Federleicht ist diese Brosche aus „Mondstaub“ mit Gold, Perlmutt und Diamantsplittern. Foto: Jutta Degen-Peters

Hanau

Die Stadtgoldschmiedin Silvia Weidenbach mag Opulenz

Hanau. Sie ist Querdenkerin, pulsierendes Feuerwerk der Ideen und Theorien, die sich fortwährend verschränken und verbinden. Silvia Weidenbach, Hanaus derzeitige Stadtgoldschmiedin, sprüht nur so, als wir sie an ihrem Interims-Arbeitsplatz in der Staatlichen Zeichenakademie treffen.

Von Jutta Degen-Peters

Der weiße Kittel verleiht der Frau mit der verrückten schwarzen Brille ein geschäftiges Aussehen. Während sie von ihrer Arbeit erzählt, wippen die Spitzen der hochgesteckten schwarzen Haare im Takt ihrer Worte. An der Frau ist alles in Bewegung, besonders die Gedanken.

In der Bibliothek der Zeichenakademie stöbert sie nach historischen Vorlagen

Dem Ruf der Goldschmiedestadt Hanau zu folgen, hat die umtriebige Schmuckgestalterin gereizt. Hier würden, so sagt sie, an der Zeichenakademie mit Ziseleuren, Graveuren, Gold- und Silberschmieden noch die auf den klassischen handwerklichen Fertigkeiten beruhenden Berufe vermittelt. Das passe perfekt zu ihrer Vorliebe für die „virtual reality“. Denn hier gibt es neben den klassischen Werkzeugen auch die virtuelle Werkzeugkiste. Was sie damit meint, zeigt sie wenig später anhand eines speziellen Computerprogramms.

Zunächst aber geht es beim Rundgang mit der Redakteurin in die Bibliothek der Zeichenakademie, wo die Künstlerin in alten Vorlagen stöbert. Hier werden die Schätze vergangener Jahrhunderte aufbewahrt. „Ich interessiere mich sehr für Historisches“, erklärt sie, „besonders für die Fertigung der Schmuck- und Golddosen, für die Hanau berühmt war.“

In London fand sie den idealen Ort für eine besondere Leidenschaft

Vom 2. Juli bis vor wenigen Tagen hielt sich Weidenbach in Hanau auf. „Ich bin hungrig und muss gefüttert werden“, sagt die gebürtige Pfälzerin, die ihrerseits die Absolventen der Zeichenakademie fütterte mit dem, was sie an Erkenntnissen über die vergangenen Jahre hinweg gewonnen hat. Diese Jahre hat sie in der britischen Hauptstadt verbracht.

In London fand sie den idealen Ort für eine besondere Leidenschaft: die neuen Technologien und die virtuellen Realitäten. Es habe sie, die das Grenzüberschreiten in der Kunst liebe und nichts öder finde als das Schubladendenken, nach England gezogen, weil es in Deutschland vor einer Dekade noch nicht so weit her gewesen sei mit der Experimentierfreudigkeit. „Hier hatte man Sorge, die new technologies würden das Handwerk zerstören“, erklärt sie. Diese Bedenken gab es in Großbritannien nicht. Somit war dort die ideale Spielwiese für Weidenbachs Cross-over-Schmuckgestaltung.

Alte Werkstoffe und neue Techniken

Mittlerweile hat sich in Sachen new technologies auch in Deutschland einiges getan, sagt die 39-Jährige. Davon zeuge die Ausstattung in der Zeichenakademie mit CNC-Fräse, 3-D-Drucker und Virtual-Reality-Spielereien. „Hier haben wir die volle Schatzkiste der Materialien, alte Werkstoffe und neue Techniken“, freut sich Weidenbach, die nun auch ihren Studenten etwas von dem vermitteln kann, worin sie in England aus dem Vollen schöpfen konnte.

Bei den Workshops in der Zeichenakademie, die inzwischen beendet sind, konnte sie den angehenden Schmuckgestaltern zeigen, wie sich auch im Verknüpfen von Alt und Neu ihre Leidenschaft ausdrücken lässt: „Ich interessiere mich für Zierde und Dekor,“, sagt die Frau, die eine exzessive Freude am Schmücken hat.

Ungeahnt einfallsreiche Formen und Figuren zaubern

Vorsichtig packt sie eine Brosche aus, die sie für die Gilbert Collection in London gestaltet hat: Ein hauchdünnes Perlmuttplättchen, in dessen Mitte ein kleineres, mit Diamanten besetztes Goldplättchen sitzt, wird von schwarzen Schlingen und Schlaufen in Zahnpastagröße umschlossen. Die Brosche ist federleicht. Das schwarze Geflecht besteht aus „Mondstaub“ aus dem 3-D-Drucker, entworfen mit einem Spezialprogramm.

Um zu demonstrieren, wie das funktioniert, darf nach der Schmuckgestalterin auch die Journalistin mal die Brille aufsetzen und mit den beiden Controller-Griffen herumhantieren. Schnell wird klar, was das Medium so faszinierend macht. Damit lassen sich im freien Raum unter Einsatz des ganzen Körpers in frei schwingenden Bewegungen ungeahnt einfallsreiche Formen und Figuren zaubern. Diese können im Handumdrehen umgesetzt werden in ein haptisches Erlebnis.

Zwischen traditionellen Goldschmiedetechniken und digitalem Design

Ein Katalog, den sie aus Glasgow von ihrer Lehrtätigkeit an der Glasgow School of Art mitgebracht hat, dokumentiert, was das Kombinieren von alten und neuen Techniken und Materialien so spannend machen kann. Im Katalog lässt sich nachvollziehen, wie die Studenten Weidenbachs, inspiriert von einem historischen Gemälde der englischen Königin Elisabeth im Queen's House, Schmuckstücke entwarfen und anschließend in Szene setzten.

Sie wählten ihr Outfit, die Frisuren, die Maske und die Art, sich damit oder darin zu bewegen, passend zum historischen Vorbild aus und ließen sich damit fotografieren. Entstanden ist so eine schmuckgestalterische und äußerst kreative Zeitreise zwischen traditionellen Gold- und Silberschmiedetechniken, digitalem Design und 3-D-Druck.

Ausstellung im Deutschen Goldschmiedehaus

Über kreative Zeitreisen und jede Menge britischen Input dürfen sich auch die Hanauer Studenten freuen. Inspiriert durch historische Stücke wie Hanaus Luxus-Golddosen aus dem 18. Jahrhundert, sahen und sehen sie sich angeregt zum Experimentieren mit Form, Muster, Farbe, Verfahren und Materialien. Daraus entstehen können dann komplexe und bisweilen verrückte Schmuckstücke.

Von Weidenbachs Kreativität können sich die Hanauer bei einer Ausstellung im Deutschen Goldschmiedehaus Anfang nächsten Jahres ein Bild machen. Sie wird sich an die bis 9. Januar dauernde Silber-Triennale anschließen.

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