück. Die Wehmut ist ihm anzumerken. In seinem Ton schwingt aber auch ein gewisser Ärger mit. „Wir haben in dieses Objekt immerhin eine Viertelmillion investiert.“

Auch von außen gibt das Tivoli seit Beginn der Bauarbeiten kein schönes Bild ab. Als „widerliche Baustelle“, betitelt Stein das Haus. Sagt: „Ich habe die Nase voll. Selbst Leute die uns kennen, laufen an uns vorbei. Sogar der 'Elefant' sieht schöner aus als wir. Bei uns sieht es aus, als hätten wir geschlossen. Ich will einfach nur raus.“

Deshalb hat Stein gekündigt

Deshalb hat Stein gekündigt. „Natürlich kann man mit einem privaten Theater nicht reich werden. Aber es muss einen ernähren können. Und das war im vergangenen Jahr nicht möglich. Da musste ich mein eigenes Theater sub‧ventionieren.“ Aus dem eigentlichen Zehnjahresvertrag kommt er nun zwei Jahre früher raus. Die vier festangestellten Schauspieler bleiben dem Theater erhalten.

Die Besitzer der Freiheitsplatz-Immobilie, ein junges Ehepaar aus Offenbach, stocken das Gebäude aktuell auf, wollen die oberen Räume als Geschäftsräume verwenden. „Zusätzlich zu dem bereits vorhandenen ersten Stockwerk lassen wir ein Weiteres plus Dachgeschoss darauf setzen“, erzählt Yasmin Alemdar. Gemeinsam mit ihren Ehemann Yaha hat sie das Gebäude am Freiheitsplatz vor fünf Jahren erworben. Die Pläne des Ehepaars sehen vor, die Räumlichkeiten in den Obergeschossen vorwiegend zu Wohnungen umzufunktionieren. Eventuell sollen auch Geschäftsräume geschaffen werden.

Im Erdgeschoss soll ein Restaurant einziehen. Die Räumlichkeiten, die ungefähr 300 Quadratmeter umfassen, will das Ehepaar verpachten. Der Restaurant-Betreiber stehe aktuell noch nicht fest. „Im Erdgeschoss wird zudem noch ein Café kommen“, so Alemdar. Es soll sich auf einer Fläche von rund 125 Quadratmetern verteilen. Das Café will die Besitzerin der Immobilie eventuell selbst betreiben.

Bedauern der Schließung

Seitens der Stadt, zu der laut Stein immer ein „sehr gutes Verhältnis“ bestanden habe, bedauere man die Tivoli-Schließung sehr, sagt Martin Bieberle, Planungs- und Bau-Fachbereichsleiter. „Ein privatwirtschaftlich betriebenes Theater in der Innenstadt zu haben war toll. Der Weggang tut uns sehr leid“, so der Stadtentwickler. Die Stadt habe sogar mit dem Gedankten gespielt, die Räumlichkeiten selbst anzumieten, um die innerstädtische Spielstätte zu erhalten. Doch die Idee habe sich aus wirtschaftlichen Gründen zerschlagen. „Wir haben die Möglichkeit intensiv geprüft, doch letztlich war der Preis zu hoch“, sagt Bieberle.

Was die Zukunft bringt, Stein weiß es noch nicht. Und will sich auch nicht festlegen. „Vielleicht gehen wir mit dem Tivoli auf Tournee. Namibia oder Südafrika. Aber die Idee ist noch nicht ausgereift“, sagt er. Einen Tourbus habe er aber schon mal angeschafft, auch um innerhalb Deutschlands mobiler zu sein. Zunächst gelte es aber, in Hanau einen Schlussstrich zu ziehen.

Erneut ein weiteres Theater zu eröffnen, schließt der Rodenbacher nicht aus. „Uns werden Läden angeboten, aber das Richtige war bislang nicht dabei.“ Er müsse den durch den Tod seines Vaters und den Rückzug seines Bruders dezimierten Familienbetrieb auch neu aufstellen. Dabei setzt Stein große Hoffnungen auf seinen Sohn Yannic, einen Tontechniker. Der 25-Jährige macht aktuell seinen Meister. Aber auch Steins Mutter, seine Ehefrau und ab und an sein Bruder würden viel helfen.

Der Vorhang im Tivoli Hanau fällt am 29. Januar zum letzten Mal. „Wo eine Tür zugeht, geht auch wieder eine auf“, sagt Stein und schaut positiv in die Zukunft.

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