Ist der Angeklagte wirklich drogenabhängig? Ein erstes Gutachten sagt Nein, es soll ein weiteres folgen (Symbolbild).

Hanau

Spielplatzraub: Keine Drogen in Haarprobe nachgewiesen

Hanau. Er hat unter anderem Jugendliche auf einem Spielplatz in Hanau mit einem Messer bedroht, will aber schwer drogenabhängig und damit vermindert schuldfähig gewesen sein: Ein Gutachten lässt jedoch an der Aussage des 27-jährigen Angeklagten Zweifel aufkommen. In seinem Haar fand der Gutachte keine Spur von Dro­gen.

Von Dieter A. GraberDer Räuber Soufiane J. hat schwarze, lockige Haare und eine ganze Menge davon. Ein neuneinhalb Zentimeter langes Büschel dieser Pracht ist in die Beweisaufnahme ein­gegangen. Der Frankfurter Toxikologe Stefan Tönnes hat es untersucht.Sou­fiane J. werden drei Überfälle zur Last gelegt. Er gibt vor, schwer dro­genab­hängig gewesen zu sein. Para­graph 21 StGB sieht in solchen Fällen „vermin­derte Schuldfähigkeit“ vor. Professor Tönnes fand aber keine Spur von Dro­gen im Haar des Ange­klagten. Dessen Verteidigungsstrate­gie bröckelt.

180-Grad-KehreTönnes ist der vierte Gutachter in die­sem Verfahren. Der erste war Cor­ne­lius Schott, Humanbiologe aus Lan­genselbold. Der Anthropologe identi­fiziert Verdächtige auf Fotos und Vi­deomitschnitten. Schott fertigte Auf­nahmen von Soufiane J. im Gerichts­saal an und verglich sie mit den Bil­dern der Überwachungskamera einer Hanauer Tankstelle, die der Ange­klag­te vergangenen Juli überfiel.Fa­zit: „Er war’s, kein Zweifel.“ Gutach­ter Nummer zwei ist Werner Richt­berg, Psychologe aus Frankfurt. In seiner ersten Expertise kam er zu dem Schluss, der Delinquent schütze die Drogensucht nur vor. Sein krimi­nelles Vorgehen sei eher Ausdruck ei­ner dis­sozialen Per­sönlichkeit. Nach einer zweiten Exploration schaffte Richt­berg anstandslos eine 180-Grad-Kehre und attestierte ihm nun, voll auf Ko­kain gewesen zu sein. Der Prozess platzte darauf­hin.

0,7 bis 1,4 Millime­terAuf ein Neues also, mit einem drit­ten Gutachter. Der renommierte Psy­chi­ater Ansgar Klimke nahm sich das magere Bürschchen ebenfalls vor; das Ergebnis seiner Untersuchung wird demnächst zu hören sein. Aber damit ist das Aufgebot wissen­schaftlichen Expertentums noch nicht erschöpft. Und das hat wiederum mit der Haar­pracht des Angeklagten zu tun.

Bei einem durchschnittlichen Mittel­europäer wachsen die Hornfäden auf dem Kopf, die vorwiegend aus dem Faserprotein Keratin bestehen, im Monat zwischen 0,7 und 1,4 Millime­ter. Da bei Soufiane J. die Haarprobe fünf Monate nach der letzten Tat ge­nommen wurde, hätten sich die Dro­gen, unter denen er gestanden haben will, also noch feststellen lassen müs­sen.Gutachten Nummer fünfAber Soufiane J. ist kein durch­schnittlicher Mitteleuropäer. Er stammt aus Marokko. Vielleicht sprießt der Schopf unter Nordafrikas Sonne ja schneller als in nördlichen Gefilden, wer weiß?  Da müsste man einen Sachverständigen fragen. Ge­sagt, getan: Richter Andreas Weiß be­stellte umgehend ein weiteres Gut­achten, diesmal bei einem Dermato­lo­gen.

 

Der wäre dann die Nummer fünf. Aber der Prozess ist ja noch nicht zu Ende … Nebenbei bemerkt: So eine wissenschaftliche Arbeit kos­tet locker ein paar Tausend Euro. Die Beute von Soufiane J.: etwa 225 Euro in bar, eine Goldkette, wenige Hun­dert Euro wert, sowie ein Päckchen Marlboro für sechs Euro. Tja, Recht­sprechung kann ganz schön ins Geld gehen …

"Er hielt mir ein Messer vor den Bauch"Apropos Geld: Miquel C. (22) wurde im vergangenen Juni von Soufiane J. in der Nähe des Hauptbahnhofs überfallen. „Er hielt mir ein Messer vor den Bauch und verlangte mein Porte­mon­naie. Dann schlug er mir ins Ge­sicht und riss mir meine Goldkette vom Hals“, erinnerte er sich vor Ge­richt.Hinten im Saal 216 sitzt Ahmed J., der Vater des Angeklagten. Er ist 74 Jahre alt. Er hat graue Haare und das traurige Gesicht eines Mannes, an dem das Leben vorübergezogen ist, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Er hatte einmal zwei Söhne. Der eine wurde nach einem Überfall von der Polizei erschossen. Der andere sitzt jetzt hier und schaut an ihm vorbei ins Nichts.

Familienschmuck zu Geld ge­machtSoufiane J. hat in be­trügerischer Ab­sicht mehrere Dutzend Handyverträge abgeschlossen, um die teuren Endge­räte  zu verscherbeln. Er hat mehrere Wohnungseinbrüche be­gangen. Er hat den Familienschmuck zu Geld ge­macht und alles in wenigen Stunden verzockt. Sportwetten, viel­leicht auch Daddelautomaten. Die Schuld gibt er anderen. Den zu nach­giebigen Eltern.Den Drogen. Der Ausländerbehörde, die seine Duldung in Deutschland je­weils nur für drei Monate fortschrieb.  Den Vater be­drohte er einmal mit ei­nem Messer. Später jagte er ihn da­von, aus dem Haus, aus der Stadt, ei­nen verzwei­felten alten Mann, der sich vor lauter Angst vor seinem ge­walttätigen Sohn nach Marokko flüchtete. Es liegt auf der Hand, dass Sou­fiane J. ihn ver­achtet.Familie hat zu­sammengelegtNachgiebig­keit ist Schwäche in seinen Augen. Er ent­stammt einer Kultur, in der Frauen nichts gelten. Ein Mann, der, wie sein Vater, sein Leben lang den Buckel krumm machte, der drei Töchter auf­zog mit Liebe und Verständnis, so dass mo­derne Frauen aus ihnen wur­den, die im Leben stehen, während er, der ein­zig übrig gebliebene Sohn, zu den Verlierern gehört, dürfte ihn schwer ankommen.

Und nun also bringt eine dieser Schwestern Bargeld in den Gerichts­saal – 1000 Euro; die Familie hat zu­sammengelegt –, das für Miquel C. be­stimmt ist. Eine Geste der Wie­der­gutmachung. Der Entschuldi­gung. Der Scham vielleicht über das, was ihm von einem der ihren angetan wurde. Soufiane J. lässt es geschehen, ohne dass sich gelangweilter Ge­sichtsausdruck ändert.

Das ist die wirkliche Tragik dieser Ge­schichte.

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