Wir wollen uns begrüßen und sagen „Hallo“: Der Morgenkreis ist ein festes Ritual bei den Forscherfüchsen. Kathrin Olbrich hat heute Unterstützung von Marina Willumat an der Gitarre. Foto: Mike Bender

Hanau

Themenschwerpunkt Kinderbetreuung: Unterwegs mit einer Pädagogin

Hanau. Ein Mittwoch kurz nach halb 8. In der Tagesstätte für Kinder an der Dammstraße ist es noch ganz still. Nach und nach trudeln die ersten Erzieherinnen ein. Kathrin Olbrich hängt ihre Jacke in den Schrank im Pausenraum. Seit zwei Jahren arbeitet sie in der Einrichtung. Wir dürfen die 41-Jährige heute begleiten.

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Das Haus in Trägerschaft der Kathinka-Platzhoff-Stiftung hat Platz für 120 Kinder zwischen sechs Monaten und sechs Jahren. Geöffnet ist von 7 bis 17 Uhr. Sieben Gruppen gibt es hier. Im „Nest“ sind die ganz Kleinen bis zwei Jahre. „Farbkleckse“ heißt eine Gruppe, „Würfelzwerge“ eine andere. Kathrin Olbrich und ihre Kollegin Yvonne Skepeneit sind Erzieherinnen bei den „Forscherfüchsen“. Erst seit einem Jahr gibt es die Gruppe. Zehn Kinder sind hier aktuell. 20 könnten es sein – und werden es nach und nach auch werden.

Kita ist gut ausgestattet

Olbrich ist stolz auf die Art, wie sie hier arbeiten. Dass die derzeitige Gruppengröße ein kleiner Luxus ist, weiß sie. Auch die Ausstattung in der Kindertagesstätte, die in kirchlicher Trägerschaft ist, kann man getrost als „gehoben“ bezeichnen. Es gibt einen eigenen Turnraum, einen Frühstücksraum, einen eigenen Koch und einen großen Garten mit Häuschen und Schaukeln. Durch die Fensterfront bei den „Forscherfüchsen“ kann man den Garten fast komplett einsehen. „Good Morning. How are you?“, erklingt eine gut gelaunte Stimme. Heute ist Marina Willumat bei den Forscherfüchsen zu Gast. Sie hat ihre Gitarre dabei. Willumat ist eine von zwei mehrsprachigen Kräften, die den Kindern die englische Sprache näherbringen sollen.

Diese Woche dreht sich im gesamten Haus alles rund um die Ernährung. Was essen wir? Wo kommt es her? Gestern haben sie Butter hergestellt bei den „Forscherfüchsen“, heute wollen sie Frischkäse machen. Am Ende der Woche hat die Zahnärztin ihren Besuch angekündigt. Das Konzept ist teil-offen, das heißt, dass die Kinder an bestimmten Zeiten des Tages in ihren Gruppen sind und sich zu anderen Zeiten einwählen können in die Angebote aller Gruppen. „Davor haben wir uns mit den Dinos beschäftigt“, erklärt die 41-Jährige und deutet auf den Themenbriefkasten. In den werfen die Jungen und Mädchen ihre Themenwünsche. Olbrich und ihre Kollegin bereiten jede Woche vor – grob, lassen sich von den Kindern leiten.

Im Studium von Kindern keine Spur

Noch ist es ruhig. Niemand in Sicht. Bis 9.15 Uhr sollen die Kinder da sein. „Aber wir nehmen das hier nicht so streng“, sagt Olbrich. Als Lehrerkind sei für sie ziemlich früh klar gewesen, „dass Berufe jenseits der Sozialkarriere raus sind“. Und so begann die gebürtige Essenerin ein Lehramtsstudium in Gießen. Nur Schule das ganze Leben? Das war dann doch nicht das, was die junge Frau wollte. Also schwenkte sie ins Diplom um, Schwerpunkte interkulturelle und frühkindliche Bildung. „Von Kindern sieht man in den fast sechs Jahren Studium ganz wenig“, bekennt Olbrich, „man könnte es, glaube ich, sogar ganz ohne Kinder hinter sich bringen.“

Bei Olbrich waren es immerhin vier Wochen Praktika mit Kindern. Um die fehlende Erfahrung nachzuholen, arbeitete die Diplom-Pädagogin im Anschluss in der offenen Jugendhilfe und in der Museumspädagogik, in deutsch- und englischsprachigen Kitas, auch in Leitungsfunktionen. Die Liebe führte sie schließlich zurück nach Hessen. „Mein Mann arbeitet bei der Lufthansa, da war relativ schnell klar, wo unser Lebensmittelpunkt sein würde.“ Heute lebt sie mit ihrer Familie in Bruchköbel, hat eine sechsjährige Tochter.

Olbrich will Interesse für Naturwissenschaften wecken

Als Kathrin Olbrich ins Rhein-Main-Gebiet kam und die Babypause vorbei war, arbeitete sie als Selbstständige, gab Kurse an der Familienakademie, für das Haus der kleinen Forscher. Das macht sie nach wie vor auf freiberuflicher Basis. Bei Kindern das Interesse für Naturwissenschaften oder andere Dinge wecken – das ist genau ihr Ding. Der Kontakt zur Familienakademie ebnete den Weg in die Tagesstätte und den heutigen Job. Nach einem Jahr im U3-Bereich sind jetzt die „Forscherfüchse“ ihr Zuhause.

Der Beruf sei perfekt mit der Familie in Einklang zu bringen, sagt Olbrich. Bis 13 Uhr ist sie im Haus, freitags hat sie frei. Und sonst? Die 41-Jährige mit der offenen Art, wie sie Erziehern eigen ist, überlegt. „Wenn Erwachsene spielen, ist das ja schnell verpönt, aber der Beruf ist cool, weil wir Kind bleiben dürfen. Mitspielen. Und: Wir sehen den Zauber des Wachsens. Wir sehen, wie Kinder mit uns, zu größeren Persönlichkeiten heranwachsen.“ Aktiv müsse man als Erzieher sein, sich darauf einstellen, dass „jeder Tag anders ist“. Nein, sagt die Wahl-Bruchköbelerin, für Befehlsempfänger sei diese Arbeit nichts.“

Personalmangel? "Liegt am Geld!"

Und das Imageproblem? „Ja, das gibt es“, räumt Kathrin Olbrich ein. „Das liegt auch daran, dass viele, angefangen bei den Eltern, nur nischenhafte Einblicke haben. Sie sehen, dass wir auf dem Boden sitzen und Bauklötze stapeln, aber das tun wir MIT den Kindern.“ Nachfragen, Erklärungen einholen – das tut kaum einer, auch die Eltern nicht. Und warum gibt es den Personalmangel? „Das liegt ganz klar am Geld“, sagt Olbrich, „die Ausbildung ist noch sehr traditionell verschult und dauert lang. Erzieher stehen danach trotzdem am unteren Ende der Gehaltsskala, so wie all jene, die mit Menschen zu tun haben. Manche, die in kommunalen Einrichtungen arbeiten, verdienen so wenig, dass sie noch einen Zweitjob brauchen.“

8.45 Uhr. Das Telefon klingelt. Eine Mama meldet ihren Sohn ab. Krank. Olbrichs Kollegin Yvonne Skepeneit kommt in die Gruppe. Sie ist studierte Sprachheilpädagogin, hat als Logopädin gearbeitet, bevor sie vor sechs Jahren in die Dammstraße kam. Skepeneit lebt auch in Bruchköbel, ihr Kind ist gerade auf die weiterführende Schule gewechselt. Auch Skepeneit arbeitet in Teilzeit. 13 Uhr ist Feierabend. Der Rest des Tages gehört der Familie.

Jüngstes Kind ist zwei Jahre alt

Kurz vor 9 Uhr. Yusuf kommt in die Gruppe. Seine Mama bringt ihn. Er schnappt sich ein Spielzeug und setzt sich direkt neben Kathrin Olbrich. Yusufs Nase läuft. Er schnieft. Nase putzen ist angesagt. Dann kommt Noah. Er ist mit zwei Jahren der Jüngste. „Pippi kack“ heißt sein Lieblingsbuch. Er hat es schon schmerzlich vermisst und strahlt, als er es in seiner Gruppe entdeckt. „Noah, weiß du, wo ich das Buch gefunden habe?“, fragt Olbrich. Noah schüttelt den Kopf. „Bei den 'Zauberfüchsen'. Ich hab's gleich für dich mitgenommen.“ Amélie kommt, dann Somaya. Das Mädchen aus einer Flüchtlingsfamilie spricht kaum Deutsch, sieht sich schüchtern um.

„Tschüß, Moritz“, ruft eine Mama. Moritz ist Vorschulkind, einer der Ältesten in der Gruppe. Seine beiden kleinen Brüder sind auch in der Tagesstätte. Moritz freut sich, dass Marina da ist. Sie setzen sich auf den Teppich, singen „Old Mac Donald had a farm“. Natürlich mit Gitarrenbegleitung. Salima wird gebracht, dann Sophia. Die Dreijährige findet die Fremden im Raum scheinbar ziemlich gruselig, jedenfalls will sie nicht von Mamas Arm runter. Beim zweiten Anlauf klappt's dann aber doch.

Vor dem Morgenkreis wird noch schnell aufgeräumt, dann nehmen alle auf dem Teppich Platz. Nach dem Begrüßungslied zeigt Kathrin Olbrich ein Buch, „In meinem kleinen Herzen“. Sie hat es extra mitgebracht – immerhin ist heute Valentinstag. Wie geht es euch? Ist euer Herz glücklich oder traurig? Alle sind aufgerufen, mitzumachen. Der Morgenkreis fällt heute kürzer aus als sonst.

Praktische Übungen der Forscherfüchse

Es rüttelt schon an der Tür. Dass bei den „Forscherfüchsen“ heute Frischkäse hergestellt wird, hat sich schon herumgesprochen. Die kleine Greta ist da und Marlis. Sie setzen sich wieder auf den Teppich. Yvonne Skepeneit hat Milch mitgebracht, Joghurt und eine Zitrone. Was ist das? „Eine Zitrone natürlich“, sagt die dreijährige Greta wie aus der Pistole geschossen. Welche Tiere geben Milch, will Skepeneit von den Kindern wissen. Aus der Kiste mit den Tierfiguren wird eine Kuh gefischt, dann ein Schaf und noch eine Ziege. Die Grundlagen sind geschaffen. Jetzt zieht die kleine Karawane ins Bistro. In der Mitte des Tisches steht ein großer Topf. Jetzt sind die Kinder gefragt: schneiden und riechen, überlegen und rühren. Was passiert, wenn der Zitronensaft mit der Milch heiß gemacht wird? Was ist Lab? Was Molke? Nach einer Stunde ist der Frischkäse fertig, darf aufs Brot geschmiert und gefuttert werden.

„Wer will mir beim Aufräumen helfen“, fragt Kathrin Olbrich. Keiner. Alle verkrümeln sich Richtung Gruppe. Und während die 41-Jährige Tassen abräumt und den Tisch abwischt, ist bei den „Forscherfüchsen“ spielen angesagt. Und malen. „Wir wollen nicht den ganzen Tag Angebote machen“, sagt Olbrich, „die Kindern sollen auch einfach mal spielen können.“ Noah hatte sich für den Garten entschieden. Jetzt kommt auch er zurück in die Gruppe. Nase putzen. Wickeln. Olbrichs Job. „Wir haben nur zwei Wickelkinder“, sagt Skepeneit, „das ist Luxus.“ Greta hat's heute so gut gefallen, dass sie morgen wieder zu den „Forscherfüchsen“ kommen will.

"Arbeit ist schön, aber auch anstrengend"

Um kurz nach 12 geht's zum Mittag. Gegessen wird nicht in der Gruppe, sondern im Bistro. Putengeschnetzeltes gibt es heute – mit Blumenkohl und Brokkoli, dazu Couscous. „Das ist wie Nudeln“, versucht Olbrich den Kindern Lust auf das fremde Essen zu machen. Yusuf hat den Tisch bereits gedeckt. Mit Marina. Es gibt ein Tischgebet, dann wird gegessen – und gesprochen. Über den Vormittag, über das, was sie erlebt haben bei den Angeboten. Und über den Frischkäse natürlich. Der war der Renner.

Noah findet das Essen lecker. Er verlangt Nachschlag. Beim Abräumen helfen diesmal alle mit. Wenn Kathrin Olbrich und ihre Kollegin gleich Feierabend machen, wechseln die Kinder in den Nachmittag und in andere Gruppen. Vorher geht’s aber noch mal gemeinsam in den Garten. „Die Arbeit ist schön, aber auch anstrengend“, sagt Kathrin Olbrich zum Abschied. Immer mit 100 Prozent bei den Kindern sein, ihnen zuhören, sie anleiten, mit ihnen grübeln oder lachen – und manchmal auch Bausteine stapeln.

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