Die Stunde der Wahrheit? Paulina hat den Arzt Miranda in ihre Gewalt gebracht und glaubt, in ihn ihm ihren Peiniger zu erkennen. Foto: Pauly

Hanau

Stein's Tivoli wagt sich erfolgreich ins Drama-Genre

Hanau. Der Name „Stein's Tivoli“ löst automatisch Assoziationen an professionelles und stimmiges Boulevardtheater aus, seien es Komödien oder musikalische Revuen, bei dem die Zuschauer ihre Lachmuskeln ordentlich strapazieren dürfen. Nun hat man sich in Hanau an ein hier eher ungewohntes Genre gewagt.

Von Andrea Pauly

Das Psychodrama „Der Tod und das Mädchen“, ein packendes Kammerspiel nach dem Theaterstück des Chilenen Ariel Dorfmann, wurde vom Schauspieltrio Louise Oppenländer, Christian Kerkhoff und Klaus Heindl atmosphärisch dicht, facettenreich und mit beeindruckender Präsenz auf die Bühne gebracht. Es sei ein Experiment, sagt Louise Oppenländer im Gespräch mit unserer Zeitung. Man habe dem Publikum mal ein neues Genre anbieten wollen. „Frank Heck hatte die Idee dazu. Er hat das Stück vor einigen Jahren gesehen, hat sich eine starke Erinnerung daran bewahrt und da 'Der Tod und das Mädchen' typmässig zu uns drei Darstellern passt, haben wir uns dann dafür entschieden“, erklärt die Schauspielerin. Sie finde außerdem den Mut von Theaterchef Martin Stein beeindruckend, hier mitzuziehen und sich auf diese neue Form einzulassen.

Chile, kurz nach der Wiederherstellung der Demokratie

Chile, kurz nach Wiederherstellung der Demokratie. Drei Menschen mit unterschiedlichen Schicksalen begegnen einander. Paulina, ein Opfer des Militärregimes unter General Pinochet, leidet noch immer am Trauma der im Gefängnis erlebten Folter. Ihre Angstzustände isolieren sie, das Studium bleibt unbeendet. Ihr Mann Gerardo hingegen macht Karriere als Mitglied einer Kommission zur Aufklärung der Verbrechen des alten Regimes. Einer Kommission, die nur Morde verfolgt und die Namen der Täter nicht aufdecken darf.

Als er einen Fremden mit nach Hause bringt, glaubt seine Frau ihren Folterer wiederzuerkennen. Sie überwältigt den freundlichen Mann, bedroht ihn und schockiert Gerardo mit dieser Umkehrung der Gewaltverhältnisse, die seine Karriere zerstören könnte. Schockiert befürchtet er, Paulina sei fähig den Gefangenen zu verletzen oder sogar zu töten. Doch Paulina will Vergangenheitsaufarbeitung. Sie will die offene, nichts beschönigende Auseinandersetzung mit ihrem Mann. Und ein Geständnis des Täters. Sie will, was der Staat und seine offizielle Rechtsprechung im Dunkeln lassen: die ganze Wahrheit.

Bekannte lateinamerikanische Schriftstellerin

Ariel Dorfman zählt zu den bekanntesten lateinamerikanischen Schriftstellern. Sein Stück „Der Tod und das Mädchenen“ entstand 1991 unter dem Eindruck der öffentlichen Debatte in Chile über den Umgang mit den zurückliegenden Verbrechen und zeigt, wie tiefgreifend gesellschaftliche Machtstrukturen unsere menschlichen Beziehungsstrukturen bestimmen. Das Theaterstück wurde nach Schuberts dramatischem Streichquartett benannt und von Roman Polanski 1994 mit Sigourney Weaver und Ben Kingsley verfilmt. Doch auch wenn man den Film bereits gesehen hat, ist dieses emotional bewegende, hoch spannende Psychodrama über die Frage nach dem Umgang mit dem „Bösen“ absolut empfehlenswert. Frank Heck gelang eine Inszenierung von atmosphärischer Dichte, bei der das Darsteller-Trio, allen voran Louise Oppenländer, eine großartige schauspielerische Leistung darboten. Nicht zuletzt ist „Der Tod und das Mädchen“ eine zeitlose Warnung vor dem Verlust der Freiheit durch totaltäre Strukturen und vorbeugende Verhaftungen, die unsere demokratische Rechtsstaatlichkeit demontieren. Auch heute und hier mitten in Europa.

Das Theaterstück „Der Tod und das Mädchen“ von Ariel Dorfmann im Stein's Tivoli Hanau wird am 15. und 16. Dezember sowie am 17. und 18. Januar nochmals aufgeführt.

Das könnte Sie auch interessieren