Großauheim um das Jahr 1910: Diskussionen werden vor allem an Bahnschranken geführt. Die Komödie führt durch die Zeit vor 110 Jahren und stellt die beiden Wirkungsstätten von August Gaul dar, das Industriedorf Großauheim und das großbürgerliche Berlin. Foto: Holger Hackendahl

Großauheim

Theaterstück "Gaulchen, Paulchen und Tilla" begeistert Zuschauer

Großauheim. Langer Applaus für „Gaulchen, Paulchen und Tilla“: Mit stehenden Ovationen wurden die 22 Akteure des Theaterstückes zu Ehren von August Gaul an beiden Abenden für eine rundum gelungene Aufführung gefeiert.

Von Holger Hackendahl

Zuvor hatte das Ensemble über zwei Stunden mit ganz viel Spaß und noch mehr Spielfreude in fünf Bildern aus dem Leben des bekanntesten Großauheimer Künstlers, seiner Familie und dem Leben in seiner Geburtsstadt vor 110 Jahren auf der Bühne der Lindenauhalle gewürzt mit mehr als einer Prise Humor und auch modernen Bezügen dargeboten.

Die Premiere des kurzweiligen Lustspiels stammt aus der Feder von Sabine Laber-Szillat. Regiesseur Oliver Nedelmann vom Urberacher Nedelmanntheater hatte in monatelangen Proben aus den Schauspiel-Debütanten ein theaterbegeistertes Team gemacht. 500 Besucher bei der ausverkauften Premiere am Samstagabend und 400 Zuschauer bei einer weiteren Aufführung am Sonntag sind ein grandioser Erfolg für die Macher und Laienschauspieler, die das Theaterstück zu Ehren des 150. Geburtstags des renommierten Tierbildhauers einstudiert hatten.

Schauspieler in jedem Alter

22 Schauspieler im Alter von zehn bis 80 Jahren unter der Nedelmann'scher Regie und künstlerischer Gestaltung der Grafikdesignerin Margot Kreuder hatten seit Januar viel Spaß bei den Proben. Und dieser Spaß war den Akteuren auch bei den Aufführungen anzumerken. Nicht nur die Bühne war Spielort des Geschehens, ein Angler am Bühnenrand, spielende Kinder am Ufer und ein Paddelboot, das den Main befährt, unter anderem, aber auch der Chor des Großauheimer Männerquartetts 1918 besingen einen „schönen Tag“ in Auheim am Main. Die Komödie führt in lustigen Anekdoten durch die Zeit um 1910, stellt die beiden Wirkungsstätten des Künstlers August Gaul dar, das Industriedorf seiner Eltern und das großbürgerliche Berlin.

Die Handlung: Eine defekte Gaspedalrückholfeder des blitzmodernen Imperia spielt eine Hauptrolle in dem Lustspiel „Gaulchen, Paulchen und Tilla“. Sie sorgt dafür, dass aus der kleinen Blitzvisite von August Gauls Berliner Freunde ein langer Besuch wird. Paul Cassirer (gespielt von Thomas Göbel), dem damals bestimmenden „Kunstzar“ Berlins, plant mit seiner geliebten Tilla Durieux (Sabine Grochowina), einer berühmten Schauspielerin, die Hochzeit, zu der sie August Gaul (Jonas Landwehr) als Trauzeugen anfragen wollen. „Gaulchen und Paulchen“ nennt man die beiden Männer in den künstlerischen Kreisen des Hauptstadtmilieus wegen ihrer engen Verbundenheit. Während die beiden Verlobten turteln und planen erlebt das Publikum die Mainpromenade in Freizeitlaune.

Die defekte Automobilfeder führt den Chauffeur (Kerstin Koppke) in Diskussionen um die Kunst. Diskussionen wurden um 1910 und werden bis in die Gegenwart vor allem an den Bahnschranken geführt. Und es mischen einst – zu Zeiten als Smartphone und Ohr-stöpsel noch Zukunftsmusik waren – viele mit: Die Glaserfrau (Monika Dreller), die Haushälterin des Pfarrers (Simone Rayer), der Wagner Emil Peukert und der Sohn des Fotografen, dabei hofft Schrankenwärter Otto (Werner Henning) immer noch, dass Schmied Hock (Holger Kraft) die Kunst vollbringt, seine Schranke irgendwann wieder zu reparieren, um sie öffnen zu können.

Künstlerisch inspirieren lassen

Bei den Gesprächen zwischen Gauls Vater Philipp (Norbert Klinger), seiner Stiefmutter Anna-Maria (Daniela Opitz-Gehrisch) und seiner Schwester Emmachen (Carola Steigler) vermuten diese, dass der frühe Tod seiner Mutter den kleinen Jungen August dazu brachte, Trost bei Tieren zu suchen und sie ihn deshalb künstlerisch inspirieren. Auch Arztfrau Hermine Kihn (Ingrid Möhwald) erinnert sich gut an den kleinen Nachbarsjungen und dessen Liebe zu den einheimischen Tieren. Seine alten Schulfreunde, der Wirt Heiner Botzum (Christopher Göbel), der Ziseleur Carl Kronenberger (Stefan Matulka) und der Schuhmacher Karl Schuler (Daniel Martini) bringen den zurückhaltenden August Gaul beim Wirtshausbesuch zum Reden.

Als die Gaspedalrückholfeder wieder repariert ist, endet der beschauliche Augenblick und das Jahrhundert nimmt wieder Fahrt auf: Unruhen, Revolutionen und Kriege kündigen sich an, die Roten fordern gleiche Rechte, ein krachendes Feuerwerk über der explodierenden Wolfgänger Munitionsfabrik Pulvermühle tobt. Das Theaterstück erlebt mit einem „Grande Finale“ und dem Banjoory-Lied „S'is, wie's is“ einem furiosen Abschluss, den die Formationsgruppe des Hanauer Tanzclubs in historischen Kostümen in der Szene mit dem Tanz des „Rheinländers“ zuvor eingeleitet hatte.

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