Blick in die Zukunft: Die neueste Studie zur Schulentwicklung sagt große Umwälzungen in der Schullandschaft voraus. Da das Bevölkerungswachstum ein zusätzliches viertes Gymnasium erforderlich macht, könnte das Hessen-Homburg-Schulzentrum zu einer Gesamtschule mit Oberstufe umgebaut und erweitert werden. Das könnte durch eine Verbindung zwischen den beiden historischen Gebäuden geschehen. Luftbild: Axel Häsler

Hanau

Studie: Hanaus Schullandschaft muss umgekrempelt werden

Hanau. Boom-Town. Mit der wachsenden Einwohnerzahl in der Stadt wachsen auch die Herausforderungen, die Hanau schultern muss. Was das für die Schullandschaft bedeutet, zeigte gestern die Vorstellung einer Studie, die als Grundlage des neuen Schulentwicklungsplans für die weiterführenden Bildungseinrichtungen dienen soll.

Von Jutta Degen-Peters

Fazit der Studie, die der Planer Wolf Krämer-Mandeau präsentierte (er berät unter anderem die Städte Frankfurt und Mainz): Mittelfristig wird die Stadt ein zusätzliches Gymnasium brauchen. Die Förderschulen müssen dringend ausgebaut werden. Für die Inklusion, die derzeit hauptsächlich auf der Hauptschule konzentriert sei, muss viel mehr Geld in die Hand genommen werden. Auch Haupt- und Realschulen müssen wachsen.

Schon jetzt sind seinen Worten nach viele Schulen an ihren Kapazitätsgrenzen angekommen. Im Karl-Rehbein-Gymnasium gibt es keine Erweiterungsmöglichkeiten. Schon jetzt arbeitet man dort mit zwei Dependancen. Ein Denkmodell sei auch eine Erweiterung der Otto-Hahn-Schule. Doch sei davon abzuraten, Schulen mit Dimensionen wie die Kopernikusschule in Freigericht zu schaffen, die 2000 Schüler unterrichtet.

Empfehlungen werden von der Stadt diskutiert

Da Hanau unter anderem dringend ein weiteres Gymnasium brauche, das bei einem Neubau mit 60 Millionen Euro zu kalkulieren sei, regte der Planer an, das Hessen-Homburg-Schulzentrum durch den Anbau einer Gymnasialstufe zu einer Kooperativen Gesamtschule aufzuwerten. Dabei könne man etwa die beiden historischen Bestandsgebäude mit einem modernen Zwischengebäude ergänzen und der Schule dabei gleichzeitig eine Mensa bescheren. Der Standort gehöre heute schon der Stadt. „Diese Lösung erscheint am elegantesten und am billigsten“, so der Planer.

Doch dies war nur ein Bereich, dem er seine Aufmerksamkeit schenkte. Um aktuelle Zahlen und Entwicklungspotenziale aller Hanauer weiterführenden Schulen zu ermitteln, hatte sein Team jede einzelne Schule besucht und sich dort alle Räume angeschaut. Aus den so gewonnenen Erkenntnissen und Statistiken zum Bevölkerungswachstum und zu Pendlerbewegungen auswärts wohnender Schüler nach Hanau entwickelte er die Empfehlungen, die die Stadt jetzt diskutieren will, wie Bürgermeister Axel Weiss-Thiel bei der gestrigen Pressekonferenz erklärte.

Kooperationsvereinbarung soll verlängert werden

Der Bürgermeister wies darauf hin, dass Hanau in den letzten zehn Jahren um rund 10 000 Menschen gewachsen sei. Ein Trend, der sich fortsetzen wird. Durch die neuen Baugebiete in Hanau gehe man davon aus, dassHanau bis 2025 um weitere 7000 Menschen wachsen werde. Schon heute sei an den Hanauer Schulen spürbar, dass Reserven, die vor zehn Jahren noch bestanden, aufgebraucht seien. Neue Herausforderungen wie Integration und Inklusion sowie Ganztagsangebote seien hinzugekommen. All diese Herausforderungen im Blick bekenne sich Hanau dennoch über den eigenen Bedarf hinaus dazu, auch für die Region „Schulstadt“ zu sein.

Weiss-Thiel kündigte an, dass die Stadt die im kommenden Jahr auslaufende Kooperationsvereinbarung Gymnasien mit dem Main-Kinzig-Kreis verlängern wolle. Diese beinhaltet unter anderem die Aufnahme von bis zu 350 Schülerinnen und Schülern aus dem Westteil des Main-Kinzig-Kreises an Hanauer Gymnasien.

Zahl der Geburten habe zugenommen

Dabei betonte der Bürgermeister und Schuldezernent, dass sich das bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts aufsummierte Investitionsvolumen im Bereich Kitas und Schulen, das im Rahmen der Magistrats-Pressekonferenz zur Haushaltskonsolidierung vorgestellt worden war (wir berichteten), schon jetzt auf über 110 Millionen Euro beläuft (im städtischen Bereich). Hinzu kommen weitere zwölf Millionen, die gemeinsam mit dem Main-Kinzig-Kreis für die weiterführenden Schulen aufgebracht werden müsse. Die aktuelle Studie verdeutliche, dass bis zur Aufstellung des Haushalts 2022/2023 noch zusätzliche Mittel erforderlich seien.

Planer Krämer-Mandeau machte deutlich, dass die Zahl der Geburten wieder zugenommen habe. Mit über1000 Geburten, die aktuell registriert würden, „kommt eine Kraft auf die Kitas zu, die zeitversetzt auch auf Grundschulen und Kitas zukommt“. In diese Überlegungen bezog er die Geburtenrate mit ein, die sich von 2003 von 1,41 Kindern pro Frau auf 1,5 Kinder pro Frau heute erhöht habe.

Schülerzahlen sollen steigen

Zudem sprach er von einer Verjüngung, auf die sich die Stadt durch ihre geplanten Wohngebiete und die Tatsache, dass eine wegsterbende ältere Generation Platz mache für jüngeren Nachzug, einstellen müsse. Im letzten Schuljahr sind laut Krämer-Mandeau 820 auf weiterführende Schulen eingeschult worden. Im Jahr 2024 liege man bei über 1000. Das bedeute einen Mehrbedarf von fünf zweizügigen Grundschulen.

Bei den Übergängen von den Grund- zu den weiterführenden Schulen sprach Krämer-Mandeau von maximal 900 im Schuljahr 2018/2019. Von heute bis zum Jahr 2025 werde diese Zahl bei rund 1000 liegen, später bei 1100.

Suche nach der Lösung ist eröffnet

Das sind über 200 Schüler zusätzlich, für die wir keine Plätze haben“, so das Fazit des Planers. Plätze fehlen bei allen Schulformen. Da die Klassengrößen nicht „dramatisch zu erhöhen sind“, müssten Räume dazugebaut werden. Das gelte in besonderem Maße für die Förderschulen, aber auch Haupt- und Realschulen seien heute schon beengt.​ Krämer-Mandeau mahnte auch, Haupt- und Realschulen müssten sich bewegen: „Die Inklusion wird scheitern, wenn sie so verteilt bleibt.“

Dienstagabend befasste sich der Schulausschuss mit der Studie. Die Diskussion und damit die Suche nach den besten Zukunftslösungen ist eröffnet.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema