Für viele Bewohner des Freigerichtsviertels – die Häuser und einer der beiden Wohnblocks an der Dunlopstraße sind rechts im Bild zu sehen – war die Nähe zum Unternehmen Dunlop nie ein Problem. Luftbild: Axel Häsler

Hanau

Sportsfield: (Ex-)Bewohner aus Freigerichtviertel erinnern sich

Hanau. Sie sind alle irgendwie „Kinder des Freigerichtviertels“: Zwischen Freigericht- und Limesstraße geboren und aufgewachsen, haben sie dort ihre Freizeit verbracht, gearbeitet und sich dort zu Hause gefühlt.

Von Jutta Degen-Peters

Ob sie unter der Nähe zum Reifenhersteller Goodyear Dunlop gelitten haben und wie sich Lärm und Geruch auf ihr Leben ausgewirkt haben, das erzählen die drei im Gespräch mit unserer Zeitung.

Für Alpay Emetli, der direkt neben der Firma Dunlop großgeworden ist – und der seine dort nach wie vor lebenden Eltern dort häufig besucht – ,waren die Lärm- und Geruchsimmissionen, die heute ein Wohngebiet Sportsfield unmöglich zu machen scheinen, nie ein großes Thema: „Wir hatten andere Probleme, zum Beispiel die beengten Wohnverhältnisse mit 44 Quadratmetern für Eltern und Kinder.“ Das bedeutete, keine Rückzugsmöglichkeit, kein Ort, um in Ruhe die Hausaufgaben zu machen. Dass so viele Familien in den kleinen Wohnungen lebten, hatte einen einfachen Grund: Bezahlbarer Wohnraum war schon damals knapp.

Lärm und Geruch sei kein Problem gewesen

Umso unverständlicher findet es der 1974 in der Leipziger Straße 30 geboren ist und wenige Jahre später in die Freigerichtstraße 85 zog, dass auf Sportsfield 400 Wohnungen mit je rund 75 Quadratmetern der Abrissbirne zum Opfer fallen sollen. „Wir sind im Begriff, 30 000 Quadratmeter Wohn- und 100 000 Quadratmeter Grundstücksfläche zu vernichten.“ Und da er als stellvertretender Leiter des Hanauer Revisionsamtes mit Zahlen vertraut ist, schätzt er grob: 22 Wohnblocks mit einem ungefähren Wert von 60 Millionen Euro, plus die sechs Millionen, die in die Sanierung gesteckt worden sind, plus die Kosten für den Abriss und das, was für die Neubeschaffung von Wohnraum aufgewendet werden müsse, da sei man schnell bei 200 Millionen Euro und mehr. „Die Leute in Berlin haben nichts von der Realität begriffen“, lautet daher sein Fazit.

Und alles nur, weil das Planungsrecht den Bedürfnissen der Menschen entgegenstehen. Lärm und Geruch hätten in seiner Kindheit und Jugend niemanden gestört. Zwar habe man, wenn der Wind aus einer bestimmten Richtung blies, morgens und abends einen süßlichen Geruch wahrgenommen – immer dann, wenn Kautschuk für die Produktion gemischt worden sei. Aber genossen hätten die Kinder die großen quadratischen Garten- und Grünflächen innerhalb der beiden Wohnblocks, die von jeder Wohnung aus über den Keller erreichbar waren. „Die Freundschaften aus dem Sandkasten halten bis heute an“, beschreibt Emetli den besonderen Wohnort.

Man sei mit dem Wohnort zufrieden gewesen

Auch Esma Duran kann nicht im Ansatz nachvollziehen, weshalb es einen Unterschied zwischen den Bewohnern des Freigerichtviertels und möglichen Neubewohnern eines Sportsfield-Viertels geben soll. Die 32-Jährige ist im Freigericht geboren und aufgewachsen und lebte dort, bis sie vor fünf Jahren nach ihrer Heirat in die Hanauer Innenstadt zog. „Meine Arbeit ist aber nach wie vor dort“, erklärt die selbstständige Friseurmeisterin, deren Salon unter der Wohnung ihrer Eltern liegt. „Es war schon immer angenehm, im Freigerichtviertel zu leben, von Geruch oder besonderem Lärm habe ich nie etwas bemerkt.“

Von Freunden, Nachbarn und Bekannten weiß sie, dass diese auch immer sehr zufrieden mit ihrem Wohnort gewesen seien. „Das merkt man ja auch daran, dass sie alle dort ganz viele Jahre wohnen bleiben.“ In ihrem Friseursalon sei „der Fall Sportsfield“ immer wieder Thema. Und ihre Kunden, von denen ebenfalls viele aus dem Viertel kommen, verstünden so wenig wie sie, weshalb Paragrafen und Verordnungen so weit vom echten und normalen Leben entfernt seien. „Ich hoffe, die 400 Wohnungen können erhalten werden“, sagt sie.

„Der Geruch war für uns nie ein Thema“

Kein Verständnis für das Messen mit zweierlei Maß hat auch Reinhard Lauer. Der 74-Jährige ist im Freigerichtviertel geboren, lebt nach wie vor in der Saalburgstraße und war 44 Jahre bei Dunlop im Transport und als Schichtleiter beschäftigt. „Der Geruch war für uns nie ein Thema“, sagt er und erinnert sich an frühere Zeiten. Als noch Naturkautschuk eingesetzt wurde, habe man das bei Regen oder großer Hitze stärker wahrgenommen. Heute werde Chemie eingesetzt, da rieche man nichts mehr. Lauer, der einst Betriebsratsmitglied war, sagt zu Geruch und Lärm: „Ich hab hier immer gern gelebt, belastet hat mich's nie!“

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