Das Kraftwerk Staudinger versorgt Hanau mit Fernwärme - noch. Der Vertrag läuft 2024 aus. Archivfoto: Mike Bender

Hanau

Stadtwerke stellen auf ein klimaneutrales Tarifsystem um

Hanau. Noch im alten Jahr war den Privatkunden für Fernwärme der Stadtwerke Hanau ein Schreiben ins Haus geflattert, in dem das Unternehmen die Bezieher davon informierte, dass zum Stichtag 1. April 2020 ein klimaneutrales Tarifsystem mit verkürzten Laufzeiten eingeführt wird. Gestern ist darüber ausführlich informiert worden.

Von Thomas Seifert„Zwar ist dieser Tarif mit 8,11 Cent pro Kilowattstunde um 5,3 Prozent teuerer als der bisherige Bezugspreis, hätten wir aber die Umstellung nicht vorgenommen, würde auf die Kunden ein Arbeitspreis von 11,97 Cent zukommen. Das wären 3,85 Cent pro Kilowattstunde mehr, was im Endeffekt rund 900 Euro mehr bei einem Durchschnittsbezug ausmachen würde. So müssen die Bezieher künftig lediglich rund 100 Euro im Jahr mehr bezahlen“, rechnete Stadtwerke-Chefin Martina Butz vor.

Kompliziert wird die Umstellung der Fernwärme nach Strom und Gas auf einen klimaneutralen Tarif aus mehrfacher Hinsicht. Um den „Fernwärme Plus“-Tarif anwenden zu können, müssen die Kunden die Kündigung ihres alten Bezugsvertrags akzeptieren. „Das ist rechtlich so vorgeschrieben, weil die Stadtwerke quasi das Monopol als Fernwärmeversorger haben und – anders als bei Strom und Gas – der Kunde nicht einen anderen Anbieter auswählen kann“, betonte die Geschäftsführerin.

Reaktionen auf die Umstellung

Es habe, seit die Briefe verschickt wurden, auch schon viele Anfragen von Kunden gegeben, die Reaktionen auf die Umstellung auf Klimaneutralität bei der Fernwärme habe unterschiedlichste Reaktionen von Zustimmung bis Ablehnung gezeitigt. Allerdings seien die Hanauer „sensibilisiert für Klimafragen und haben zum Großteil verständnisvoll auf die Umstellung und die moderate Erhöhung reagiert, die – hätten wir das alte Berechnungssystem beibehalten – weit krasser ausfallen hätte müssen“, warb Martina Butz um Verständnis. Sollten Fragen zur Umstellung auftauchen, seien die Kundenberater der Stadtwerke weiterhin kompetente Ansprechpartner.

Den Preis in die Höhe treibt einerseits die Beschaffung der Fernwärme, die zum Großteil im Kohlekraftwerk Staudinger in Großkrotzenburg produziert wird, und andererseits der Ankauf von Kohlendioxid-Zertifikaten. Bislang haben sich die Stadtwerke am verpflichtenden staatlich regulierten Markt bedient, künftig werden notwendige Zertifikate, um überhaupt klimaneutral werden zu können, auch auf dem freien Markt bei der Nachhaltigkeitsagentur KlimaInvest aus Hamburg eingekauft, „was uns Kosten einspart“, betonte Matthias Fernitz, Bereichsleiter Dezentrale Energie.

Mit den Kohlendioxid-Zertifikaten werden vor allem in Dritte-Welt- und Schwellenländern Projekte finanziert, die der Einsparung von Kohlendioxid-Ausstoß dienen, um vor Ort verursachte Emissionen – zum Beispiel durch die Verbrennung von Kohle oder Gas zur Wärmegewinnung – auszugleichen. „Über komplizierte mathematische Formeln, die sowohl von einem Gutachter als auch einem Wirtschaftsprüfer unter die Lupe genommen wurden, ist die neue Preisgestaltung errechnet worden, mit der nun auch die Fernwärmeerzeugung klimaneutral wird“, stellte Matthias Fernitz fest.

Neuer klimaneutraler Tarif

Der neue klimaneutrale Tarif werde Zug um Zug auch bei den industriellen Großkunden eingeführt, die von den Stadtwerken Fernwärme beziehen. „Da muss aber jeder einzelne Vertrag gesondert betrachtet und ausgewertet werden, da sie zu unterschiedlichen Konditionen und Laufzeiten ausgehandelt worden sind“, kündigte Geschäftsführerin Butz an. Parallel dazu verfolge man bei den Stadtwerken verschiedene Denkansätze, wie die Fernwärmeversorgung nach 2024, dem Ende des Vertrags mit dem Staudinger-Betreiber Uniper, gesichert werden soll.

„Da gibt es die verschiedensten Modelle und mögliche Partner. Wir spielen derzeit die unterschiedlichsten Szenarien durch, denn hier kann es auch um hohe Investitionssummen gehen. Wir müssen hierbei immer unsere Kunden im Auge behalten, um ihnen zum bestmöglichen Preis über 2024 hinaus Fernwärme liefern zu können“, fügte Matthias Fernitz hinzu.

In Hanau beziehen insgesamt rund 1200 Kunden – in der Weststadt rund 80 Prozent, im restlichen Stadtgebiet etwa 30 Prozent der Haushalte – Fernwärme von den Stadtwerken, die von 60 bis über 90 Prozent derzeit noch vom Großkrotzenburger Kohlekraftwerk erzeugt wird. Die Stadtwerke selbst betreiben in Wolfgang und der Weststadt zwei eigene Gaskraftwerke.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema