In der Mensa der Karl-Rehbein-Schule – einem Projekt, auf das Ralf-Rainer Piesold (links) mit Stolz zurückblickt – übergab der scheidende Vorsitzende das Zepter an Nachfolger Henrik Statz. Foto: Zeh

Hanau

Statz löst Piesold ab: Neue Ära bei der Hanauer FDP

Hanau. Die Hanauer FDP hat einen neuen Vorsitzenden: Bei der Mitgliederversammlung am vergangenen Freitag ist Henrik Statz zum neuen Parteichef gewählt worden. Er beerbt den langjährigen Vorsitzenden Dr. Ralf-Rainer Piesold, der nach insgesamt 35 Jahren Vorstandsarbeit nicht mehr zur Wahl angetreten war (wir berichteten).

Von Sebastian Zeh

Er wirkt entspannt, als er am Rednerpult steht, lächelt in die Runde. Der Satz „Ich möchte nicht noch einmal antreten“ geht ihm überraschend leicht von den Lippen. Dr. Ralf-Rainer Piesold hat auf der Mitgliederversammlung des FDP-Stadtverbands Hanau seinen Posten als Vorsitzender geräumt. Sein Nachfolger wird Strategie- und Kommunikationsberater Henrik Statz.

Der Zeitpunkt für eine Erneuerung an der Hanauer Parteispitze erscheint dabei ein logischer Schritt zu sein. Im vergangenen Jahr hatte es zunehmend stärkere Unruhen im Kreis der Liberalen gegeben – und stets war es dabei um Piesold gegangen. Im vergangenen Juni hatten die Hanauer Stadtverordneten Thomas Morlock zum neuen hauptamtlichen Stadtrat gewählt. Da der OB die FDP im Magistrat überrepräsentiert sah, musste Piesold in der Folge seine Stabsstelle räumen. Er klagte – erfolgreich (wir berichteten).

Piesold wehrt sich gegen Vorwürfe

In der Folge hatte sich eine zunehmende Kluft zwischen Piesold und der Hanauer FDP gebildet. „Es hat Briefe an mich gegeben, unterschrieben von zehn Mitglieder, die meinen Rücktritt forderten. Dieses Vorgehen fand ich fragwürdig – und peinlich“, sagt Piesold im Zuge seines Rechenschaftsberichts während der Mitgliederversammlung. Auch den Vorwurf aus den eigenen Reihen, er sei nicht kommunikationsfähig, will er nicht auf sich sitzen lassen. „2017 hatten wir neun Vorstandssitzungen und eine Mitgliederversammlung“, so der scheidende Vorsitzende. Täglich seien E-Mails von FDP-Mitgliedern bei ihm eingegangen. Beinahe rund um die Uhr, wie er sagt. Miteinander geredet habe man also zweifellos. Mehr noch: In seinem Blick zurück auf 35 Jahre FDP-Vorstandsarbeit sprach er von über 12 000 Tagen Parteiaktivität. Das sei viel Arbeit gewesen. „Ich hätte mich in dieser Zeit nie gegen eine Initiative aus der Partei gewehrt“, sagt er.

"Bin zufrieden, mit dem was ich geschafft habe"

In diesem Zusammenhang lobt er vor allem die Parteiarbeit von Holger B. Vogt und Werner Dausien, die er in seiner langjährigen Vorstandsarbeit stets als Impulsgeber und Anker des Zusammenhalts empfunden habe. Dennoch wolle er nicht im Groll gehen. „In 35 Jahren haben wir als FDP viel erreicht, und ich bin zufrieden mit dem, was ich geschafft habe“, sagt Piesold. Seine Partei habe alleine in Hanau viele schwere Phasen durchgemacht, sei in den 1980er Jahren völlig zerstritten gewesen. Wiederholt habe man es später nicht geschafft, ins Stadtparlament einzuziehen. Den Gedanken, die Vorstandsarbeit aufzugeben, habe er mehrfach im Kopf gehabt. Aber: „Man kann kein Amt aufgeben, wenn die FDP am Boden ist.“ Inzwischen stehe die Partei besser da, verzeichne einen Mitgliederzuwachs. Ein guter Zeitpunkt für Piesold, das Handtuch zu werfen. „Ich muss ihnen auch ehrlich sagen – ich habe keine Lust mehr.“

Piesold will auch künftig nicht schweigen

Am Ende seiner Rede stellte Piesold in Aussicht, dass das Ausscheiden aus dem Vorstand jedoch nicht bedeute, dass er deswegen politisch nicht mehr in Erscheinung treten werde. „Es gibt immer noch Dinge, die es zu kritisieren gilt. Dazu werde ich auch in Zukunft meine Meinung sagen – da können Sie machen, was Sie wollen.“ Zudem kündigte Piesold an, sich stärker im Kreis engagieren zu wollen.Dann wählen die Liberalen einen neuen Vorstand. Einen Nachfolger für Piesold finden sie in Strategie- und Kommunikationsberater Henrik Statz. Dieser erhält auch Unterstützung von Vorgänger Piesold, der die Sitzung entgegen seiner vorherigen Ankündigung doch nicht vorzeitig verließ.

Vogt und Weller als Stellvertreter

Statz stelle eine notwendige Verjüngung dar, so Piesold. Der 1974 geborene Statz wirbt in seiner Vorstellung für ein neuerstarktes Miteinander: „Zerstrittenheit ist nicht gut für eine Partei.“ Der Blick solle vor allem nach vorne gehen, um mit neuen sowie erfahrenen FDPlern positives für die Partei zu erreichen.Zur Seite gestellt werden ihm die Stellvertreter Holger B. Vogt und Michael Weller, Schatzmeister Michael Truckenbrodt sowie Europabeauftragter Tobias Funk. Als Beisitzer wurden Angelika Opfermann, Marion Oberesch, Ramona Fetz, Janine Weller-Beunings, Arnd Jacobim Robert Stauch und Marc Schmidt gewählt.

Stimmen zur Wahl und zur Situation bei den Hanauer Liberalen

Thomas Morlock (Stadtrat):„Ich habe Respekt vor Ralf-Rainer Piesolds Entscheidung, die für ihn als politisch engagierter Mensch sicherlich keine leichte gewesen ist. Darüber hinaus haben wir heute ein sehr erfreuliches, geschlossenes Ergebnis für die FDP Hanau gesehen. Wichtig ist, dass hinter unserem Vorsitzenden ein geschlossenes Team angetreten ist, das bereits einen gewissen Aufbruch spürbar gemacht hat. Deshalb denke ich, dass die FDP Hanau gut aufgestellt ist – eher sogar besser als in den vergangenen Jahren. Die Mischung aus gestandenen und neuen Mitgliedern ist ein gutes Zeichen. Vielleicht wird sich sogar wieder ein Verband der Jungen Liberalen gründen.“

Kolja Saß (FDP-Kreisvorsitzender): „Ich denke, die Kombination aus erfahrenen und neuen Mitgliedern ist ein guter Neuanfang. Allerdings ist es – das hat auch Ralf-Rainer Piesold bereits gesagt – kein richtiger Neuanfang, sondern es gilt, die Erfolge der Vergangenheit zu toppen. Dafür braucht es ein breiteres Team, das ist jetzt da. Entsprechend bin ich guter Hoffnung, dass es neue und gute Erfolge geben wird.“

Henrik Statz (Neuer Stadtverbandsvorsitzender): „In unserem Team hat sich alles erfüllt, was wir uns vorgenommen haben. Die Zusammensetzung stimmt und ist aus meiner sicht eine gute, schlagfertige Truppe. Am Montag haben wir die erste Fraktionssitzung, da können wir direkt loslegen. Der Erneuerungsprozess, den wir angestoßen haben, war glaube ich nötig für die Hanauer FDP. Wir können jetzt eine Art kleines Reset machen, um dann wieder alle an einem Strang zu ziehen.“

Marion Oberesch (Stadtverordnete):„Als Ralf-Rainer Piesold aus dem Koalitionsausschuss ausgeschlossen wurde, ist sicherlich einiges schief gelaufen, auch, weil er die Nachricht zuerst aus der Zeitung erfuhr. Dass er sich anschließend dann von der Partei entfernt hat, war für mich jedoch nicht nachvollziehbar, man konnte nicht mehr miteinander sprechen. Wir bedauern natürlich, dass Herr Piesold mit seiner sachlichen Erfahrung nicht mehr zur Verfügung stand und steht. Deswegen hoffen wir, dass der neue Vorstand eine bessere Zusammenarbeit fördert. Wir müssen jetzt nach vorne gucken.“

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