Die Polizei sperrte die Innenstadt ab. Foto: Kai Pfaffenbach

Hanau

Terror: Wie zwei Reporter die Horror-Nacht erlebten

Hanau. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag starben in Hanau mehrere Menschen in Folge eines Terroraktes. Zwei unserer Reporter haben die Horrornacht in Hanau verbracht.

Von Holger Weber und Robert Göbel

Es ist kurz nach halb elf, der Hanauer Anzeiger ist gerade angedruckt worden, da klingelt das Redaktionstelefon. Es ist der Kollege aus der Online-Redaktion, der sich von unterwegs meldet: Im Netz kursieren Nachrichten. Es habe Schüsse in der Hanauer Innenstadt gegeben. Von mehreren Toten sei die Rede. Genaues wisse man nicht. Eine knappe Stunde zuvor hat der diensthabende Polizist in Offenbach beim abendlichen Routineanruf aus der Redaktion noch geflachst: „In Hanau ist alles ruhig“.

Nun ist die Leitung nach Offenbach überlastet. Erst nach Minuten gibt es eine Verbindung. Der „PvD“, der eben noch bester Laune war, ist kurz angebunden: „Es hat Tote gegeben. Mehr kann ich Ihnen zu diesem Zeitpunkt nicht sagen.“ Unser Polizeireporter meldet sich per Telefon: Er hat erfahren, dass es rund um den Heumarkt einen Großeinsatz der Polizei gebe.

Überwachungskamera zeichnete flüchtende Person auf

Zehn Minuten später am Tatort: Der Heumarkt ist abgesperrt. Hinter dem rot-weißen Flatterband stehen Polizisten mit Maschinenpistolen im Anschlag. Das Blaulicht von Notarztwagen und Polizeifahrzeugen bestimmen die Szenerie. Der Bürgersteig unmittelbar neben der Midnight Bar, wo der Amoklauf seinen Anfang nahm, ist von großen Scheinwerfern ausgeleuchtet, die Spurensicherung ist vor Ort.

Gegenüber des Tatorts beobachtet der Job-Keeper eines 24-Stunden-Kiosks das Geschehen. Er erzählt: „Es hat acht oder neun Schüsse gegeben. Dann Schreie. Panik auf der Straße. Die Menschen sind in alle Richtungen gerannt“. Wenige Sekunden später sei ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit davongerast. Vermutlich der Täter. Der Besitzer des Ladens gegenüber zeigt der Polizei am Absperrband ein Video, das seine Ladenkamera aufgenommen hat. Es zeigt einen flüchtenden Mann mit grüner Jacke und gelber Kapuze. Der Täter?

Schlimmer Verdacht bestätigte sich

Mittlerweile kursieren bei den Leuten am Straßenrand Gerüchte. Es soll noch mehr Brennpunkte geben. Die Nachrichten verbreiten sich über die sozialen Netzwerke: Polizeieinsatz auch im Stadtteil Lamboy und am Kurt-Schumacher-Platz in Kesselstadt. Zumindest Letzterer wird bestätigt. Im Lamboy, so heißt es später, seien lediglich einige Jugendliche kontrolliert worden.

In Kesselstadt hingegen bestätigt sich der schlimmste Verdacht: fünf Tote in einer Kaffeebar am Kurt-Schumacher-Platz. Die Fahrt von der Innenstadt in die Weststadt ist gespenstisch. Es gibt kaum Autos auf der Straße. Noch immer gibt es über den oder die Täter – zu diesem Zeitpunkt weiß man noch nichts – keine Informationen.

„Hier wollte jemand wahllos Ausländer töten.“

Niemand weiß genau zu sagen, ob die Gefahr gebannt, die Lage unter Kontrolle ist. Die Polizei vermeldet zunächst nur Verletzte, erst nach Mitternacht wird eine Gesamtzahl von acht Toten insgesamt bestätigt.Auf dem Parkplatz steht ein silberfarbener Mercedes, die Türen sind geöffnet, die Polizei hat eine Aluminiumfolie über die Windschutzscheibe gelegt. Das Opfer, das noch im Wagen liegt, wurde von dem Täter offenbar beim Wegfahren erschossen.

Am Rande steht der Besitzer der Bar, in dem sich die Bluttat abgespielt hat: „Ich kenne alle diese Menschen. Es sind liebe Menschen gewesen.“ Zwei Frauen seien darunter, eine sei schwanger gewesen, sagt er. „Die waren alle tot.“ Er sei von einem Freund informiert worden, dass da in seinem Laden geschossen worden sei, berichtet er mit Tränen in den Augen. Für ihn ist klar: „Hier wollte jemand wahllos Ausländer töten.“

Gerüchte um Shisha-Bar in Bruchköbel

Am Tatort sind Seelsorger eingetroffen, unter anderem Pfarrer Martin Abraham aus Bruchköbel, die den Angehörigen beistehen sollen. Auch die Feuerwehr Hanau ist im Einsatz, hilft beim Absperren des Tatorts.

Auf der Straße bei den Menschen herrscht nach Mitternacht noch Unsicherheit. Es geht das Gerücht um, auch eine Shisha-Bar in Bruchköbel sei attackiert worden. Eines von vielen Gerüchten in der Nacht, die sich glücklicherweise nicht bestätigen. Die Journalisten warten am Kurt-Schumacher-Platz auf Informationen. Die Pressestelle habe jemanden losgeschickt, heißt es immer wieder bei den Polizisten vor Ort.

Helmholtzstraße wird frühzeitig abgesperrt

Doch auch gegen 2 Uhr nachts ist die Situation unklar. Plötzlich kursieren Videos im Netz, die hochgerüstete Einsatzkräfte des SEK zeigen, wie sie ein Haus umstellen und beleuchten. „Das ist nur ein paar Straßenzüge weiter von hier“, heißt es in der Menge. Die Polizei habe das Haus – es ist das Haus des Täters an der Helmholtzstraße, wie sich später erweisen wird – großräumig abgeriegelt.

Der Bereich um die Helmholtzstraße ist tatsächlich bereits gegen 23.30 Uhr, gut drei Stunden vor der späteren Stürmung der Wohnung des mutmaßlichen Täters durch das Einsatzkommando, weitläufig abgesperrt. Der Mannschaftsbus einer Sondereinheit der Polizei steht auf der Straße quer, um den Zugang über die Kantstraße abzublocken.

„Wir können das nicht verstehen.“

„Bitte kehren Sie um“, sagen die mit Maschinenpistolen bewaffneten Polizisten Passanten und Fußgängern, die wissen wollen, was sich hinter der Absperrung ereignen könnte. Darunter zwei junge Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund, die in der Nähe wohnen. Beide sind tief betroffen über die Tat, die sich in ihrer Whats-App-Community wie ein Lauffeuer verbreitet hat.

„Wir können das nicht verstehen. Wir kennen beide Shisha-Bar-Betreiber, die haben mit Milieugeschäften nichts zu tun“, sagt einer der Mitte Zwanziger. Und sie äußern schon zu diesem Zeitpunkt die Vermutung, „dass ein 'Schwarzkopfhasser'“ für die Taten verantwortlich sein müsse, „denn ein anderes Motiv erschließt sich uns nicht“.

Drei der Opfer kennen sie persönlich. Sie zeigen unserem Reporter Bilder von zwei jungen Kurden, beide gerade einmal Anfang 20, einer auf einem Hochzeitsbild mit seiner jungen Frau abgelichtet. Gut drei Stunden später, so berichtet die Polizei dann am frühen Morgen, stürmt ein Sonderkommando die um die Ecke liegende Wohnung des mutmaßlichen Täters, der neben seiner Mutter tot am Boden liegend aufgefunden wird.

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