Die Luchse im Klein-Auheimer Wildpark schienen kürzlich seltsam abgelenkt. Für den streunenden Artgenossen wäre es allerdings kein Problem, die Wildparkmauer zu überwinden und jetzt in der Paarungszeit weiblichen Artgenossen näherzukommen.  Foto: Holger Hackendahl 

Hanau

Streunender Luchs: Das sagen Experten und Zeugen

Hanau. Für Staunen sorgt, dass sich ein Luchs offenbar das Waldstück und die Flur um Klein-Auheim und Steinheim als seinen Lebensraum auserkoren hat. Auch auf einer Gartenbank wurde das offensichtlich nicht ganz so scheue Pinselohr gesichtet. Hat das Tier Ende Januar auch ein Schaf auf einem Grundstück am Häuser Weg gerissen?

Von Holger Hackendahl

Der Steinheimer Jagdpächter Michael Birkenfeld ist sicher: „Es kann eigentlich nur ein Luchs gewesen sein“, sagt er. „Das Schaf war an den Läufen angenagt, der Bauch aufgerissen, und die Eingeweide waren gefressen.“

Schafhalter Martin Messmer hat den Kadaver nach dem Fund am 25. Januar entsorgt. „Ein Hund kann den gut zwei Meter hohen Zaun nicht überwunden haben“, sagt Messmer. „Erst im Nachhinein habe ich erfahren, dass hier in der Gegend ein Luchs unterwegs sein soll“, berichtet er.

Luchse schienen abgelenkt

Rückblick: Am 4. Januar löste der Bewegungsmelder an der Wildkamera von Jäger Thomas Sturm aus – zur großen Überraschung des Jägers war auf dem Foto ein Luchs zu sehen. Doch wie kommt ein Luchs in ein Jagdrevier nach Klein-Auheim? „Der ist bestimmt im nahen Wildpark Alte Fasanerie ausgebüxt“, vermutete Sturm damals. Doch die Tierpfleger zählten nach, wie auch Achim Denich bei seiner Fütterungsrunde durch den Wildpark erzählte. Das Ergebnis: „Alle sieben Luchse sind noch im Gehege.“

Bei der Fütterungsrunde zu Elch, Gans, Wisent undamp; Co. fiel auf: Die Luchse und auch europäischen Wölfe schienenseltsam abgelenkt. „Irgendwas stimmt hier nicht“, sagte Tierpfleger Denich. Die Luchse blickten alle in eine Richtung, waren an eigentlich verlockenden Fleischbrocken seltsam desinteressiert. Auch die vertrauten Lockrufe des Tierpflegers halfen nicht, die sieben Pinselohren fanden anderes interessanter. Auch die Fütterung der ohnehin scheuen europäischen Wölfe fiel ins Wasser – die Tiere waren noch scheuer als sonst, ließen sich nun gar nicht blicken. Schüler einer Schulklasse, die zur Fütterungszeit vor Ort waren, steckten ihre Smartphones ohne die ersehnten Tieraufnahmen wieder weg.

Luchse befinden sich in der Paarungszeit

Der „Nicht-Appetit der Luchse“ sei jetzt nichts Besonderes. „Manchmal sind die Luchse auch noch am nächsten Tag satt, weil sie etwas mehr gefressen haben“, sagt Wildpark-Biologin Dr. Marion Ebel. „Es kann durchaus sein, dass der fremde Luchs über die Wildparkmauer gesprungen ist. Bei uns ist aber noch nicht aufgefallen, dass der Luchs ein Tier gerissen hat. Am einfachsten hätte er es bei den Hausziegen, aber auch dort sind alle Tiere wohlauf“, sagt sie.

Wolfgang Heidrich, ehemaliger Revierförster des Wildparks meint: „Es kann durchaus sein, dass der fremde Luchs, wohl ein Kuder, über die Wildparkmauer springt, weil er sich für die weiblichen Luchse interessiert.“ Der Besuch des fremden Luchses im Wildpark könnte für die Irritation der Luchse in der Alten Fasanerie gesorgt haben. Der ehemalige Revierförster, seit vielen Jahren Vize-Vorsitzender des Wildpark-Fördervereins, tippt auf einen Appetit der ganz anderen Art. „Gerade ist Ranzzeit, die Paarungszeit der Luchse.“ Heidrich kann sich vorstellen, dass der fremde Luchs die Weibchen in der Fasanerie gewittert hat, dort herumstreunt und so die Luchse im Gehege irritiert.

Streuner könnte aus privater Zucht entflohen sein

Heidrich überrascht mit der Aussage: „Es kann sein, dass der Luchs aus privater Haltung ausgebrochen ist.“ Erhabe vor vielen Jahren von Leuten gehört, die Luchse privat halten – in ihrem Haus, bestätigt er. „Es gibt ja Menschen, die halten und züchten Tiere, obwohl es nicht legal ist. Vielleicht ist der Luchs bei einem nicht bekannten Züchter ausgebrochen.“ Private Luchs-Züchtung sei verboten, unterstreicht Heidrich. Aber es gebe ja auch Menschen, die züchten in Terrarien Reptilien wie Anakonda und Python, sie halten in ihrem Keller Krokodile oder züchteten Papageien obwohl sie dafür keine Genehmigung haben.

Heidrich: „Der herumstreunende Luchs könnte von Menschenhand von klein auf aufgezogen sein, quasi als Flaschenkind. So ist er an den Menschen gewöhnt und deshalb nicht ganz so scheu wie wilde Luchse wie sie etwa im Spessart leben. „Offensichtlich ist irgendwo einer dieser „zahmen“ Luchse ausgebüxt“, vermutet Heidrich. „Ich weiß von drei Rehkadavern, die mit eindeutigen Bissspuren von Luchsen gerissen wurden.“

Zeugin sah das Tier auf einer Holzbank sitzen

Für das Pinselohr ist die Region um Hanau jedenfalls ein echtes Schlaraffenland – es gibt Enten, jede Menge Kanada- und Nilgänse, Rehe und seit einigen Jahren auch wieder Biber. Und natürlich – quasi als Nachtisch – auch jede Menge Mäuse. Für einen nicht ganz so wilden Luchs spricht auch die Beobachtung einer Klein-Auheimerin, die auf einer Gartenbank in einem Nachbargarten früh morgens anhand der markanten Pinselohren einen Luchs erkannt haben will.

Aus dieser Schafherde in Steinheim ist in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar ein Tier gerissen worden. Foto: Holger Hackendahl

Marliese Carius berichtet: „Ich bin morgens gegen 6 Uhr raus und habe die Zeitung reingeholt. Auf der Holzbank beim Nachbarn hat er gesessen, ganz gemütlich die Beinchen übereinander gelegt. So wie es Luchse beim Entspannen eben machen, hat mir Wolfgang Heidrich bestätigt. Der Luchs war ziemlich groß, hatte spitze Ohren mit Federn oben dran.“ Und ihr Ehemann Horst Carius – übrigens Ehrenmitglied des Fördervereins – ergänzt: „Der Luchs ist auch nahe einer Pferdekoppel bei Klein-Auheim gesehen worden.“

Straßen scheinen Luchs nicht abzuschrecken

Mittlerweile wurde der Luchs viermal von Jagdpächter Sturms Wildkamera fotografiert. Seiner Meinung nach ist es wenig wahrscheinlich, dass ein Luchs etwa aus dem Spessart eingewandert sei. Dafür hätte er den Main überqueren müssen, auch würden die scheuen Luchse durch die Autobahnen abgeschreckt. „Im Januar hat meine Wildkamera im Naturschutzgebiet Untere Fasanerie innerhalb von drei Wochen vier Mal den Luchs fotografiert.“ Ende letzten Jahres wurden zwei skelettierte Rehe aufgefunden. „Erst dachten wir an einen wildernden Hund. Dann fanden wir ein weiteres Reh, an dem eine Keule abgefressen war. „Nun ist es naheliegend – auch aufgrund der Aufnahmen, dass es ein Luchs war.“

Auch im Kleingartenverein an der Unteren Fasanerie sei der Luchs bereits gesehen worden, berichtet Sturm. Und Straßen scheinen einen Luchs nicht abzuschrecken – um in Steinheim das Schaf zu reißen, musste das Pinselohr mindestens eine Schnellstraße überqueren. Wie nun weiter bekannt wurde, wurde im Frühsommer 2019 bei einem weiteren Schafhalter noch ein weiteres Tier auf einem umzäunten Grundstück gerissen. Obwohl die Bissspuren darauf hingedeutet hätten, so Schafhalter Kai Heckele, wurde ein Luchs vom Jagdpächter als unwahrscheinlich erachtet. Nun hat er eine Wildkamera aufgestellt.

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